Nur noch Kühe ohne Hörner?

enthornte_Milchkuh_PROVIEH_100_085911.10.2011: Auf etlichen Verpackungen von Milchprodukten sind Rinder mit Hörnern auf Bergwiesen abgebildet. Leider spiegeln sie nicht die Realität wieder. Denn sieht man sich in der deutschen Weidelandschaft um, gehören behornte Rinder zur Ausnahme. Mehr als 90 Prozent aller Kühe in Deutschland werden bereits als Kälber enthornt.

Deutsche Kälber dürfen bis zu sechs Wochen nach ihrer Geburt ohne Betäubung enthornt werden. Dies ist ein äußerst schmerzhafter Prozess, denn die Hörner sind mit empfindlichen Nervenbahnen durchzogen. Bis zu 24 Stunden danach leiden die Kälber unter den Schmerzen des Eingriffs. Untersuchungen an enthornten Rindern wiesen sogar Verhaltensänderungen bis zu 13 Tagen nach dem Eingriff auf.

Glaubt man den Argumenten der intensiven Rindermäster, so sind behornte Rinder eine Gefahr – für ihre Artgenossen und für die Tierhalter. Durch Hornstöße fügen sie sich in der Herde gegenseitige Verletzungen zu. Kein Wunder: In den industriellen Tierhaltungsanlagen, ob Rindermast oder Milchkühe, haben die Tiere oft so wenig Platz, dass sie den Angriffen von ranghöheren Tieren nicht ausweichen können. Sie werden auf engstem Raum zusammen gepfercht, weil der Tierhalter Geld sparen will, anstatt größere Ställe zu bauen.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass enthornte Tiere friedlicher sind als behornte. Sie gehen behornte_Kuh_S_Johnigk_IMG_1704genauso auf einander und auf den Menschen los und können sich gegenseitig verletzen. Es kommt sogar öfter zu Rangeleien als zwischen hörnertragenden Rindern. Nicht die Hörner sind entscheidend, sondern der Grad der angestauten Aggressionen. Je mehr von ihnen auf engstem Raum zusammen stehen, desto aggressiver werden sie: Das wurde in einem Versuch an der Uni Witzenhausen nachgewiesen. Einer Herde mit 85 behornten Schwarzbunten Niederungsrindern wurden im Wartebereich vor dem Melkstand drei verschiedene Platzvarianten von 1,7 m²; 2,5 m² und 4 m² je Tier angeboten. Mit abnehmendem Platz nahm die Heftigkeit der Kämpfe zu. Die Tiere stießen sich gegenseitig die Hörner in die Flanken und in den Bauch. Bei zunehmendem Platzangebot bis  2,5 qm je Tier waren die Rinder viel ruhiger, denn sie konnten sich gegenseitig ausweichen.

Hörner haben auch im Sozialverhalten eine wichtige Funktion: Beim Drohen dienen sie zum Imponieren. Bei Rangkämpfen erschweren sie ein Abrutschen der Köpfe.  Tiere ohne Hörner wahren weniger Distanz zueinander. Hörner werden zur Körperpflege und als Werkzeuge genutzt (zum Beispiel beim Öffnen von Türen und Fressgittern). Bei entsprechend großem Platzangebot sind Hörner kein Problem. So verbieten die Demeter-Richtlinien beispielsweise das routinemäßige Enthornen auf Demeter-Betrieben und auch die Schweizer KAG Freiland zeigt Schweizer Bauern, die problemlos Kühe mit Hörnern im Laufstall halten. Fordern auch Sie ein Enthornungsverbot bei Kälbern mit Ihrer Unterschrift auf einer E-Petition des  Deutschen Bundestages. Noch bis zum 11.11.11 können Sie unterschreiben:

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=19699

 

Susanne Aigner, Fachreferat Witzenhausen

Foto: PROVIEH


Weiterführende Quellen:

 

Kuh-Romantik mit Hörnern (TAZ vom 7.1.2011):
http://www.taz.de/!63892/

Zur Kuh gehören Hörner (Basler Zeitung v. 18.08.2010):

http://bazonline.ch/wissen/natur/Zur-Kuh-gehoeren-Hoerner/story/29584269

Waiblinger, S., Binder, R., Hagen, K.: Enthornung… horntragender Rinder und Ziegen aus veterinärmedizinscher, ethologischer, ethischer und tierschutzrechtlicher Sicht. Untersuchung an der Uni Wien. In: Tagungsband des DVG, München, Mai 2011.

www.oekolandbau.nrw.de/fachinfo/tierhaltung/milchkuehe/behornte_kuehe/hoernersemiar.php

Zipp, K.; Irrgang, N., Knierim, U.: Einfluss des Platzangebotes im Vorwartebereich auf Herzfrequenz und agonistisches Verhalten horntragender Milchkühe… Studie an der Universität Kassel/Witzenhausen. In: KTBL-Schrift 482; Freiburg, 2010.

KAGFreiland:

Projekt „Horn auf“: www.kagfreiland.ch/kagfreiland.asp?lv1=17&lv2=1

Demeter-Richtlinien auf einen Blick:

https://provieh.de/s2490.html