Der Ebermast gehört die Zukunft!

 

05.12.2011: Dies ist das Fazit des ökologisch ausgerichteten Forschungs-instituts für biologischen Landbau (FibL) nach der 18. FREILAND-Tagung in Wien, die unter dem Motto "Tiergerecht geht weiter! Neue Wege in der Nutztierhaltung" stand.

Die FibL Tagung fand Ende September 2011 an der Universität für Bodenkultur Wien statt. Diskutiert wurde unter anderem die Ebermast, bisher eher ein Tabuthema in der Bioszene. Denn man fürchtet, dass das etwas höhere Schlachtalter von Bioschweinen wegen der dadurch erlangten Geschlechtsreife zu erhöhten Raten von Geruchsauffälligkeiten bei den männlichen unkastrierten Tieren führen könnte. Derzeit gibt es deshalb in Deutschland leider noch keine Bioebermäster. Bei den meisten Ökolabeln wurden die Ferkel bisher einfach weiter unbetäubt kastriert oder – bei einigen Tierschutzlabeln – vor der Kastration mit dem umstrittenen Gas Isofluran betäubt. Die Biorichtlinie verbietet das betäubungslose Kastrieren ab dem 1. Januar 2012 europaweit. Deshalb suchen nun vor allem nach EU-Vorschriften zertifizierte Biobetriebe, die ihre männlichen Schweine länger mästen wollen, nach Alternativen – aber führt die Anwendung von Isofluran wirklich zur besten Lösung?

Auf einem im November 2011 vom Agrarministerium von Nordrhein-Westfalen (NRW) veranstalteten Workshop wurde die Narkose mit Isofluran als eine Art langfristige Übergangslösung kontrovers diskutiert. NRW und Rheinland-Pfalz würden gerne Isofluran als Narkosemittel für Ferkel zulassen und den Bauern erlauben, Narkose und Kastration selbst vorzunehmen, ohne Tierarzt. Dafür müssten die Bauern einen Befähigungsnachweis erwerben und sich regelmäßig schulen lassen. Selbstredend verwahrte sich die Tierärzteschaft dagegen. Sie will keine Betäubungsmittel an Landwirte abgeben, die diese dann unbeaufsichtigt verabreichen.

Isofluran wurde in der Vergangenheit bei Menschen als Narkosegas eingesetzt, wurde inzwischen aber wegen seiner zahlreichen gravierenden Nebenwirkungen (vor allem Lebertoxizität) durch unschädlichere Mittel ersetzt. Zudem ist die korrekte Anwendung von Isofluran zur Erzielung einer ausreichenden Narkosetiefe wegen technischer Schwierigkeiten schwierig oder unmöglich. In der Schweiz, wo dieses Verfahren in der Praxis bisher als einzige Alternative zur betäubungslosen Kastration in großem Stil angewendet wird, sind die Ferkel laut einer Studie in zwei bis neun Prozent der Fälle fehlbetäubt, leiden bei der Kastration also unter mangelhafter Schmerzausschaltung. Zusätzlich ist das Gas auch in hohem Maße klimaschädlich. Zudem ist es derzeit noch gar nicht als Narkosegas für Schweine zugelassen, sondern wird nur wegen „Behandlungsnotstands“ (mangels Alternative) derzeit schon eingesetzt. Die Betäubung dürfen bisher nur Tierärzte vornehmen, so dass das Verfahren für die Bauern insgesamt mit ca. 3,50 Euro pro Ferkel ziemlich kostspielig ist. Der Ebermäster dagegen spart diese Kosten und spart kräftig auch bei den Futterkosten, da die Eber bessere Futterverwerter sind ihr Fleisch wegen weniger Fett auch höhere Schlachtpreise bringt.

Insgesamt werden gerade Bioschweinehalter oder Erzeuger mit anspruchsvollem Tierschutzlabel künftig in Erklärungsnot geraten, warum ausgerechnet sie noch kastrieren, während konventionellen Mäster es nicht mehr tun. Viel früher hätten auch züchterische Bemühungen unternommen werden müssen, um spätreife Rassen mit geringeren Raten von Geruchsauffälligkeiten zu züchten. Stattdessen wurde – trotz der im Juli 2007 verabschiedeten neuen EU-Biorichtlinie (834/2007/EG) – zunächst stumpf weitergemacht wie bisher.

Aber das FibL bot auf der Tagung gerade den „Bios“ einen Lichtblick, der in der Pressemeldung zur Tagung treffend so wiedergegeben wurde:

„…Von den möglichen Alternativen der betäubungslosen Ferkelkastration wird derzeit auf EU-Ebene aus tierschutzrelevanten Gründen vor allem die Ebermast diskutiert.
Gwendolyn Rudolph vom FiBL Österreich stellte aktuelle Ergebnisse einer repräsentativen Verkostung von fünf Verarbeitungsprodukten aus Eberfleisch vor. Aggregiert über alle Produkte schnitten die Wurst- und Speckwaren aus geruchlich unauffälligem Eberfleisch – auch im Vergleich zu Fleisch von Kastraten und weiblichen Masttieren – am besten ab. Die Verkostungsergebnisse der nachweislich geruchlich belasteten Produkte differierten stark. Die stark geruchsbelastete Variante bei Mini-Rohwürstel wurde am besten bewertet, die mäßig geruchsbelastete Probe bei Frankfurtern, Kochschinken, Karreespeck und Dauerwurst schnitt hingegen am schlechtesten ab. Dies aber nicht deshalb, weil die Verkosterinnen und Verkoster sich an einen unangenehmen ‚Ebergeruch’ gestoßen haben, sondern überwiegend wegen ‚allgemeiner Gründe’ wie z. B. der Würzung (die allerdings bei allen Geschmackvarianten gleich war). ‚Auch wenn diese Verkostung manche Fragen nicht beantworten konnte, so wissen wir jetzt, dass auch geruchlich belastetes Eberfleisch ohne große Änderung von Rezepturen und ohne geschmackliche Auswirkungen sehr gut zu bestimmten Wurstprodukten verarbeitet werden kann’, so Gwendolyn Rudolph.

‚Der Ebermast gehört die Zukunft’, davon war auch Hans-Jörg Eynck von Tönnies Lebensmittel GmbH überzeugt. ‚Die Integrität der Nutztiere ist ein wesentliches Ziel einer tiergerechten Nutztierhaltung. Deshalb ist weniger die Frage ob, sondern eher wann die Ebermast in Europa gesetzlich verpflichtend eingeführt wird.’….“ (Volltext der PM siehe unten).

Spätestens jetzt sollten auch deutsche Biobauern und –metzger sich vermehrt in der Ebermast engagieren und endlich mehr Versuche durchführen.

PROVIEH setzt sich seit 2008 mit der Kampagne „Schluss mit dem Kastratenfleisch“ erfolgreich gegen die tierquälerische Praxis der Ferkelkastration ein. Sowohl McDonald’s als auch Burger King verzichten auf Druck von PROVIEH hin bereits seit Januar bzw. April 2011 ganz auf Kastratenfleisch in allen ihren Schnellrestaurants in Deutschland. Auch ohne großen Pomp hat Eberfleisch Einzug in die Normalität gehalten, denn es ist lecker und qualitativ hochwertig und schmeckt den Kunden landauf, landab offensichtlich gut. Einige im Gestern verhaftete Akteure in der Branche sträuben sich zwar nach wie vor, wenn auch hauptsächlich im Verborgenen durch heimlichen Boykott. Aber der Zug rollt längst auf Reisegeschwindigkeit – für’s Aufspringen ist es höchste Zeit, für Bio- und Tierschutzzertifizierte ebenso wie für die Zögerlichen unter den Konventionellen!    

Sabine Ohm, Europareferentin

 


Hintergrundinformationen zu unserer Kampagne "Echte Kerle statt Kastraten".

 

Zur Wirksamkeit bzw Schädlichkeit von Isofluran:

 

Weitere Quellen: