"Gläserne Ställe" - oder wie die Agrarindustrie versucht, ihr Image aufzupolieren

04.04.2012: Große Tierhaltungsanlagen werden vom Verbraucher immer häufiger mit Tierquälerei in Verbindung gebracht. Ein schlechtes Image ist entstanden, das die Agrarlobby nun aufpolieren will.

Seit Beginn der 70er Jahre prämiert das Bundesagrarministerium „zukunftsweisende“ Stallbauten  im Rahmen des Bundeswettbewerbs „Landwirtschaftliches Bauen“.  

2010 wurden „moderne“ Kuhställe gesucht,  die die Akzeptanz angeblich tier- und umweltgerechter Haltungsverfahren bei Landwirten, Beratern und Verbrauchern fördern sollten. Unter den fünf deutschen Preisträgern sind vier Milchvieh haltende Betriebe mit 200 bis 300 Kühen. Die Bestände wurden ausnahmslos vergrößert, die Kühe mit einer modernen Melkanlage höchst effizient, oft drei Mal am Tag gemolken. Die technisch ausgereifte Entmistungsanlage schiebt die anfallende Gülle zuverlässig in die Güllegrube. Bequeme Stroheinstreu auf den Liegeflächen aber gibt es nur für „Problemkühe“. Mag sein, dass eine solche Anlage mit 300 Milchkühen funktional, rationell und ökonomisch arbeitet. Doch was haben die Tiere davon? Das Tierwohl bleibt ganz offensichtlich auf der Strecke: Fußkrankheiten und Euterentzündungen sind die Regel. Sie erfordern den Einsatz von Antibiotika oder eine vorzeitige Schlachtung der Tiere.

Der Bundeswettbewerb „Landwirtschaftliches Bauen 2011/12 – Gläserne Ställe“ knüpft an dieses Konzept an. Ob Geflügel, Schweine oder Rinder – Tierhalter, die der Öffentlichkeit Einblick in ihre Ställe gewähren, winkt ein Preisgeld von 5.000 Euro. Doch geworben wird hier für nichts anderes als für die industrielle Tierproduktion, die angeblich "hygienisch und sicher" ist.

Modern ist nicht gleich tiergerecht - Beispiel intensive Schweinemast

In den meisten konventionellen Schweinemastställen bietet sich das typische Bild: Die Schweine drängeln sich in den Buchten auf Vollspaltenböden. Platz für eine wie auch immer geartete Individualdistanz gibt es nicht. Für rund ein Dutzend, bisweilen sogar 20 Tiere je Bucht ist eine Eisenkette das einzige "Beschäftigungsmaterial". Ihren Futtersuchinstinkt können die intelligenten Tiere an dem künstlichen Spielzeug nicht befriedigen. Schon nach kurzer Zeit verlieren sie das Interesse. Auch die EU-Lebensmittelaufsichtsbehörde EFSA hält Eisenketten zum Ausleben des Spieltriebes für nicht ausreichend. Meist steht den Tieren weder das von der EFSA vorgeschlagene Stroh noch sonstiges organisches Material zur Befriedigung ihrer arttypischen Verhaltensweisen zur Verfügung - da bleibt zum Anknabbern nur das Schwein nebenan. Die Ringelschwänze sind deshalb vorsorglich kupiert. Ein solcher Stall mag modernsten technischen Anforderungen genügen, die dem Mäster die Arbeit erleichtern - den Bedürfnissen der Tiere genügt er nicht.

Überproduktion auf Kosten von Umwelt und Gesundheit

Der Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch liegt in Deutschland inzwischen bei 118 Prozent. Der Binnenmarkt ist mehr als gesättigt, denn es werden auch große Mengen an Fleisch aus dem Ausland importiert – wie zum Beispiel Serrano- und Parmaschinken oder ungarische Salami. Köpfe, Pfoten und die Ohren vom Schwein werden als Delikatessen nach China und Russland exportiert. Mit steigender Tendenz.

Die Umwelt leidet schon jetzt massiv unter der Schweinemast. Immer häufiger klagen Anwohner über viel zu hohe Nitratwerte im Grundwasser. An vielen Orten ist das Leitungswasser schon lange nicht mehr trinkbar. Die Ursache für die hohe Nitratbelastung liegt in den Unmengen an Schweinegülle, die auf den Feldern entsorgt werden.

Normalerweise kommt die Intensivmast nicht ohne massiven Antibiotika-Einsatz aus, da die Tiere unter den schlechten Haltungsbedingungen häufig erkranken. Auch die Menschen leiden unter den multiresistenten Keimen, die sich in der  industriellen Tierhaltung ausbreiten. Studien zu Folge sind bereits mehr als 70 Prozent der Keime im menschlichen Darm in ihrem Genotyp mit den Bakterien aus der Tiermast identisch. So ist der MRSA-Stamm CC398 gegen die in der Humanmedizin häufig angewandten Tetrazykline und Methicillin inzwischen resistent. Diese Antibiotika sind bei einem Menschen, der an dem genannten Keim erkrankt ist, bereits wirkungslos.

Artgemäße Schweinemast ist ökonomisch sinnvoll

„Wachsen oder weichen“ heißt es für den Schweinemäster, wenn er weiter im Geschäft bleiben will. Doch für einen Familienbetrieb mit 1.000 Mastschweinen kann Wachstum keine wirkliche Lösung sein. Eine Vergrößerung des Bestandes bedeutet auch, dass das Wohl des einzelnen Tieres vernachlässigt wird. Es verschwindet in der Anonymität der Masse. Schließlich ist es nur noch eine Zahl, ein Produktionsfaktor. Dabei stünden einem Schweine- und Ackerbaubetrieb heute theoretisch alle Möglichkeiten zur artgerechten Schweinehaltung offen. Die Schweine könnten auf den Feldern und Wiesen weiden. Zumindest könnte ihnen ein großzügiger Auslauf zur Verfügung stehen. Bei steigenden Futterkosten lohnt sich die Umstellung auf betriebseigenes Futter.

Die Lösung liegt in der Vielfalt verschiedener Tierarten oder Betriebszweige, die in ihrer Summe den Betrieb stabilisieren und ihn unabhängiger machen vom Diktat sich ständig ändernder Marktpreise. Auf dem Neulandbetrieb Hof Reinold in Wobeck im Harzer Vorland leben die Schweine das ganze Jahr über draußen. Auf der ständigen Suche nach Futter befriedigen die Tiere ihren Wühltrieb, den restlichen Futterbedarf deckt eine zusätzliche Mischfutterration. Auf dem Biolandbetrieb der Familie Ebsen in Langenhorn (Nordfriesland) standen bis 1988 über hundert Sauen auf Vollspaltenböden. Nach der Umstellung auf ökologische Tierhaltung hält Bauer Ebsen 40 Schweine in Boxen auf Stroh mit eingestreutem Auslauf. Selbstverständlich leben auf beiden Höfen auch noch andere Nutztierarten. Bauer Ebsen betreibt zudem Gemüse- und Ackerbau. Auch die Herrmannsdorfer Landwerkstätten zeigen, dass eine artgemäße Haltung auch wirtschaftlich rentabel ist. Dies ist eine Landwirtschaft, die sich die Menschen wünschen und die sie beim Anblick weidender Rinder auch erleben können: respektvoll im Umgang mit Menschen, Tieren und Natur. Sie allein hat die Fördermittel aus den  EU-Agrarsubventionstöpfen verdient. Deshalb setzt sich PROVIEH für eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik in Brüssel ein.

Susanne Aigner

PROVIEH-Fachreferat


Links und weiterführende Quellen: