DVG-Fachtagung "Tierschutz" vom 12. bis 13. März 2012 in Nürtingen

Die Fachtagung zum Thema Tierschutz in Nürtingen präsentierte zahlreiche Studien zur Nutztierhaltung. Die für den Tierschutz besonders relevanten Beiträge werden hier vorgestellt.

Mastschweine- und Sauenhaltung

In einem Versuch konnte nachgewiesen werden, dass Schweine in mit Stroh eingestreuten Boxen deutlich weniger zum Schwanzbeißen neigen als auf Spaltenböden ohne Einstreu. Das Schwanzbeißen ist eine Folge des Zusammenspiels von Stallklima und Umwelt, Innenausstattung der Boxen (Einstreu oder Spaltenböden), Fütterung, Gesundheitszustand, Schwanzlänge und Platzangebot. Eine gute Genetik, Gesundheitsmanagement und ausreichende Einstreu in den Boxen beugen dem  Schwanzbeißen vor. Infos zur Studie: www.bris.ac.uk/vetscience/web (S. Edwards, Newcastle University).

Bei Sauen in Abferkelbuchten sind Verletzungen an der Schulter alltäglich. Besonders davon betroffen sind ältere Zuchtsauen. Dabei entstehen offene Stellen sowie Schwielen am Schulterblatt. In einem Versuch wurden fünf Sauen haltende Betriebe untersucht. Darunter waren auch zwei Betriebe mit Vollspaltenböden, ein Naturlandbetrieb mit 100 Prozent planbefestigtem Boden und Stroheinstreu. Der größte Betrieb hielt 9000 Dänische Sauen in Gruppen in Einflächen- (mit Betonspalten) und betonierten Zweiflächenbuchten. Die Sauen auf den Betrieben ohne Stroheinstreu wiesen in allen Altersstufen Schulterläsionen auf. Nur die Tiere auf dem Naturlandbetrieb mit Stroheinstreu waren unverletzt. Oft litten sie schon  nach der ersten Abferkelung unter offenen Wunden. Die Tiere auf Betrieben mit Vollspaltenböden waren am stärksten verwundet. Lediglich die Sauen auf dem Naturlandbetrieb überzeugten mit gesunden Klauen und einer guten Gesundheit. Offenbar besteht ein Zusammenhang zwischen dem Grad der Verletzung, der Genetik der Tiere, ihrer Fähigkeit aufzustehen und der Länge ihrer Liegezeiten. Weitere Untersuchungen sollen klären, ob Sauen mit Schäden an den Schultern auch Schäden an Füßen und Gliedmaßen aufweisen, da sich den Autoren zu Folge hieraus auf eine höhere Anfälligkeit für Schulterläsionen schließen lässt (Schäffer, D. Universität Halle).

Bei einer Untersuchung der Klauengesundheit wurden die Hintergliedmaßen tragender Sauen in Gruppenhaltung untersucht. Dabei wurden Tiere in mit Stroh eingestreuten  Mehrflächenbuchten und Tiere in Buchten mit Vollspaltenböden miteinander verglichen. In beiden Systemen waren 84 Prozent, nämlich 405 Sauen, mit Mängeln am Fundament behaftet. Von diesen 405 Tieren zeigten nur zehn Prozent aus Betrieben mit vollperforierten Böden keine Auffälligkeiten. Hingegen aus Betrieben mit Mehrflächenbuchten waren 90 Prozent der Tiere ohne krankhafte Auffälligkeiten. Die Sauen auf Betonspaltenböden wiesen zudem deutlich mehr Verletzungen an den Afterklauen, Wandhornabschürfungen, Hilfsschleimbeutel, Hornklüfte und Hornspalten auf, während die Tiere auf eingestreuten Mehrflächenbuchten weniger Verletzungen zeigten. Die Autoren empfehlen diese Studie Sauenhaltern als Entscheidungshilfe zum Umbau der Stallbuchten für die ab 2013 gesetzlich vorgeschriebene Gruppenhaltung für Sauen (Richter, T. et. al., HFWU Nürtingen).

Zu Lungenveränderungen lieferte eine Studie mit 2220 Mastschweinen aus zehn Mastbetrieben in Baden-Württemberg umfangreiches Datenmaterial. In zwei Betrieben standen die Tiere in Außenklimaställen, die Mastställe der anderen acht Betriebe waren voll klimatisiert. Untersucht wurde die Anzahl der Hustenanfälle, Kümmern, Augen- und Nasenausfluss, Atmung, Durchfall, Nekrosen, Kotausscheidungen und Liegeverhalten sowie der Ammoniakgehalt der Luft. Nahezu 91 Prozent aller untersuchten Tiere wiesen Lungenveränderungen, so genannte Pneumonien, auf. Der eindeutige Zusammenhang zwischen Husten, Ammoniakgehalt im Stall und den Ergebnissen der Lungenuntersuchung ermöglicht schon am lebenden Tier eine Einschätzung des postmortalen Befundes. Die Angaben der  Betriebsleiter, keine Antibiotikabehandlung durchgeführt zu haben, werden von den Autoren bezweifelt (T. Richter, et. al., HFWU Nürtingen).

Immer öfter steht die Fixierung Ferkel führender Sauen in der Kritik, da die Tiere in der Ausübung natürlicher Verhaltensweisen erheblich behindert werden. Im Kastenstand dauern die Geburten länger, die Tiere verletzen sich an Zitzen, Schultern und Gliedmaßen, zudem treten häufig Schleimbeutelentzündungen auf, die Genitalien werden verschmutzt. In der Summe führen Lahmheiten und andere Erkrankungen zu einer höheren Abgangsrate. Auf der anderen Seite liegen die Ferkelverluste durch Erdrücken in  der fixierten Abferkelung bei 15, in der freien Abferkelung hingegen bei 23 Prozent. Die Ferkel werden besonders in der Mitte der Bucht erdrückt, wo die Sau gerne abliegt. Dieses Problem lässt sich jedoch mit baulichen Maßnahmen lösen. Dazu gehören Abliegehilfen für Sauen in Form von Brettern, senkrechte Pfähle oder waagerechte Stangen, die einen schnellen Wechsel der Liegeposition erschweren. Zudem sollten Fress- und Liegebereich räumlich getrennt sein. Das Ferkelnest muss optimal temperiert sein und den Ferkeln einen sichere Zuflucht bieten, während die Sau den Zugang zum Nest nicht blockieren kann. Dazu gehört ein stressfreier Umgang mit dem Tier sowie eine gute Genetik der Sauen (R.Wiedmann, Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg).

Bei einer Untersuchung kombinierter Einzel- und Gruppenhaltung säugender Sauen wurde die Sau, nachdem sie allein abgeferkelt hatte, mit mehreren säugenden Sauen in der Gruppe gehalten. Die Aufstallung beim Gruppensäugen erfolgte in der eingestreuten Trenthorster Abferkelbucht, bestehend aus Bewegungsbereich, Ferkelschlupf, Ferkelnest sowie Auslauf für Sau und Ferkel. Die Gruppensäugebucht für drei Würfe hat zusätzlich drei verschließbare Fressplätze und bietet nach Herausnahme der Trennwände Platz für sechs Würfe. In der Gruppenhaltung wurde eine größere Unruhe gegenüber der Einzelhaltung beobachtet. Das entspannte Liegen kam beim Einzelsäugen am meisten vor und nahm zum Gruppensäugen hin ab. Zwar steigt die Unruhe mit der Anzahl der Tiere, doch waren im Gruppensäugen mit drei Würfen  mehr aggressives Verhalten zu beobachten als im Gruppensäugen mit sechs Würfen. Die erhöhte Unruhe und Aktivität nahm im Verlauf der Säugezeit jedoch wieder ab. Weder wurde die Entwicklung der Ferkel beeinträchtigt, noch lagen erhöhte Ferkelverluste vor. Fazit: Das Gruppensäugen in der ökologischen Tierhaltung mit Stroheinstreu ermöglicht den Tieren nicht nur das Ausleben ihrer artgerechten Verhaltensweisen, es bietet dem Halter auch wirtschaftliche Vorteile. Bericht im Internet: http://orgprints.org/18878/1/18878-07OE029-vTI-weissmann-2011-gruppenhaltung_sauen.pdf (R. Bussemas, vTI, Trenthorst/Westerau).

Unkastrierte Eber gelten als unruhig und aggressiv gegenüber ihren Artgenossen. Vor dem Hintergrund des Kastrationsverbotes ab 2018 wurden Eber in einer Leistungsprüfanstalt (LPA) auf ihr Verhalten in der Gruppe getestet. Hierfür wurden in drei Versuchsgängen 216 Eber, 108 Kastraten und 108 Sauen untersucht, wobei je zwölf Tiere über 1,2 Quadratmeter auf Vollspalten verfügten. Im Ergebnis führten die erhöhten Interaktionen bei Ebern weder zu größeren Verletzungen noch zu einem gestörten Futteraufnahmeverhalten. In dem für alle drei Geschlechtergruppen einheitlichen Futter wurde das Muskelansatzvermögen der Eber jedoch nur unzureichend ausgeschöpft. Die Autoren schließen daraus, dass unter LPA-Bedingungen eine Ebermast ohne eingeschränkte Futteraufnahme erfolgreich ist. Zur Beurteilung des Muskelansatzvermögens bei Ebern sind jedoch weitere Versuche mit angepasster Futterzusammensetzung nötig. Bericht im Internet: www.landwirtschaft-bw.info/servlet/PB/show/1359194_l1/LSZ_Ebermast_Verhalten.pdf (B. Bünger, FLI Celle/Boxberg)
Die Brandgefahr in Schweinemastställen wird in der Regel unterschätzt. In Baugenehmigungsanträgen wird 15 Minuten Rettungszeit für eine Anlage mit 10.000 Sauen eingeplant – zu wenig, um alle Tiere zu retten. Genaue Bestimmungen zur Tierrettung fehlen. So verendeten in Deutschland in den letzten vier Jahren mehr als 15.000 Schweine bei insgesamt 50 Stallbränden. Ein Versuch mit verschiedenen Treibmethoden ergab, dass eine erfolgreiche Evakuierung der Tiere einige Minuten Zeit benötigt. Dieser Zeitbedarf variiert je nach Haltungsart zwischen fünf und hundert Minuten je Tier. Dabei ging das Treiben mit Brettern schneller und problemloser als mit Elektrotreibern. Insbesondere Mastschweine widersetzen sich den Rettungsversuchen und versuchen häufig, in den Stall zurück zu gelangen. Tiere, die an regelmäßigen Austrieb auf die Weide gewöhnt waren, ließen sich leichter ins Freie treiben. Nötig sind baulich-technische Maßnahmen zur Vermeidung von Bränden durch spezielles Material, Brandmauern, feuerfeste Türen. Wichtig Einflussgrößen sind zudem geringe Besatzdichten, Auslauf und Gruppenhaltung. Fazit: Der Brandschutz in Tierhaltungsanlagen muss in den Genehmigungsverfahren künftig stärkere Beachtung finden (Hörning, B., FH Eberswalde).

Geflügelhaltung

In den Intensivmastställen sind schmerzhafte Läsionen an den Fußballen von Masthühnern an der Tagesordnung. Die Tiere können nicht mehr laufen, verringerte Futteraufnahme und Gewichtsverluste sind die Folge. Inwieweit die Einstreu Fußkrankheiten beeinflusst, wurde an 18.500 Küken in einem zur Hälfte geteilten, 850 Quadratmeter großen Stall getestet. Die eine Hälfte wurde mit Hobelspäne, die andere Gruppe mit Strohgranulat eingestreut, beide Materialien wiesen eine Trockensubstanz von 92 Prozent auf. Die Geflügelmastfuttergaben waren in beiden Gruppen identisch. Wegen Verlusten durch Nabelentzündungen wurden beide Gruppen mit Antibiotika behandelt (!) Im Ergebnis wiesen die Hähnchen auf Stroh geringere Fußballenveränderungen auf. Die zum Zeitpunkt der Schlachtung untersuchten Tiere auf Stroh hatten um 60 Prozent weniger Fußballenveränderungen gegenüber der Gruppe auf Hobelspänen. Entscheidend ist hier der Feuchtgehalt der Einstreu: Je mehr Wasser die Einstreu bindet, desto länger bleibt sie trocken. Strohgranulat kann in Vergleich zu Hobelspäne 17 Prozent mehr Wasser aufnehmen, weshalb sie sich für die Einstreu in der Hähnchenmast besonders eignet. Die Autoren weisen darauf hin, dass nicht allein eine trockene Einstreu maßgebend für die Fußballengesundheit ist, sondern die Ursachen hierfür komplex sind. (Lohmann, Animal Health GmbH, Cuxhaven).

Immer mehr Hühner haltende Betriebe halten ihre Legehennen ganztägig auf der Weide. Der Aufenthalt im Freien fördert die Gesundheit und stärkt das Immunsystem. Da die Tiere draußen den ganzen Tag auf Futtersuche sind, spart der Halter bei gutem Management auch 20 bis 30 Prozent der Futterkosten ein. Das bestätigte sich in einem Versuch mit zwei Herden in mobilen Weideställen. Kropf- und Mageninhalt eines Freilandhuhnes wiesen neben zahlreichen pflanzlichen und tierischen Bestandteilchen fast neun Mal so viel Steinchen auf wie ein Huhn, das den Stall kaum verlassen hatte und dessen Kropf nur Kraftfutter enthielt. Die Tiere nehmen offenbar einen Großteil an Energie und Eiweiß im Grünauslauf auf. Eine bessere Abstimmung des Futterangebotes in Auslauf und Stall streben die Autoren durch weitere Untersuchungen an (Trei, G., Hörning, B. et al., FH Eberswalde).

Rinder- und Kälberhaltung

Das Enthornen von Kälbern ist eine übliche Maßnahme auf Kälber haltenden Betrieben. Begründet wird dies mit dem erhöhten Unfallrisiko für  Menschen und höheren Stallbaukosten für behornte Zuchttiere. Eine schmerzarme Enthornung war das Ziel einer  Untersuchung, in der die Rinder neben einem Lokalanästhetikum außerdem mit NSAID Flunixin behandelt wurden. Es zeigte sich, dass die Kombination der Drogen im Vergleich zu einer alleinigen Gabe des Lokalanästhetikum die Schmerzen deutlich mindert. Frühere Studien mit behornten Milchkühen im Laufstall zeigen hingegen, dass die Haltung behornter Rinder problemlos möglich ist, wenn das Management entsprechend angepasst wird. Günstig beeinflusst wird ihre Haltung durch das Abrunden der Hornspitzen sowie  Fressgitter mit Liegeboxen und Fluchtwegen ohne Sackgassen. Der tägliche Auslauf ist unabdingbar. Durch genügend Ausweichmöglichkeiten vermindern sich aggressive Kampfhandlungen, die  Hörner dienen allenfalls noch dem Drohen. Auch ein gutes Mensch-Tier-Verhältnis minimiert die Verletzungsgefahr. Mehr dazu lesen Sie hier: www.oekolandbau.nrw.de/fachinfo/tierhaltung/milchkuehe/behornte_kuehe/hoernersemiar.php (Waiblinger, S. et. al., Veterinärmedizinische Universität Wien).

Wisente und Heckrinder eignen sich besonders gut zur Landschaftspflege und Beweidung extensiver Grünflächen. In einer vergleichenden Studie wurde das Verhalten beider Tierarten in einem Wildtiergehege in Donaumoos (Bayern) beobachtet. Während das Wisent gut an die herrschenden Klimabedingungen angepasst ist, stellen Heckrinder besondere Ansprüche an ihre Umwelt, wie die Beobachtungen des Liege- und Stehverhaltens sowie Wiederkäuen der Tiere ergaben. So brauchen Heckrinder ganzjährig einen Witterungsschutz mit eingestreuter trockener Liegefläche und ausreichend Schattenplätze. Wisente hingegen scheinen viel besser mit rauem Wetter zurechtzukommen. Beide Tierarten brauchen ein ausreichend großes Gehege, welches das ganze Jahr über ausreichenden Aufwuchs bietet und Möglichkeiten zur Zufütterung mit einschließt. Wisente verhalten sich Artgenossen gegenüber aggressiver als Heckrinder, ihnen muss deshalb besonders viel Platz eingeräumt werden. Die Dissertation finden Sie im Internet unter http://edoc.ub.uni-muenchen.de/13380/1/Poettinger_Julia.pdf  (Pöttinger, J. et al., LMU München, 2011)

Susanne Aigner,
PROVIEH-Fachreferat