Schmallenberg Virus erzeugt neue Epidemie bei Wiederkäuern

15.03.2012: Im November 2011 gelang dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) der Nachweis eines neuen Virus, das nach seinem Ort der Entdeckung nahe der nordrhein-westfälischen Stadt Schmallenberg als das Schmallenberg-Virus (abgekürzt SBV) bezeichnet wurde. Es befällt Schafe, Rinder und Ziegen und kann bei ihnen für rund eine Woche Fieber, stark verringerte Milchleistung und Durchfall verursachen, aber auch Missbildungen bei der Entwicklung der Embryonen.

In Europa wurde das Schmallenberg-Virus seit dem Spätsommer 2011 aus den Niederlanden, Belgien, England und Frankreich gemeldet. Es gehört laut FLI zur „Simbu-Serogruppe (Shamonda-, Aina-, Akabane-Viren)“ der Gattung Orthobunyavirus. Woher das neue Virus stammt, ob es erst kürzlich entstanden ist oder unerkannt schon länger existiert, ist noch unklar. Die RNA des Virus ist in drei unterscheidbare Segmente gegliedert, die mit L, M und S bezeichnet werden. Innerhalb der Simbu-Serogruppe wurden in der Natur und im Labor schon Mischarten gefunden, bei denen die RNA-Segmente von verschiedenen Ursprungsarten der Simbu-Serogruppe stammen. Sie sind also durch „reassortment“ (Neusortierung von RNA-Segmenten verschiedener Arten) entstanden.

Die Arten der Simbu-Serogruppe leben vor allem in subtropischen und tropischen Regionen, kommen dort meist endemisch vor (auf eine Region beschränkt) und befallen Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen. Von Wirt zu Wirt werden sie vor allem durch Gnitzen (kleinen Mücken) übertragen. Für eine Übertragung unmittelbar von Tier zu Tier oder von Tier zu Mensch gibt es nach gezielten Untersuchungen keine Anhaltspunkte, allerdings kann ein infiziertes Muttertier das Virus unmittelbar an den Fötus weitergeben mit der Folge, dass das Neugeborene schwer verkrüppelt und nicht lebensfähig ist („kongenitaler“ Schaden). Wird ein Tier durch eine Gnitze infiziert, kann es Antikörper gegen das Virus bilden. Dann ist es lang anhaltend immun gegen neue Infektionen, und ein Muttertier kann gesunde Nachkommen gebären. Deswegen verursachen die Viren der Simbu-Gruppe in endemischen Regionen kaum kongenitale oder andere Schäden bei den dort heimischen Wiederkäuern.

In den Niederlanden hat das Zentrale Veterinär-Institut (CVI) durch Untersuchung von 1123 gefrorenen Blutproben herausgefunden, dass rund 70 Prozent der niederländischen Milchrinder Antikörper gegen das Virus aufweisen. Daraus schließt das CVI, dass das Virus in den Niederlanden schon weit verbreitet ist. Das gilt vermutlich auch für Deutschland und die anderen betroffenen Länder Europas. Bisher prüft das FLI den Befall eines Betriebes nur über den direkten Virus-Nachweis. Auf diese Weise fand das FLI (Stand 13. März 2012), dass in Deutschland schon 779 Schafhaltungen, 115 Rinderhaltungen und 40 Ziegenhaltungen betroffen sind. Täglich werden die Zahlen aktualisiert. Betroffen sind (geordnet nach abfallender Befallsdichte) vor allem die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hessen.

Noch ist das Schmallenberg Virus in Deutschland nicht meldepflichtig, doch das Bundeslandwirtschaftsministerium wird die amtliche Meldepflicht einführen, wobei mit der notwendigen Zustimmung des Bundesrats gerechnet wird. Faktisch wird die Meldepflicht in unbürokratischer Weise schon jetzt eingehalten, so dass die Meldungen über das elektronische Tierseuchen-Nachrichtensystem (ZSN) sofort zu den Ländern und Behörden gelangen. Ob auf die Meldepflicht auch die Anzeigepflicht folgt, die staatliche Institutionen zum Handeln zwingt, ist noch offen, denn zurzeit wird die Tierseuche noch nicht als solche anerkannt, so dass die betroffenen Betriebe keinen Anspruch auf finanzielle Entschädigungen durch die Tierseuchenkasse haben. Das ist für die Tierhalter bitter, denn sie sind verpflichtet, für jedes ihrer Tiere einen Beitrag an die Tierseuchenkasse zu leisten, um im Fall einer Tierseuche von der Solidargemeinschaft finanziell unterstützt zu werden.

Wie geht es weiter mit der neuen Tierseuche? Im Idealfall wird sie sang- und klanglos verschwinden. Im realistischen Fall muss mit ihrer weiteren Ausbreitung gerechnet werden im Sommerhalbjahr 2012, wenn die Gnitzen wieder aktiv sind und das Virus übertragen können, sofern das Virus im Blut von Tieren noch vorkommt und die erworbene Immunität innerhalb der Bestände noch lückenhaft ist. Das FLI arbeitet schon intensiv an einem Impfstoff gegen das Schmallenberg-Virus.

Quellen für diesen Beitrag sind Mitteilungen des FLI, des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), der European Livestock Association (ELA), des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) sowie der Artikel „Die Angst der Schäfer bei der Lammung“ in DerWesten vom 1. März 2012.

Sievert Lorenzen