Waldweide – alte Tradition unter neuen Vorzeichen

26.08.2011: Über viele Jahrtausende wurden Nutztiere zur Nahrungsaufnahme in den Wald getrieben, auf die Waldweide. Dort fanden sie genügend Nahrung und Schutz vor Regen und Sonne. Das Weiden im Wald war die einzige Möglichkeit, die Tiere zu mästen, ohne dass sie in Futterkonkurrenz zum Menschen standen. Da die Tiere auch die nachwachsenden Bäume fraßen, bildeten sich über die Zeit lichte Wälder mit einzelnen großen Bäumen, die für Schweine essbare Früchte wie Bucheckern und Eicheln trugen. Solche Wälder werden als Hutewälder (auch Hudewälder oder Hutung) bezeichnet.

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Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschwand diese traditionelle Bewirtschaftungsform aus verschiedenen Gründen. Zu viele Tiere wurden in die Wälder getrieben, und die Fruchtbarkeit sank, weil zu viel Waldspreu für landwirtschaftliche Zwecke entnommen wurde. Überdies wurde dem Wald zu viel Holz entnommen, so dass der Waldbestand empfindlich abnahm. Als Reaktion entstanden im 19. Jahrhundert die geordnete Forstwirtschaft und die ersten Ländergesetzgebungen. Eines der Ziele war die klare Trennung von Wald und Weide. Der schlechte Ruf der Waldweide wurde dogmatisiert und hat sich bis heute erhalten. Deswegen herrschen noch immer Misstrauen und Vorurteile, wenn es darum geht, Vieh wieder den Wald zu lassen. Werde dies erlaubt, könnte ein „Waldweideboom“ entstehen, der die Großwildpopulationen benachteilige, die Übertragung von Krankheiten von Haus- auf Wildtiere und umgekehrt begünstige, die Holzproduktion vermindere und die Waldverjüngung durch Verbiss verhindere.

Gesetzgebung in Bundesländern unterschiedlich

Trotz der angeführten Bedenken ist Waldweide nicht generell verboten, aber sie muss forstrechtlich genehmigt werden. Das gilt auch für den Fall, das man Eigentümer eines kleinen Waldstücks ist und den eigenen Rindern ermöglichen will, dort gelegentlich zu weiden oder Schutz vor der Witterung zu suchen. Aber auch in solchen Fällen ist es oft schwierig, eine Genehmigung zu erhalten, weil grundsätzlich die Walderhaltung Vorrang hat. Liegt das Waldstück inmitten einer Weide und ist die Landschaft ein sogenanntes FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat), ist die Genehmigung noch schwieriger zu bekommen.cows-0276_freeanimalpix

Ein Lied davon singen kann Hermann Angermaier aus Mecklenburg-Vorpommern. „Obwohl diese Weide mit etwas Wald schon seit vielen Jahrzehnten zur Beweidung genutzt wird, muss ich in ihr alle Hecken und Baumreihen auszäunen.“ Nur dann könne er von der EU Beihilfezahlungen im Rahmen der Cross-Compliance-Bestimmungen erhalten, deren Einhaltung von der Unteren Naturschutzbehörde überprüft wird. Würde Herr Angermaier seine Rinder zu dicht an die Bäume heranlassen, müsste er mit empfindlichen Kürzungen der Prämien rechnen. „Alles auszuzäunen ist jedoch nicht praktikabel“, meint er, „aber wenn ich meine Rinder nicht mehr auf die Weide lasse, dann wird dort alles zuwachsen, denn die Pflege des Biotops durch die Rinder ist durch den Einsatz von Maschinen kaum zu ersetzen.“ Natürlich seien Umweltschutzrichtlinien wichtig und müssen eingehalten werden, sagt Herr Angermaier, aber in seinem Fall werde Naturschutz falsch verstanden, weil nur das Gegenteil des Erwünschten bewirkt werden könne. 

Glücklicherweise haben sich alte, unveränderte Formen der Waldweide in Europa noch erhalten, zum Beispiel in Südspanien und in Kroatien mit der Schweine-Beweidung der Dehesa (Hutewälder) bzw. der Save-Auen. Gerade für Schweine ist die Waldweide eine gute und tiergerechte Alternative zur konventionellen Mast und verbessert zudem die Qualität des Fleisches. Dipl.-Ing. agr. Hans-H. Huss hat über seine Erfahrungen mit der Eichelmast im PROVIEH-Magazin 04/2009 berichtet. Mittlerweile betreibt er als Geschäftsführer die einzige deutsche Eichelmasthaltung von Schweinen in Unterfranken, die sogar zu einem Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) im Bereich der Erhaltung und innovativen Nutzung der biologischen Vielfalt geworden ist.

PROVIEH wollte wissen, wie die rechtliche Lage in Schleswig-Holstein ist, wenn ein Bauer ein Genießt-das-wilde-Leben_1696_Johnigkeigenes Waldstück mit Schweinen beweiden lassen möchte. Johann Böhling von der obersten Forst- und Jagdbehörde in Kiel erklärte uns in einem Telefonat, dass man solche Anfragen sehr wohlwollend prüfe. Zwar habe man die Probleme früherer Waldbeweidungen immer im Hinterkopf, aber gegen eine Beweidung mit Schweinen sei grundsätzlich nichts einzuwenden. „Für unsere Behörde steht natürlich die Erhaltung des Waldes im Vordergrund. Aber gerade Schweine tragen bei einem verantwortungsbewussten Einsatz auch zum Schutz und zur Pflege des Waldes bei. Durch ihr angeborenes Wühlen nach proteinreicher Nahrung lockern sie den Waldboden auf, verteilen Samen und sorgen so auch für neuen Aufwuchs. Zudem  entstehen, anders als bei Rindern, Schafen, Ziegen oder Pferden, so gut wie keine Verbissschäden an der Waldverjüngung."

Soll aus dieser Aussage folgen, dass Rinder nach wie vor als Waldschädlinge gelten? Würde dies auch für den „verantwortungsvollen Einsatz“ der Rinder gelten?

Bei gutem Management: Artenvielfalt nicht trotz, sondern wegen Beweidung

In-kleinen-Gruppen-sind-wir-keine-Waldschaedlinge_1683_JohnigkWenn ein Wald als Biotopschutzwald gilt, weil er den Rest eines historischen Hutewalds darstellt und als solcher als schützenswert gilt, ist Weidegang dort nicht nur zulässig, sondern zur Biotoperhaltung sogar erwünscht. Warum? Weil solche Wälder artenreich sind, und dies nicht trotz, sondern wegen der Beweidung, denn die Weidegänger fressen nicht wahllos, sondern selektiv. Viele der streng geschützten Pflanzenarten, zum Beispiel Primeln und Orchideen, sind aus Sicht der Weidegänger „Unkraut“, das sie meiden. Derartige Erkenntnisse eröffnen neue Perspektiven auch für die Wiedereinführung von halboffenen Weidelandschaften, in denen Rinder frei zwischen Weide und Wald pendeln können. In diesem Sinne ist zu verstehen, dass sich viele neue Weide-Projekte in Deutschland in Landschaften mit Hutewäldern entwickelt haben, in denen Weidetiere als kostengünstige Landschaftspfleger eingesetzt werden, die den Artenreichtum in ihrem Lebensraum erhöhen und bewahren. Ein bekanntes Beispiel ist der Naturpark Kellerwald-Edersee im hessischen Mittelgebirge.

Für derartige Erfolge ist ein gutes Management wichtig. Das Wald-Weiden-Mosaik muss groß genug sein. Statt es sich selbst zu überlassen, muss genau festgelegt werden, welche Tierarten wo und wann eingesetzt werden. Schafe zum Beispiel fressen die Pflanzen extrem tief ab, während Rinder ihr Futter relativ hoch abreißen. Ziegen fressen lieber an Büschen und Bäumen als an Gräsern. Schweine als Allesfresser durchwühlen gerne den Boden auf der Suche nach Käfern und Würmern. Gut eignen sich in jedem Fall robuste, genügsame Tiere mit einem verhältnismäßig geringen Gewicht, damit der Boden nicht verdichtet wird. Die Besatzdichte muss mäßig bleiben, damit die Tiere nicht zur Überweidung gezwungen sind und auch im Winter hinreichend satt werden. Das schafft eine gute Lebensqualität für die Tiere und stellt einen dringend notwendigen Ausgleich zur industriellen, monotonen Landbewirtschaftung dar. Nicht zu vergessen ist, dass großflächige „Wilde Weiden“ auch von erholungsbedürftigen Menschen geschätzt werden, was den Tourismus belebt. Wie gut die Tiere mit dem „wilden“ Leben klarkommen, zeigt uns in diesem Sommer eindrucksvoll die Kuh Yvonne, die seit Wochen durch den Zangberger Wald in der Nähe von München streift und trotz aller Bemühungen bisher nicht eingefangen werden konnte.

 

Christina Petersen