Forschungsergebnisse unterstützen artgerechte Haltung von Nutztieren

28.11.2011: Vom 17.–19.11.2011 fand in Freiburg/Breisgau die 43. Internationale Arbeitstagung "Angewandte Ethologie bei Nutztieren" der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft statt. Jedes Jahr stellen Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aktuelle Studien zum Verhalten von Nutztieren vor. Untersucht wird das Verhalten von Rindern, Schweinen, Legehennen, Enten, Puten, Kaninchen, Ziegen, Pferden, Hunden und Mäusen. Auch in diesem Jahr bestätigten die meisten Forschungsergebnisse die Forderungen des Tierschutzes. Einige Studien sind im Hinblick auf die artgemäße Haltung für PROVIEH besonders relevant. Auf sie soll hier kurz eingegangen werden. Alle Arbeiten sind nachzulesen im KTBL-Band 489 "Aktuelle Arbeiten zur artgemäßen Tierhaltung 2011".

1. Rinder und Kälber

stolze_Kuh_553885_original_R_by_Marco_Barnebeck_pixelioEringer Kühe sind bekannt für ihre Kampfeslust, weshalb sie im Wallis (CH) in Schaukämpfen eingesetzt werden. Gleichzeitig ist der Kuhkampf hier eine touristische Attraktion. Durch gegenseitiges Schieben mit den Hörnern wird das gegnerische Tier nach hinten weg gedrückt. Ernsthafte Verletzungen sind bei den Kämpfen zwar selten. Doch die Tiere verletzen sich durch Hornstöße, wenn sie im Winter im Stall stehen und ihnen zu wenig Auslauf gewährt wird. Das wurde am schweizerischen Bundesveterinäramt (BVET) an 51 Eringer Kühen getestet. Die Kühe konnten in mehrtägigen Abständen in den Auslauf, wobei sich die Intervalle zwischen den Auslaufzeiten allmählich verlängerten. Je seltener die Tiere in den Auslauf kamen, umso länger kämpften sie, um die Rangordnung wieder herzustellen. Zudem beobachtete das Team das Kampfverhalten der Tiere auf der Alp, nachdem kleinere Herden aus der Winterhaltung in der großen Alp-Herde zusammen geführt wurden. Die Tiere, egal ob aus Laufstall oder Anbindung mit Auslauf, klärten ihre Rangordnung mit den Hörnern auf gleiche Weise erfolgreich. Die Autoren empfehlen für die Eringer Kühe einen Winterauslauf im Abstand von nicht mehr als drei Tagen.
Weidegang ist auch für Milchrinder wichtig - das beweist eine Untersuchung zum Verhalten von Milchkühen mit freiem Zugang zur Weide. Unabhängig vom Liegeplatzangebot im Stall suchten die Tiere nachts die Weide auf. Große Teile des Tages jedoch verbrachten sie im Stall, denn dort konnten sie ihren Nährstoffbedarf decken. Wurde den Tieren dieselbe Kraftfutterration im Stall und auf der Weide angeboten, bevorzugten sie die Weide, wo sie insgesamt auch mehr Trockensubstanz aufnahmen. Das zeigt einmal mehr: Weidegang ist eine artgemäße Form der Rinderhaltung.
Kühe, die unter Stress stehen und geschlagen werden, erkranken schneller, da ihr Immunsystem geschwächt ist. Ein freundlicher Umgang des Melkers mit dem Tier hingegen stärkt dessen Immunsystem. Das war das Ergebnis einer Studie, die auf 46 Schweizer Milchviehbetrieben durchgeführt wurde. Besonders scheue Kühe gerieten jedes Mal, wenn sie mit dem Menschen in Kontakt kamen, unter Stress. Das drückte sich in einer erhöhten Zellzahl in der Milch aus. Einen Einfluss haben auch Melkhygiene und die Rasse der Rinder. Deutsche Holstein-Rinder sind besonders stressanfällig, sie tendieren daher auch zu mehr Neuinfektionen am Euter.
Eine gute Mensch-Tier-Beziehung hat nicht nur einen positiven Einfluss auf die Eutergesundheit, sondern sie ist auch prägend für das Kalb, besonders in den ersten vier Lebenswochen. Tiere, die sich früh im positiven Sinn an Menschen gewöhnen, zeigen sich  im späteren Leben dem Menschen gegenüber weniger scheu. Nebenbei wirkt sich ein guter Umgang mit den Tieren auch auf deren Fleischqualität auch. Wie Wissenschaftler feststellten, war das Fleisch von Tieren, die zu Menschen eine positive Beziehung hatten, viel zarter als das von solchen, die lieblos behandelt worden waren. Ein Grund dafür könnte sein, dass die betreffenden Tiere während ihres Ganges zum Schlachthof viel ausgeglichener waren als die anderen.
In der Natur saugen Kälber etwa zehn Monate am Euter der Mutter. In der intensiven Kälbermast jedoch werden die Kälber kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt und am Tränkeautomaten versorgt. Die frühe Trennung von der Mutter ruft bei den Tieren häufig Verhaltensstörungen wie gegenseitiges Besaugen hervor. Forscher konnten nachweisen, dass Kälber mit hinreichendem Kontakt zur Mutter sich nicht gegenseitig besaugen oder andere Verhaltensstörungen aufweisen - im Gegensatz zu mutterlos aufgezogenen Kälbern. Demnach durchlaufen Kälber, die bei der Mutter aufwachsen, eine wesentlich gesündere Entwicklung.

2. Schweine

Schwein_im_Stroh_306724_original_R_by_Miguel_Carulla_pixelioIn der Intensivmast benagen sich Schweine gegenseitig die Ringelschwänze, weshalb diese vom Mäster vorsorglich kupiert werden. In einem Versuch wurden Schweine in zwei Gruppen aufgeteilt, denen organische Materialien geboten wurden, bestehend aus unterschiedlich aufbereitetem Stroh, Maiskörnern, gehäckseltem Chinaschilf, Rindkompost und Pellets aus einem Spender. Im Ergebnis beschäftigten alle Materialien die Tiere derart, dass sie ihre Artgenossen weniger häufig benagten. Auf Stroh basierende Materialien sind für Schweine offenbar besonders attraktiv. Schweinen ist daher möglichst organisches Material wie Stroh anzubieten. Denn die Beschäftigung mit organischem Material fördert nicht nur ihr Wohlbefinden, sondern auch ihre Lernfähigkeit.
Unkastrierten Ebern wird nachgesagt, durch ihr aggressives Verhalten ihre Artgenossen in der eigenen Bucht zu verletzen oder zu stören. Damit wird auch gerne die Kastration der männlichen Ferkel gerechtfertigt. In einem Versuch wurden die Tiere dreier Gruppen verglichen – jeweils mit Ebern, Kastraten und weibliche Tieren. Aus jeder Gruppe wurden nach kurzer Zeit die sechs schwersten Tiere „herausgeschlachtet“, um das Verhalten der Tiere davor und danach zu beobachten allen Gruppen zeigten sich unterschiedliche Verhaltensweisen. So erhöhte sich bei den Ebern und Sauen die Anzahl der Kämpfe nach dem Rausschlachten um das Doppelte. Insgesamt unterschied sich das Verhalten der Eber im Hinblick auf Verletzungen jedoch nur geringfügig von den anderen beiden Gruppen. Darum haben die Wissenschaftler bei der Haltung von unkastrierten Ebern in der Gruppe keinerlei Bedenken.

3. Geflügel

So_sollte_es_sein-Legehennen_im_Freilauf_417313_original_R_K_B_by_Karl-Heinz_Liebisch_pixelioSitzstangen sind bei Legehennen seit 2009 vorgeschrieben. Doch rutschige Oberflächen und eine ungünstige Platzierung verursachen nicht selten Kollisionen und damit Brustbeindeformationen und –frakturen. In einer Studie wurde nun Landeverhalten und Fußungssicherheit dreier Legelinien auf verschiedenem Stangenmaterial analysiert. Die Weißleger überzeugten gegenüber den Braunlegern durch eine höhere Landesicherheit, obwohl sie kürzere Zehen aufwiesen als die Tiere der anderen beiden Linien, wahrscheinlich wegen ihres geringeren Körpergewichtes. Die Vögel landeten auf den Stangen umso sicherer, je rutschfester das Stangenmaterial war. Die größte Mühe bei der Landung und beim Balancieren hatten die Tiere auf der Stahlstange. Die griffige Kunststoffstange bot die beste Landesicherheit. Fazit: Stangen aus gut griffigem Material erhöhen den Landeerfolg und minimieren Brustbeinschäden. Glatte Sitzstangen aus Stahl sind zu vermeiden.
In sehr großen Beständen mit bis 20.000 Legehennen sind oft nur wenige Hennen auf der Weide zu sehen. In einer Studie wurde die Frage untersucht, ob und wie viele Hennen die Auslaufangebote in Wintergarten oder auf der Weide nutzen und ob ein Zusammenhang mit der Herdengröße besteht. Im Ergebnis der Studie hat eine Herde mit einer Spanne zwischen 2000 bis 18.000 Tieren keinen Einfluss auf die Anzahl der Tiere, die den Auslauf aufsuchen. In sehr großen Herdengrößen jedoch frequentierten die Tiere den Außenklimabereich (AKB) und die Weide weniger oft als in kleineren. Die Weiden unterschieden sich stark im Bewuchs mit Bäumen und Sträuchern. Flächen, die kaum Deckung boten, wurden von den Hennen gemieden. Hennen, die den Auslauf regelmäßig nutzen, zeigten weniger Angst, als solche, die immer im Stall blieben. Möglicherweise wird das Wohl der Tiere draußen und im Stall gesteigert, wenn sich durch den Zugang zur Weide die Besatzdichte reguliert. Der AKB sollte nach Ansicht der Autoren nicht mit der Weide gleichgesetzt werden, da sie nur auf der Weide ihre natürlichen Verhaltensweisen ausüben können.
Zur konventionellen Putenmast gibt es bis heute keinerlei rechtsverbindliche Vorschriften. Grünauslauf als artgemäße Form der Putenhaltung halten konventionelle Mäster wegen der Arbeitswirtschaftlichkeit und der Größe der Bestände für unpraktikabel. Ein überdachter Außenklimabereich würde den Puten wenigstens teilweise Auslauf bieten. In einer Studie wurde an zwei Mastdurchgängen – im Winter und im Sommer – untersucht,  inwiefern ein AKB durch die Tiere genutzt wird. Der zusätzliche Auslauf wurde von bis zu 40 Prozent der Hähne genutzt. In der warmen Jahreszeit hielten sich bereits die Hälfte der Hennen im AKB auf. Bei steigenden Besatzdichten wurde eine erhöhte Anzahl der Tiere mit anormaler Beinstellung und verschlechterter Lauffähigkeit beobachtet. Offenbar wirkt sich die zusätzliche Nutzfläche des AKB positiv auf Tierverhalten und –gesundheit aus. PROVIEH meint: Ein AKB ist kein Ersatz für den Grünauslauf, in dem die Puten ihre arteigenen Bedürfnisse an der frischen Luft bei Wind und Sonne ausleben können.

4. Kaninchen

Kaninchen_im_Gruenen_437899_original_R_K_by_M.Großmann_pixelioIn der kommerziellen Kaninchenhaltung gibt es keinerlei verbindliche Regelungen. Die Tiere stehen in Gruppen in Drahtkäfigen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Langeweile und Monotonie führen zu Aggressionen und gegenseitigen Bissverletzungen. In einer Untersuchung mit 960 Mastkaninchen wurde das Verhalten der Tiere in strukturierter Bodenhaltung mit eingestreutem Auslauf mit Außenklima beobachtet. Die perforierten Bodenabteile aus Kunststoff waren über einen Durchgang mit dem Auslauf verbunden. Die Kaninchen nutzten den Auslauf besonders im Frühjahr und im Sommer. Dabei kam es innerhalb von Rangordnungskämpfen auch zu Verletzungen, wobei Rammler weniger Verletzungen aufwiesen als weibliche Tiere. Einen Grund dafür sehen die Autoren darin, dass der Auslauf den Tieren eine Fluchtmöglichkeit bot. Schlussfolgerung: Ein strukturierter Auslauf wird von Kaninchen in Bodenhaltung intensiv genutzt und ist ein wichtiger Schritt hin zur artgerechten Kaninchenhaltung.

Susanne Aigner, Fachreferat PROVIEH