Antibiotika-Missbrauch in der Tiermast - Aigner kündigt Neuregelung an

Nachdem eine Studie aus Nordrhein-Westfalen (NRW) den massiven Missbrauch von Antibiotika in der Hähnchenmast aufgedeckt hat, kündigt Landwirtschaftsministerin Aigner nun Gegenmaßnahmen an: Die Daten zu den verkauften Medikamenten sollen genau ermittelt werden, und zwar mit Hilfe der DIMDI-Arzneimittelverordnung. In diesem Register beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information in Köln werden die Verkaufszahlen pharmazeutischer Unternehmen erfasst, außerdem gibt es Aufschluss über den Verkauf von Antibiotika. Bisher durften aus Datenschutzgründen über den Antibiotika-Einsatz in der Geflügelhaltung keine Details veröffentlicht werden. Das soll sich nun ändern.

Die Studie des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in NRW bringt mit ihren Ergebnissen einer Untersuchung von 182 Hähnchenmastbetrieben mit insgesamt 15,24 Millionen Masthühnern einen Skandal ans Licht: In 96,4 Prozent aller untersuchten Fälle wurde ein unverhältnismäßig hoher Einsatz von Antibiotika  festgestellt. Die Mäster hatten während eines Mastdurchgangs wiederholt Antibiotika mit bis zu acht verschiedenen Wirkstoffen eingesetzt. Oft wurden die Medikamente nur zwei Tage hintereinander verabreicht. Ein Antibiotikum aber muss in einer therapeutischen Behandlung mindestens fünf Tage eingesetzt werden, da sich sonst multiresistente Keime bilden. Diese so genannten MRSA-Keime wurden kürzlich vom Hamburger Hygieneinstitut im Tauwasser von Tiefkühlhähnchen nachgewiesen. Mehrere tausend Todesfälle im Jahr gehen allein in deutschen Krankenhäusern auf das Konto von MRSA.

Antibiotika wirken außerdem wie Wachstumsbeschleuniger. Viele Mäster sind darum versucht, sie als „Wachstumsdoping“ für ihre Hühner einzusetzen. Inzwischen schiebt Ministerin Aigner den Schwarzen Peter wieder NRW-Verbraucherschutzminister Remmel zu, der oben genannte Studie in Auftrag gab, mit den Worten, er möge zuerst in seinem eigenen Stall ausmisten. Will sie davon ablenken, dass die Verhältnisse in NRW den Zustand in Hähnchenmastställen anderer Bundesländer widerspiegeln? Eine Erhebung in Niedersachsen zwischen Oktober und Dezember 2010 ergab zum Beispiel, dass 85 Prozent aller niedersächsischen Hähnchenmäster ihren Tieren Antibiotika verabreichen, und zwar umso öfter, je enger die Tiere zusammenleben. Darum fordern die Grünen in Niedersachsen verstärkte Stallbuchkontrollen zum Antibiotika-Einsatz in den Mastställen.

Mit Hilfe pharmakologischer Kontrolle reagierte Frau Aigner nur auf einen einzigen Antibiotika-Skandal. Schon längst aber hätten umfassende, landesweite Maßnahmen ergriffen werden müssen, denn dass in der Hähnchenmast – trotz Verbot – Antibiotika prophylaktisch eingesetzt werden, ist seit langem bekannt. PROVIEH fordert deshalb geringere Besatzdichten bei Masthühnern, trockene Einstreu und  Auslauf, denn dann würden die typischen Krankheiten, die den Einsatz von Antibiotika notwendig machen, gar nicht erst ausbrechen.

Susanne Aigner, PROVIEH-Fachreferat


ZDF-Beiträge:
  
Antibiotika in der Geflügelmast (18.11.11):

Antibiotika werden zu leicht verordnet (18.11.11):

Hohe Antibiotika-Belastung bei Geflügel (15.11.11):

Weiterführende Quellen:

Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW, Abschlussbericht "Evaluierung des Antibiotikaeinsatzes in der Hähnchenhaltung" (14.11.2011):

GRÜNE fordern Register zum Arzneimitteleinsatz in der Landwirtschaft (10.11.2011).

NDR Info: Aigner will Antibiotika-Einsatz in der Tiermast neu regeln (09.11.2011).

Antibiotika Resistenzen (NDR Film-Beitrag vom 8. 11. 2011).

Geflügelwirtschaft protestiert gegen Vorwürfe (Radio-Beitrag vom 31.10.2011).

Wachstumsdoping im Hühnerstall (3SAT vom 28.10.2011).

Landesregierung muss entschiedener gegen Antibiotika-Missbrauch in der Tierhaltung vorgehen (28.10.2011).                                                                                        

Frühere PROVIEH-Beiträge:

Studie belegt Antibiotikamissbrauch in der Intensivhähnchenmast.

Massenhafter Antibiotikamissbrauch - Bioterror aus der intensiven Massentierhaltung.