Aufstand der Pelzindustrie – oder Wie ein Gesetz das Ende der deutschen Nerzfarmen einläutet

04.04.2012: Teure Pelze haben seit Jahren Konjunktur. In vielen Ländern Europas, allen voran Dänemark, sind Pelzfarmen ein profitabler Wirtschaftszweig. Verarbeitet werden die Felle von Iltis, Fuchs, Marderhund, Sumpfbiber, Chinchilla, Nutria, Zobel und Nerz. Für einen Nerzmantel müssen 40 bis 60 Nerze sterben. In Deutschland wurden 2011 rund 400.000 Felle verarbeitet. Seit Dezember muss nun ein erwachsenes Pelztier mindestens einen Quadratmeter Platz haben und der Käfig eine Grundfläche von drei Quadratmetern aufweisen. Ab 2017 sieht das Gesetz auch ein Schwimmbecken im Nerzgehege vor.

Glaubt man dem Deutschen Pelzinstitut, so sind nach jahrhundertelanger Pelztierzucht Nerze heute domestiziert. Sie hätten sich genetisch so verändert, dass sie in freier Wildbahn und ohne die Pflege des Menschen nicht mehr überleben könnten. Der Farmer sorge für ihre ungestörte Entwicklung und vor allem für ein optimales Fellwachstum. Der Zentralverband Deutscher Pelztierzüchter (ZDP) vertritt sogar die Ansicht, eine veränderte Fellfarbe und neurochemische Vorgänge im Gehirn des Nerzes seien der Beweis für dessen Domestikation. Wasser schade seiner Gesundheit, denn es fördere Fellfressen und störe die Wärmeregulierung des Körpers. Einzig im Käfig gehe es dem Nerz gut.

Ein kurzes Leben in Gefangenschaft

Die Wahrheit sieht anders aus. Der Platz in kleinen Käfigen mit Böden aus dünnem Drahtgitter, in denen die Tiere eingesperrt sind, variiert je nach Tierart zwischen 0,1 und 0,5 Quadratmetern. Darin sind die Tiere Temperaturschwankungen, Schnee und Regen ausgesetzt. Der Kot fällt durch das Gitter auf den Boden. Das Futter, das ihnen zwei bis drei Mal am Tag auf die Gitterstäbe geschmiert wird, besteht aus einem Gemisch aus Schlacht- und Fischabfällen und billigen eiweißhaltigen Futterpflanzen, darunter Soja. Je mehr die Tiere fressen, desto besser entwickelt sich auch ihr Pelz.

Da sie ihren Bewegungstrieb in der Enge bei weitem nicht ausleben können, zeigen Nerze in Käfigen oft stereotype Bewegungsabläufe: Pausenlos springen sie an den Gitterwänden auf und ab oder werfen sich dagegen. Andere Verhaltensstörungen sind Kannibalismus, Fell- und Schwanzbeißen und das Beißen in die eigenen Gliedmaßen. Von Anfang bis Ende März ist die Zeit der Fortpflanzung. Dann wird für einige Stunden ein Männchen mit einem Weibchen in einen Käfig gesperrt. Ende April bis Anfang Mai werden im Schnitt fünf Welpen geboren. Nach sechs bis acht Wochen werden die Jungtiere von den Müttern entfernt. Ihr Leben dauert etwa sechs Monate. Im Herbst setzt der Fellwechsel ein. Im November und Dezember, wenn das Fell am besten entwickelt ist, werden die  Pelze "geerntet". In China, dem Land mit den meisten Pelztierfarmen, holt man die Tiere aus dem Käfig, zerrt sie auf den Boden und prügelt sie zu Tode. Nachdem die Haut abgezogen ist, werden die blutenden Körper auf einen Haufen geworfen, wobei die gehäuteten Tiere langsam verenden. In Europa bevorzugt man die Tötung durch Vergasen, nicht, weil das das Leid der Tiere verringert. Auf diese Weise wird das kostbare Fell nicht beschädigt und lässt sich teurer verkaufen.

Nerze sind Wildtiere

Im Dezember 2011 erklärte Juliane Rumpf, Umweltministerin von Schleswig-Holstein, Pelztiere seien keine Nutz- sondern Wildtiere. Damit begründete sie die neuen Gesetzesvorgaben für mehr Platz und Schwimmbecken für Nerze. Forscher der Tierärztlichen Fakultät in München können das bestätigen: Im Rahmen einer vierjährigen Studie beobachteten sie ein Jahr lang das Verhalten von Nerzen in zwei Freilandgehegen von je 300 Quadratmetern Fläche mit einem Teich, einem vier Meter langen Bach und einer Schwimmrinne. Die Tiere schwammen und tauchten - im Teich, in der Rinne und im Bach – und das auch im Winter. Im zweiten Teil wollte man herausfinden, ob Nerze Schwimmbecken auch in einem Volierensystem nutzen. Hierzu wurde außerhalb jeder Voliere eine zwei Meter lange Schwimmrinne angebracht, die die Tiere von innen erreichen konnten. Es gab jedoch  Startschwierigkeiten: Auf einmal wurde kein Futter mehr angeliefert, und es waren nur noch für den Versuch untaugliche Tiere zu bekommen. Aufgeschreckt von den veröffentlichten Ergebnissen wollte die Pelzindustrie offenbar den weiteren Versuchsablauf behindern. Mit neuen Futterlieferanten wiederholte man den Versuch mit Tieren aus eigener Nachzucht. Wie erwartet, schwammen die Nerze auch in der Voliere mit Vorliebe in der Schwimmrinne. Der dritte Teil der Untersuchung, bei dem in überdachten Volieren je einem Nerz ein Wasserbecken von einem Quadratmeter Fläche  zur Verfügung stand, wird im Frühjahr 2012 abgeschlossen sein. Doch schon jetzt ist klar: Nerze lieben Wasser und baden gerne darin. Das unterstützt auch die These, dass Schwimmen zu ihren arttypischen Verhaltensweisen gehört.

Nerzfarmen in der Kritik

Hierzulande werden neben Nerzen auch Füchse, Sumpfbiber und Chinchillas in Käfigen gehalten. Die Pelztierzüchter stehen seit Jahren unter Beobachtung, nicht nur von den Behörden. Ab und an werden die Tiere auch von Tierschützern "befreit", wie 2010 auf einer Farm in Brandenburg. Naturschützer sehen solche Aktionen kritisch, denn wenn 4.000 hungrige Nerze Vögel reißen, leidet nicht nur die heimische Fauna. Auch die Hühner auf benachbarten Höfen fallen den hungrigen Nerzen zum Opfer. Fakt ist, dass entlaufene amerikanische Nerze mit eine Ursache dafür sind, dass der einheimische europäische Nerz heute quasi ausgestorben ist.

Seit Jahren bekämpfen sich Tierschützer und  Nerzfarmer. Der Journalist Jan Pfeifer reiste 2011 von Farm zu Farm, um Nerze in ihren Käfigen zu filmen.  Im westfälischen Hörstel verklagte ihn ein Züchter vor Gericht auf 22.000 € Schadenersatz: Bei seiner Ankunft auf der Farm hätte Pfeifer so viel Unruhe verbreitet, dass 35 Muttertiere und 1.350 ganz junge Welpen gestorben seien. Bis heute konnte ihm keine Schuld am Tod der Tiere nachgewiesen werden. Aus Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen gingen der Hörsteler Farmer sowie eine Nerzfarmzüchterin aus Borken wiederum vor Gericht, denn die neuen Auflagen – mehr Platz und Schwimmbecken – vermiesen den Züchtern das Geschäft. Diese Auffassung teilen sie mit mindestens acht weiteren Nerzfarmern, die ebenfalls gegen die neue Verordnung klagen. Insbesondere die Besitzer großer Farmen mit mehreren tausend Tieren weigern sich, auf größere Käfige umzurüsten.

Aus für deutsche Nerzzüchter?

Die Sorge der Nerzfarmer ist nicht unberechtigt. Ab 2017 muss jedes Nerzgehege ein Schwimmbecken haben. Weiterhin sind Nestkästen und Tunnelröhren vorgeschrieben. Die erforderlichen Umrüstungen werden die Kosten in die Höhe treiben, so dass  die Nerzhaltung für den Betreiber möglicherweise unrentabel wird.  Allerdings  hatten die Farmer fünf Jahre Zeit, die Haltungseinrichtungen entsprechend anzupassen, denn das Gesetz wurden bereits 2006 erlassen.

Rund zwanzig Nerzfarmen gibt es noch in Deutschland – und es werden immer weniger. Im Januar 2012 wurde eine Nerzfarm in Nordrhein-Westfalen geschlossen, weil der Betreiber sich nicht um die neuen Platzvorgaben scherte und die Tiere immer noch in den engen Käfigen hausten. Aus demselben Grund hat auch ein Nerzfarmer aus dem  Kreis Gütersloh eine Klage am Hals. Die beiden Nerzfarmer aus Borken und Hörstel haben ihren Gerichtsprozess am 9. März in Münster verloren, und die Borkener Züchterin muss ihre Farm schließen. Der Arbeitskreis humaner Tierschutz will darüber hinaus das Veterinäramt des Kreises Borken verklagen wegen Beihilfe zur Tierquälerei. Zu lange blieb die Behörde untätig angesichts der Missstände auf der Borkener Farm. Doch was geschieht mit den Tieren, wenn die Farmen geschlossen werden? Im April ist Wurfzeit, dann sitzen fünf Mal so viele Nerze in den Käfigen. Diese Frage ist dringend zu klären, sonst stehen die Behörden bald vor einem neuen Tierschutzproblem.

Susanne Aigner

PROVIEH-Fachreferat


Weiterführende Quellen: