Meine Kuh im Netz Wie Fleisch aus artgemäßer Rinderhaltung per Internet Kunden findet

Rotes_Galloway-JohnigkEssen Sie Fleisch? Dann sollte es Sie interessieren, woher es stammt. Welches Tier wurde für Ihren Genuss von Wurst oder Gebratenem aufgezogen und geschlachtet? Wie hat es gelebt und wie wurde es versorgt? Eine befriedigende Antwort darauf bleiben uns die meisten Fleischerzeuger schuldig. Längst ist Fleisch zu einem anonymen Massenprodukt geworden, und die Wertschätzung für das Lebewesen dahinter droht verloren zu gehen. Doch es gibt immer mehr Menschen, denen das nicht schmeckt. Susanne Marx aus Rostock ist eine von ihnen. Sie kam auf die Idee, Fleischkunden im Internet selbst entscheiden zu lassen, von welchem Rind auf welchem Biohof ihr Fleisch stammen soll. Der von ihr entwickelte Online-Fleischversand www.mycow.de  (übersetzt: „meine Kuh“) wurde 2008 im Rahmen eines Gründerwettbewerbs des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie ausgezeichnet. PROVIEH berät die Firma mycow.de – Landnah GmbH, ein junges Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern, in Tierschutzfragen. Mit der Gründerin und Geschäftsführerin Susanne Marx fuhren wir zu einem Besuch auf zwei Rinderzuchtbetriebe, wo Rinder für mycow.de aufwachsen.

Auf dem Biohof der Familie Angermaier begrüßt uns ein wuscheliger Wolfshund, der so groß ist wie ein Kalb. Über 200 cremefarbene Charolais-Mutterkühe und ihre Kälber leben auf den umliegenden Weiden in ganzjähriger Weidehaltung. Selbst scharfer Frost von minus 20 Grad, wie er im Januar 2010 auftrat, fügt den robusten Rindern keinen Schaden zu. Ihre Tränken werden dann frostsicher beheizt, ihr Ruheplatz wird tief eingestreut, und gegen kalten Wind bieten aufgetürmte Strohballen Schutz. Problematisch für die Tiere sind eher lange Starkregenperioden, weil dann die Grasnarbe durchweicht und durch Vertritt schnell zerstört werden kann. Doch auf Biobetrieben werden so wenige Rinder pro Fläche gehalten, dass solche Schäden seltener und weniger stark auftreten als auf konventionellen Höfen mit Weidegang.

Wir nehmen die Herde in Augenschein. Aus Sicht der Nutztierschützer macht diese RinderhaltungCharolais-Mutterkuh_mit_Kalb_in_tiergerechter_Haltung-Johnigk einen vorzüglichen Eindruck bis auf einen kleinen Wermutstropfen. Vielen Kühen wurden die Hörner entfernt. Das ist auch auf Biobetrieben gestattet und weithin üblich, um Rinder und Menschen auf dem Hof vor Verletzungen durch die Hörner zu schützen. Wenn man die Tiere einfangen oder für eine Untersuchung festhalten muss, kann ein unachtsamer Stoß mit den Hörnern übel ausgehen.  Auf Biohöfen dürfen die Hörner allerdings nur unter Einsatz von Schmerz- und Betäubungsmitteln entfernt werden. Das ist wesentlich schonender als auf konventionellen Betrieben, wo der Eingriff bei Kälbern, die jünger als sechs Wochen sind, auch ohne Betäubung zugelassen ist. Wir sind uns einig, dass es schöner wäre, wenn die Hörner dranblieben. Sie haben eine wichtige Funktion im Sozialverhalten der Rinder. Doch heute bekommen wir Gelegenheit, hautnah zu erleben, wann eine Kuh unruhig den Kopf herum werfen und mit ihren Hörnern jemanden verletzen könnte: Zum Beispiel wenn sie Wehen hat.

Eine Kuh hat sich vom Rest der Herde entfernt und steht allein am Waldrand. Sie kalbt, erklärt uns der Bauer. Interessiert schauen wir genauer hin. Als Bauer Hermann Angermaier jedoch durch sein Fernglas blickt, wird er unruhig. „Die scheint Probleme zu haben, da muss ich hin.“, ruft er uns zu und läuft auf die Weide. Tatsächlich braucht die kalbende Kuh seine Hilfe. Er treibt sie mit Unterstützung seiner Frau zum nahe gelegenen Stall. Beim Einfangen im Gatter wirft die Kuh unruhig den Kopf hin und her. Hätte sie Hörner, wäre das in diesem Moment ein zusätzlicher, höchst unwillkommener Nervenkitzel gewesen. Endlich steht die Kuh still, kurzzeitig fixiert durch ein Metallgestell. Die nun folgende Geburtshilfe geht schonend und zügig vonstatten. Nur wenige Minuten später reibt der Bauer vor unseren Augen ein gesundes Bullenkalb mit Stroh trocken.

Charolais_Geburt_JohnigkCharolais-Kälber können sehr kräftig gebaut sein. Das erschwert vor allem die Erstgeburt. Auf dem Hof von Familie Angermeier werden geschlechtsreife Jungkühe (Färsen) daher mit dem Bullen erst zusammen gebracht, wenn sie körperlich voll ausgewachsen sind. Das klingt eigentlich selbstverständlich, ist aber praktizierter Nutztierschutz, wie man ihn keinesfalls auf allen Betrieben finden kann. Und noch eine Besonderheit erfahren wir: Der erste Deckakt wird hier stets von einem Angus-Bullen vorgenommen. Der ist nicht ganz so stämmig gewachsen wie der starke Charolais-Zuchtbulle, deshalb sind auch die von ihm abstammenden Kälber zierlicher als reine Charolais. So wird das erste Abkalben für die jungen Mutterkühe ein wenig leichter.

Noch ganz gebannt von der Kälbergeburt fahren wir zu unserem nächsten Ziel, den Galloway-Rindern vom Biohof am Bauernberg. Rinderzüchter Stephan Koch stattet seine Besucher mit kräftigen Wanderstäben aus. Als wir die Weideflächen betreten, laufen die hübsch gelockten Tiere neugierig auf uns zu. Auf die Hörner nehmen können sie uns nicht, denn Galloways sind von Natur aus hornlos. In Sicherheit wiegen sollen wir Weidebesucher uns jedoch nicht. „Unser Bulle ist sehr freundlich und gemütsvoll. Aber wenn ein Kerl von seiner Größe kuscheln kommen will, sollte man lieber auf Abstand gehen.“, erklärt der Nebenerwerbslandwirt. Seine Mutter, sein Onkel und er teilen sich die Sorge für 13 Mutterkühe und ihren Nachwuchs. Nach der Wende erhielten die Kochs einige Hektar Weideland, die ursprünglich im Familienbesitz waren, aus dem Flächenbestand der vormaligen LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft) zurück. Zu wenig Land für einen Vollerwerbshof, aber genug für eine kleine Rinderherde. Galloways haben es der Familie angetan, und ihre Herde ist sogar bis an den Baikalsee bekannt. Auf den Flächen am Bauernberg grasen einige leuchtend rothaarige Exemplare, ein sehr seltener Farbschlag bei den ansonsten schwarzen, gelegentlich auch mal weißen Rindern.

Jungbullen_JohnigkBeim Anblick der friedlich grasenden Robustrinder schlägt das Nutztierschützerherz höher. Auch dieser Biohof hält seine Tiere ganzjährig im Freiland. Nur das ist wirklich artgemäß und verhaltensgerecht für Rinder, verlangt aber viel Umsicht und auch den richtigen Standort. Die Weideflächen in einem hügeligen Landschaftsschutzgebiet bieten natürlichen Busch- und Baumbestand als Schutz gegen ungemütliches Wetter. Gut kann man im Gebüsch erkennen, wo die beliebtesten Rückzugsgebiete der flauschigen Weidegänger sind. Rinder stammen von Waldbewohnern ab und lieben es, an natürlichen Waldrändern zu weiden. Direkt unter einigen Bäumen ruht eine Gruppe von Jungbullen und kaut zufrieden die letzte Grasmahlzeit wieder. Kraftfutter wie in der Intensivmast erhalten diese Tiere nicht. Das brauchen sie auch gar nicht. Selbst im Winter reicht es, wenn sie mit Heu von den eigenen Flächen gefüttert werden, erklärt uns der Bauer.

Einer der Jungbullen schaut auf zu uns und muht lautstark. Als wir erfahren, dass genau er in wenigen Wochen eingefangen und zum Schlachthof gebracht werden soll, um sein Fleisch an die Kunden von mycow.de zu verschicken, gibt es uns einen kleinen Stich. Einem Tier Auge in Auge gegenüber zu stehen, dessen Fleisch schon bald gegessen werden soll, macht unmittelbar bewusst: Hier geht es um Leben und Tod. Ein gutes Leben und ein möglichst schonendes Ende ist das, was wir Menschen uns wünschen. Dasselbe sollten wir allen von uns gehaltenen Tieren zugestehen. Auch denen, die wir aufziehen, um sie zu töten und zu verzehren. Wir sprechen mit Frau Marx das Thema Transport und Schlachtung an. Die Firma mycow.de - Landnah GmbH arbeitet mit regionalen Partnern zusammen, die möglichst kurze Transportwege und einen höchst professionellen Umgang mit den Rindern am Schlachthof garantieren sollen. Trotzdem bleiben den Tieren das Einfangen und der Weg zum Schlachthof noch nicht erspart. PROVIEH erläutert eine mögliche Alternative, Weiderinder besonders stressfrei direkt auf der Weide zu schlachten (siehe PROVIEH Magazin 04-2010 und 04-2008). Statt wie am Schlachthof üblich mit einem Bolzenschuss, werden sie bei der mobilen Schlachtung mit einem Kugelschuss betäubt und unmittelbar im Anschluss in einer mobilen Box durch Blutentzug getötet. Danach wird das tote und nicht das lebende Rind zum Schlacht- und Zerlegebetrieb transportiert. Diese neue, besonders tierschonende Methode ist zwar formell zugelassen, stößt aber in einigen Bundesländern noch auf massive Ablehnung bei Vertretern der zuständigen Behörden, so auch in Mecklenburg-Vorpommern. PROVIEH hat deshalb  gemeinsam mit Partnerverbänden wie dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz um eine einheitliche Regelung zugunsten dieses tierschutzgerechten Schlachtverfahrens gebeten. Endlich scheint sich eine politische Lösung abzuzeichnen. Im August 2011 legte das Ministerium den beteiligten Verbänden einen entsprechenden Verordnungsentwurf zur Stellungnahme vor. PROVIEH vermittelt Frau Marx den Kontakt zu einer Expertin für die mobile Rinderschlachtung. Nun gilt es, zu prüfen, ob auch die Rinder auf dem Bauernberg oder bei Familie Angermaier auf diese schonendere Weise ihren letzten Weg antreten können.

Auf dem Rückweg von den vorbildlichen Bio-Rinderzüchtern wollen wir wissen, wie die Kunden das Projekt mycow.de annehmen. Frau Marx erzählt uns, wie einer ihrer Kunden die Idee von mycow.de erläutert: Wenn zu Zeiten seiner Großeltern auf dem Dorf ein Rind geschlachtet wurde, teilte man das Fleisch in der vorher informierten Nachbarschaft auf. Die Wertschätzung endete nicht beim Filet. Auch Schwanz, Knochen oder Innereien wurden selbstverständlich verwertet. Fleisch war etwas Besonderes und kein anonymer Massenartikel. Was früher in der dörflichen Gemeinschaft ausgehandelt wurde, kann heute über das Internet geschehen. Bei mycow.de schließen sich Menschen zusammen, um Rinder aus anständiger Haltung gemeinsam zu verzehren. Eine klare Absage an die industrielle Massentierhaltung und ein vorbildliches Projekt, das PROVIEH gerne weiter in Tierschutzfragen beraten wird.

Stefan Johnigk

Fotos: © PROVIEH