Verbrannt, erstickt, verendet - Opfer der Massentierhaltung

31.08.2011: Brände, Blitzeinschläge und Stromausfälle hat es auch früher schon auf Bauernhöfen gegeben, doch die Tiere standen meistens auf der Weide. In der Massentierhaltung tun sie es nicht mehr, sie stehen  in großen Ställen, und wenn diese brennen, müssen sie in den Flammen oder im Rauch elendig umkommen. Fluchtwege gibt es für sie nicht. Doch der qualvolle Tod im Massenstall findet nicht nur bei Feuer statt, er kann auch eintreten, wenn Lüftung, Klimatechnik, automatisierte Fütterung oder Tränkevorrichtung versagen. Dafür genügen einfache Stromausfälle, denn die technischen Systeme brauchen Strom.

Die Liste vom Tod im Massenstall ist lang, wie schon allein die Bilanz vom August 2011 zeigt: In Bülstringen (Sachsen-Anhalt) erstickten117.000 Masthühner, weil die Belüftungsanlage bei einem Gewitter ausfiel. In Borgentreich-Körbecke (Nordrhein-Westfalen) begrub das einstürzende Dach eines brennenden Stalls 1.000 Mastschweine. Im baden-württembergischen Bad Rappenau verwüstete ein nächtliches Feuer eine von drei Hallen eines Geflügelhofes und tötete mindestens 10.000 Hühner. In Bad Waltersdorf (Steiermark, Österreich) verbrannten im selben Monat 108.000 Legehennen, als ihr illegal (ohne Baugenehmigung) errichteter Stall aus bisher ungeklärten Gründen in Flammen aufging. Und in Grettstadt (Bayern) starben 400 Tiere beim Brand einer Schweinemastanlage, 250 Ferkel aus dem Nachbarstall konnten noch gerettet werden.

Brandopfer gibt es nicht nur in der industriellen Tierhaltung. Auch bäuerliche Betriebe können vom Feuer heimgesucht werden, wie das letzte der gerade angeführten Beispiele zeigt. Auch auf Bauernhöfen kann es gefährliche Kurzschlüsse oder Versagen der Alarmsysteme geben, doch die Zahlen der dort gehaltenen Tiere ist deutlich geringer als in industriellen Anlagen, so dass viele Tiere noch gerettet werden können und die Zahl der Opfer deshalb in Grenzen bleibt.

In Alt-Tellin (Mecklenburg-Vorpommern) wurde gerade eine Industrieanlage für 10.500 Zuchtsauen und 36.000 Ferkel behördlich genehmigt, obwohl nach einem Gutachten von Umwelt- und Tierschützern eine rechtzeitige Evakuierung der Anlage unmöglich wäre. Das ist unverantwortlich. Deshalb beteiligt sich auch PROVIEH massiv am Protest gegen den Bau dieser und anderer Tierfabriken, die auch nicht besser sind.

Genehmigungsbehörden und Investoren winden sich oft mit dem Argument heraus, beim Bau würde schon ausreichend auf vorbeugenden Brandschutz geachtet werden. Aber die Bauordnungen aller Bundesländer schreiben zweifelsfrei vor: Jedes neue Gebäude muss so geplant und errichtet werden, dass Menschen UND Tiere in angemessener Zeit gerettet werden können. Dafür bleiben im Brandfall nur wenige Minuten. Und auch wer noch nicht selbst versucht hat, eine kleine Gruppe stark verängstigter Sauen ohne Verletzungen aus einer Stallbucht zu bewegen, kann sich eine Vorstellung machen, was für eine Panik ein Brand in einer Anlage mit 46.500 Sauen und Ferkeln auslösen würde. Da versagt jeder Versuch, den brennenden Stall zu evakuieren.

Das eigentliche Übel liegt allerdings tiefer. Wir verlieren mit der Intensivierung und Industrialisierung zusehends unser Verhältnis zu den Tieren in der Landwirtschaft. Die Mäster geben mit zunehmender Automatisierung der Massenställe immer mehr Verantwortung an die Maschinen ab. Für die gesetzlich geforderte Pflege und Fürsorge bleiben ihnen pro Schwein und Tag nur noch wenige Sekunden, in der intensiven Hühnerhaltung sogar nur Zehntelsekunden. Ausgehend von diesen Kontaktverlusten ist der Schritt nicht mehr weit, Nutztiere nur noch als reine Produktionsmittel anzusehen und zu missbrauchen. Mitgefühl für die Tiere wird ersetzt durch reine Verwertungsmentalität, das qualvolle Verenden der Tiere wird registriert als wirtschaftlicher Sachschaden.

Natürlich kann man Technik nicht aus dem Tierstall verbannen. Das können auch bäuerliche Betriebe mit artgemäßer Tierhaltung nicht. Aber man kann Konzepte für Notfälle erarbeiten. Dazu gehören die regelmäßige Instandhaltung aller überlebenswichtigen technischen Systeme, der Einbau wirksamer Brandschutzelemente, die Erarbeitung angemessener Evakuierungspläne und nicht zuletzt eine konsequente Abkehr von der industriellen Massentierhaltung. Das alles deckt sich mit den Forderungen von PROVIEH.

 

Susanne Aigner und Stefan Johnigk