Schreibt der FOCUS jetzt für die Pharma-Industrie?

In dem Bericht „Gestank, fein maskiert“ verunglimpft der FOCUS die Ebermast und präsentiert die Immunokastration mit dem Impfstoff „Improvac“ als goldene Lösung. Der Beitrag könnte auch als bezahlte Anzeige vom Hersteller durchgehen.

In seiner Printausgabe Nr. 41 vom 10. Oktober 2011 druckte das Wochenblatt FOCUS auf Seite 70 einen von Kurt-Martin Mayer gezeichneten Beitrag, der verdächtig nach Gefälligkeit riecht. Der Pharmariese Pfizer, Monopolist beim Angebot des Impfstopfes „Improvac“ zur Immunokastration von männlichen Schweinen, versucht seit einigen Jahren erfolglos sein Produkt in den Europäischen Markt zu drücken. In Deutschland will ihn keiner. Nun werden als letzte Waffe im Kampf um den Markt offenbar Journalisten eingesetzt.

Eberchen_Angler-Sattelschweine_Stefan-Johnigk-provieh_929_AusschnittBei der Ebermast geht es um einen Meilenstein im Tierschutz. Während Tierschutzvereine und Fleischindustrie inzwischen gemeinsam an einer konstruktiven Lösung arbeiten, wird das Erreichte nun vom FOCUS unsachlich durch den Dreck gezogen.

Wahr ist, dass es im Durchschnitt bei drei bis fünf Prozent der männlichen unkastrierten Tiere, aber auch bei einer nicht näher untersuchten Zahl von Sauen sowie Binnenebern (mit unentdeckten Schlupfhoden) zu leichten Geruchsauffällig- keiten kommt. Bei den Jungebern werden diese durch die derzeit eingesetzten Erkennungsmethoden (Kochprobe, menschliche Spürnasen) in den Schlachthöfen aussortiert. Sauen mit Geruchsauffällig- keiten blieben schon immer und bleiben auch bis zur Fertigstellung der elektronischen Nase zur automatischen Geruchserkennung am Schlachtband unentdeckt.

Doch wahr ist auch, dass das leicht geruchsauffällige Fleisch - anders als vom FOCUS dargestellt - keineswegs minderwertig ist, weder von seiner Konsistenz noch von seiner Qualität her. Es riecht nur beim Braten oder Kochen kurz auffällig, nur für einige Menschen, unangenehm. Manchmal schmeckt man auch etwas beim Verzehr, vor allem wenn das Fleisch kaum gewürzt ist.

Sollen deshalb ganze Schweine einfach weggeworfen werden? Wenn die fleischverarbeitenden Betriebe leicht geruchsauffälliges Fleisch in Produkte einarbeiten, die bei der Herstellung erhitzt und traditionell schon immer mit Würze versehen wurden und lecker schmecken, wem geschieht dann Leid? Diese Erzeugnisse in die Nähe der Gesundheitsschädlichkeit zu rücken, wie es Herr Mayer es im FOCUS tut, ist eines neutralen Journalisten unwürdig.

Den Jungebern bleibt durch die Jungebermast die schmerzvolle Kastration erspart, die in über 99 Prozent aller deutschen Betriebe bisher ohne Betäubung durchgeführt wird. Die Bauern müssen also nicht länger ihre Tiere verstümmeln und keinen teuren Impfstoff kaufen. Und die Verbraucher bekommen magereres Schweinefleisch mit mehr ungesättigten Fettsäuren, ganz wie von Ernährungsberatern empfohlen.

Improvac dagegen überzeugt weder die Bauern noch die Schlachthöfe. Sie haben nicht nur wegen möglicher Fehlimpfungen (die ebenfalls eine Geruchserkennung im Schlachthof notwendig machen!) und Schäden durch Impfabszesse Bedenken gegen den Impfstoff. Sorge macht der Branche auch, dass man von einem Monopolisten namens Pfizer abhängig werden könnte. Ein Vertreter von Pfizer gab gegenüber PROVIEH in einem Gespräch unter vier Augen unlängst offen zu, dies sei ein verständlicher Einwand, den er nicht entkräften könne. Sollte sich nämlich die Immunokastration am Markt durchsetzen, müsste später jeder Preis gezahlt werden, den Pfizer verlangt. Dieses pikante Detail verschweigt der FOCUS aber geflissentlich.

PROVIEH hat sich seit dem Kampagnenbeginn im Juni 2008 daher eindeutig positioniert: Die beste Lösung ist die Ebermast. Wir sind froh und glücklich, dass nach anfänglichem Zögern auch der Deutsche Bauernverband (DBV), der Verband Deutsche Fleischwirtschaft (VDF) und der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) in der „Düsseldorfer Erklärung“ vom 29. September 2008 die Ebermast als erreichbares, oberstes Ziel festgeschrieben haben.

Einen Keil wird eine so offensichtlich interessengeleitete Schreiberei in diese Allianz für die Ebermast nicht treiben können. Es ist trotzdem sträflich, dass ein angebliches „Nachrichtenmagazin“ wie der FOCUS sich für so eine billige Diffamierungsaktion hergibt und sich damit weit von seriöser Berichterstattung entfernt.

 

Sabine Ohm, Europareferentin