Kleinbäuerliche Landwirtschaft mit Nutztierhaltung in Italien

Sebastian_Rundy_mit_einer_Girgentana-Ziege_12_2011_CarolaHeider-LeporaleKDas Leben auf dem Campo Grande - ein Schotte lebt auf einer Farm in Italien mit Ziegen und Eseln im Einklang mit der Natur.

Vor gut vier  Jahren entschied sich der gebürtige Schotte Sebastian Rundy aus seinem stressigen Business-Leben auszusteigen. Ein Freund erzählte ihm damals von einer Farm, dem „Campo Grande“ in Umbrien in der Nähe von Città della Pieve. Kurzerhand stand für ihn fest, die Zukunft auf einer Farm in Umbrien verbringen zu wollen. Rundy verkaufte seine gut gehende Firma in der Schweiz und verschenkte alles was materiellen Wert hatte, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. Nur begleitet von seinem treuen Freund, dem Hund Tifou, war er zwei Tage später bereits in Italien, um die Farm zu übernehmen.

Das Zentrum des Anwesens „Campo Grande“ stellt das Haus „Casa Fargnetta“ dar. Es ist aus dem Jahre 1542 und gehörte über Jahrhunderte den „Contadini a Mezzadria“, was übersetzt „Bauern in Halbpacht“ heißt. Das Haus ist umgeben von Weideland, Wald und Olivenhainen, so weit das Auge reicht.

Für Sebastian Rundy war damals klar, dass neben den vielen Olivenbäumen auf dem ca. 17 Hektar großen Anwesen auch Nutztiere dazu gehören und so kamen im Laufe der letzten Jahre zwei vom Aussterben bedrohte italienische Nutztierrassen hinzu: Der aus Apulien stammende Großesel Sebastian_Rundy_auf_einem_Martina-Franca-Esel_13_2011_CarolaHeider-LeporaleKMartina-Franca und die in Sizilien beheimatete Girgentana-Ziege. Von beiden Rassen hält er jeweils eine Stammgruppe von zehn Tieren. Der Martina-Franca-Esel wurde früher überwiegend mit der apulischen Pferderasse „Murgese“ zur Zucht von Mulis gekreuzt. Die Girgentana-Ziege fand auf Sizilien über wenigstens 100 Jahre ihre Verwendung als Milchziege. Beide Rassen sind Opfer der modernen Technisierung und Umstellung auf Hochleistungsrassen. Seine Girgentana-Ziegen züchtet Rundy im Herdbuch der Landwirtschaftskammer in Perugia. Transparenz sei bei der Zucht dieser Rassen sehr wichtig, so Rundy. Durch falsche Zuchtvorstellung und Inzucht wurde diesen sehr wertvollen Rassen viel Schaden zugefügt.

Sebastian Rundy hält beide Rassen zusammen auf großflächigen Weiden des Anwesens. Die Tiere haben jede Menge Auslauf und bei Bedarf auch schattige Plätzchen zur Verfügung. Die Ziegen schlüpfen auch gern unter dem Zaun hindurch und verbringen im Sommer den heißen Tag im schattigen Wald, der an das Weideland angrenzt. Sie sind mit großen Glöckchen am Hals versehen, so dass auch jederzeit der Standort der Ziegengruppe ausgemacht werden kann. Am Abend kehren beide Gruppen zur selben Uhrzeit zurück in den Stall, in dem sie die Nacht verbringen. Über allem Tifou_und_Lina,ein_Pärchen_der_sehr_seltenenden_Herdenschutzhund-Rasse_"Pastore Bergamasco"_10_2011_CarolaHeider-LeporaleKwachen die beiden Hunde Tifou und Lina, ein Pärchen der sehr seltenen italienischen Herdenschutzhund-Rasse Pastore Bergamasco, die so hofft Sebastian Rundy, Anfang nächsten Jahres ihren ersten Nachwuchs erwarten dürfen.

Die Ziegen und auch die Esel werden von Sebastian Rundy gemolken; die Eselstuten mit Fohlen bei Fuß und die Ziegen einige Wochen nach der Ablammung. Von einer Eselstute bekommt er neben dem Fohlen etwa einen Liter Milch am Tag, von einer Girgentana-Ziege ab der vierten Laktation sind es schon mal bis zu vier Liter. Die Milch beider Rassen nutzt er hauptsächlich zur eigenen Herstellung von Seifen in Handarbeit mit kostbaren Bestandteilen aus biologischem Anbau (Öle, Kräuter, Blüten usw.), die er ab Hof verkauft. Die Eselmilch ist ausserdem auch in Italien eine begehrte Immunstimulanz und Käse aus Ziegenmilch stellt er für den eigenen Bedarf mit einem Auszug aus Blütenfäden der Käsedistel (Cynara cardunculus) her. Diese Art der Käseherstellung hat hier regionale Tradition und wird in vielen Mittelmehrländern praktiziert. Sebastian Rundy, er ist übrigens auch ein studierter Mediziner, lebt auf seiner Farm im Einklang mit der Natur. So werden auch die Oliven aus eigener Ernte in der einzigen biologischen Ölmühle in der Nähe von Città della Pieve kalt gepresst. Sein Olivenöl ist jedes Jahr bereits im voraus bestellt und ausverkauft, so Rundy.

Die ersten Jahre waren sehr hart und lehrreich, aber er bereut seine Entscheidung nicht. Es war nicht einfach, denn Sebastian Rundy kannte niemanden hier am Ort. Mittlerweile hat er sich bei den Sebastian_Rundy_bei_seinen_Girgentana-Ziegen_2_2011_CarolaHeider-LeporaleKEinheimischen einen sehr guten Ruf erworben und bietet für Interessierte Kurse in Art gerechter Tierhaltung und Wildkräuterkunde an.

Die Nutztierhaltung in Italien stellt sich in ländlichen Regionen zum Teil als sehr problematisch dar. Die tierärztliche Versorgung ist oftmals mangelhaft und fordert von dem Tierhalter gute eigene Kenntnisse im Umgang mit Erkrankungen und deren Behandlung. Der beste Weg sich vor solchen Problemen zu schützen ist nach wie vor eine artgerechte Tierhaltung. Dadurch wird das Immunsystemgestärkt und diese Tiere sind einfach weniger krankheitsanfällig.

Das „Campo Grande“ von Sebastian Rundy ist einer der zahlreichen landwirtschaftlichen Kleinbetriebe, ohne deren Existenz in ganz Europa der Erhalt vieler alter Nutztierrassen nicht möglich wäre.

Diese Kleinbauern bei denen ein Tier noch Tier sein darf verdienen im Zeitalter der Massentierhaltung unseren großen Respekt.

 

Citta della Pieve, August 2011

Carola Heider-Leporale


 

 

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

Weitere Bilder zu dem Artikel können Sie hier anschauen.