Artenvielfalt statt Sojawahn – einheimische Leguminosen in der Tierfütterung

30.09.2011: Die Fleischproduktion in den EU-Ländern nimmt zu. Masttiere müssen immer schneller immer höhere Schlachtgewichte erreichen. Dafür benötigen sie immer mehr Futter mit immer mehr Eiweiß: Um ein Kilo Schweinefleisch aus Intensivmast zu erzeugen, werden heute 3,3 Kilo Mais und 1,2 Kilo Sojamehl benötigt.

Soja ist der wichtigste Eiweiß-Lieferant in der industriellen Tiermast. Die Soja-Ernte weltweit umfasst jedes Jahr rund 250 Millionen Tonnen,  40 Millionen Tonnen werden in die EU eingeführt. Drei Millionen Tonnen Sojabohnen und zwei Millionen Tonnen Sojaschrot landen in den Futtertrögen deutscher Tierfabriken. Soja-Importe aus Übersee ermöglichen hierzulande eine flächenunabhängige Mast. Dafür schaffen sie neue Abhängigkeiten: Ob Schwein, Huhn oder Rind – die hochgezüchteten Masthybride erreichen in sehr kurzen Mastzeiten höchste Schlachtgewichte. Und das geht nur mit billigem Sojamehl. Entfielen die Soja-Importe, würde die industrielle Tiermast komplett zusammenbrechen. Auch ethisch und ökologisch ist der Soja-Anbau hoch problematisch. Wird die Brandrodung der Urwälder für den Soja-Anbau inzwischen weltweit kritisiert, so wissen nur wenige, dass  heute fast nur noch gentechnisch verändertes Soja angebaut wird. Ein Risiko für Mensch und Tier, denn die Folgen des Konsums von GVO-Pflanzen sind nicht geklärt. Zum andern verbraucht Soja eine Fläche von 2,8 Millionen Hektar in Südamerika und Asien. Dieses Ackerland fehlt der einheimischen Bevölkerung, um eigene, dringend benötigte Nahrungsmittel anzubauen. Intensivbewirtschaftung und Monokulturen in einseitigen Fruchtfolgen führen zu Erosion, einhergehend mit Auswaschung der Nährstoffe. Doch es gibt Alternativen: Hülsenfrüchte, auch Leguminosen genannt, waren in Europa früher selbstverständlich Fruchtfolgeglieder in der bäuerlichen Landwirtschaft. Nach 1950  wurden sie durch Monokulturen wie Weizen, Mais, Raps von den Äckern verdrängt. Sie galten bald als unrentabel und gerieten in Vergessenheit. Das soll sich jetzt ändern. Ackerbohnen, Kichererbsen und Lupinen sind die neuen Eiweißlieferanten in der Tierfütterung in Europa.

Eiweiß aus Hülsenfrüchten

Im Mittelpunkt der Tagung stand die Studie „Artenvielfalt statt Sojawahn“, herausgegeben von den Grünen im September 2011. Der Anbau von Eiweißpflanzen in der EU beansprucht gerade Mal drei Prozent aller Ackerflächen, in Deutschland nur ein Prozent. Die Broschüre beschäftigt sich mit dem Anbau von Eiweißpflanzen in Europa. Sie beschreibt die Ist-Situation und weist auf vielversprechende, doch bislang ungenutzte Potenziale einheimischer Hülsenfruchtarten hin.

Die heutigen Masthybride in Schweine-, Rinder- und Geflügelproduktion sind derart auf Soja ausgerichtet, dass die Tiere bei einem kompletten Entzug die gewünschte Fleischleistung nicht mehr erbringen. Eine Studie aus Frankreich behauptet, dass Körnerleguminosen bei Masthähnchen längere Mastzeiten provozieren, als mit Soja-Fütterung nötig wäre. Was auf dem ersten Blick ein Widerspruch ist, birgt in Wahrheit große Chancen. Die Umstellung auf andere Futtermittel setzt nämlich ein Umdenken im großen Maßstab voraus: Schnell wachsende Hybridlinien werden durch langsam wachsende Rassen ersetzt, denn diese verwerten verschiedene Eiweißpflanzen besser als die bisherigen Hybridlinien. Die Tiere dürfen mindestens 81 Tage statt nach 35 Tagen in der Intensivmast leben - mit Zugang ins Freie. Längere Mastzeiten für schmackhafteres Qualitätsfleisch: In der Bio-Geflügelhaltung wird das seit Jahren erfolgreich praktiziert. Dass dieses Fleisch auch seinen Preis hat, muss dem Kunden vermittelt werden. „Weniger und dafür besseres Fleisch“, heißt dann das künftige Leitmotiv beim Einkaufen.

Tiermehl und heimisches Soja

Die europäischen Eiweiß-Defizite können auch durch heimischen Soja-Anbau gedeckt werden – hierzu gibt es bereits Feldversuche in einigen Bundesländern. Auch Tiermehl wäre eine gute Eiweiß-Komponente. Sein Einsatz als Futtermittel ist seit dem BSE-Skandal 2001 verboten. Die EU-Kommission diskutiert nun seine Wiederzulassung in der Schweine- und Geflügelfütterung, also für jene Tierarten, die von Natur aus Fleisch fressen (siehe Artikel von PROVIEH unten). Kannibalismus würde vermieden, wenn die Tiere nicht das Fleisch der eigenen Art fressen. Doch die Angst vor Rückständen von Tierproteinen in der Rinderfütterung seit BSE ist noch zu groß, als das hier eine kurzfristige Neuregelung zu erwarten wäre.

Abschließend ging es um praktische Fragen des Leguminosen-Anbaus - von der Stellung in der Fruchtfolge bis hin zu Förderungsbeihilfen für Öl- und Proteinpflanzen: Ökobauern erhalten schon heute zwischen 45 und 75 Euro pro Hektar Leguminosen.

Susanne Aigner


 

Weiterführende Quellen:                                                                                                                     

Beste, Andrea: „Artenvielfalt statt Sojawahn. Das Proteindefizit in der EU- wie lässt sich das seit langem bestehende Problem lösen?“ 

Häusling, Martin: Eiweißmangel in der EU – wie positioniert sich das Europäische Parlament?

Bachinger , Johann: Das EU-Projekt „Legumes Futures“ – Inhalte und Stand

Nemecek,Thomas: Die ökologische Wirkung von Leguminosen in Fruchtfolgen

Specht, Manuela: Leguminosenförderung in Deutschland, Chancen und Hemmnisse 

Schätzl, Robert:  Heimische Eiweißproduktion und –verwertung: Potential, Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit

La relance des légumineuses dans le cadre d’un plan protéine …(Dezember 2009): www.luzernes.org/docs/2009_CGDD-Relance-des-legumineuses.pdf

Leitlinie zur effizienten und umweltverträglichen Erzeugung von Körnererbsen;  Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft, 2006: http://www.tll.de/ainfo/pdf/kerb0107.pdf

Frühere PROVIEH-Artikel:

EU berät: Bald wieder Tiermehl für Schweine und Geflügel?