„Ringelschwanzkasse“ – Vorschlag für einen Solidarfonds zur Umstellung auf die Mast unkupierter Schweine

29.08.2011: Das Kürzen von Ferkelschwänzen ist nach EU-Recht nur ausnahmsweise erlaubt, wenn in den Mastbetrieben Verhaltensstörungen wie Schwanzbeißen und Kannibalismus im Bestand auftraten und durch vorbeugende Maßnahmen nicht wirksam vermieden werden konnten. Doch die Ausnahmeregelung geriet in Deutschland und anderen EU-Ländern zur gängigen Praxis. Dagegen hat PROVIEH im Herbst 2009 bei der EU-Kommission Beschwerde gegen Deutschland eingereicht. Das Verfahren hat für viel Aufregung bei deutschen Landwirtschaftsministern gesorgt und ist noch nicht abgeschlossen.

Aber der Druck zur Abschaffung der rechtswidrigen Praxis ist geblieben und zwingt zunehmend auch die Schweinebauern zum Handeln. Sie müssen Maßnahmen ergreifen, um dem Schwanzbeißen erfolgreich vorzubeugen. Wie sie es schaffen, bleibt ihnen überlassen. Aber wie können sie sich gegen das Risiko absichern, dass eine Maßnahmen zur Verhinderung des Schwanzbeißens misslingt und deshalb wirtschaftlichen Schaden verursacht? PROVIEH hat der Branche einen Vorschlag gemacht, wie dieses Risiko aufgefangen werden kann.

Die „Ringelschwanzkasse“

Schwanzbeißen ist eine Verhaltensstörung. Solche Störungen treten bei übermäßigem Stress auf. Als mögliche Ursachen gelten mangelhaft befriedigte angeborene Verhaltensweisen, zu hohe Belegungsdichten, Veränderungen im Stallklima oder Mängel bei der Fütterung. Will ein BetriebRingelschwanz_Johnigk-PROVIEH rechtskonform handeln und also auf die Mast unverstümmelter Schweine umstellen, muss er mit Zusatzkosten und einem wirtschaftlichen Ausfallrisiko rechnen. Dieses Risiko muss abgesichert werden, denn von den Erfahrungen der Pioniere können alle Betriebe profitieren, die später auch noch umstellen müssen.

Zur Absicherung dieses Risikos hat PROVIEH die Gründung eines Solidarfonds  vorgeschlagen, der kurz als „Ringelschwanzkasse“ bezeichnet werden kann. In ihn sollten Erzeuger, Verarbeiter und Vermarkter von Schweinefleisch einzahlen, das noch immer von Schweinen mit kupiertem Schwanz stammt. Mit einem ähnlichen Fonds ist es den Österreichern gelungen, das Schnabelkürzen bei Legehennen abzuschaffen. Die Einrichtung einer „Ringelschwanzkasse“ hat also Aussichten auf Erfolg.

Natürlich verursacht die Einrichtung der „Ringelschwanzkasse“ den Beitragszahlern (Erzeugern, Verarbeitern und Vermarktern) Kosten, aber die können sie einsparen, sobald sie den Pioniere folgen und von deren Erfahrungen profitieren. Die Höhe des Beitrags wäre branchenintern auszuhandeln, sollte aber hoch genug sein, um den Fonds attraktiv  genug zu machen. Auch Ferkelerzeuger würden vom Fonds profitieren, denn bisher kupieren sie den Ferkeln den Schwanz nur, weil es die Mäster so wollen. Das verursacht Arbeitskosten, die mit Beendigung des Schwanzkupierens eingespart werden.

Aus dem Fonds ließen sich verschiedene Arten von Maßnahmen unterstützen: Einerseits kann das Risiko abgesichert werden, wirtschaftliche Ausfälle durch tatsächlich auftretende Beißschäden zu erleiden. Andererseits können Maßnahmen zur Vorbeugung von Beißschäden finanziell unterstützt werden; zu diesen Maßnahmen würde die Installation von Strohraufen mit Futterpellet-Spendern gehören oder die Verringerung der Belegdichte.

Beim Auflegen des Fonds sollte auf Spielraum für unterschiedlichste Fördermöglichkeiten geachtet werden, um einen guten Anreiz zur Umstellung zu bieten und auch die Erprobung unkonventioneller Lösungsideen wirtschaftlich abzusichern. Je mehr Betriebe mit unverstümmelten Schweinen arbeiten und je mehr Methoden ausprobiert wurden, desto umfangreicher würde der Erfahrungsschatz für die erfolgreiche Arbeit mit unverstümmelten Schweinen werden. Die breit gestreute Beteiligung von Schweinebauern und von Verarbeitern und Vermarktern von Schweinefleisch würde die Beitragskosten pro Betrieb senken und die Aussichten auf Erfolg erhöhen. Der Fonds würde auslaufen, sobald nur noch unverstümmelte Schweine gemästet werden.

Verbände und Kammern sollten die Bauern über den Fonds und über besonders erfolgversprechende Umstellungsmaßnahmen informieren. PROVIEH wäre bereit, sich fachlich daran zu beteiligen. Von Seiten der Landwirtschaftsministerien und Behörden wäre eine administrative Unterstützung des Fonds zu erwarten. Sollte eine von allen Beteiligten anerkannte Person für die neutrale Mediation bei der Einrichtung und Ausgestaltung des Fonds gefunden werden, so wäre das sehr zu begrüßen.

Stefan Johnigk

Fotos: PROVIEH