Importprodukt Tierquälerei

16.11.2011: Kaum noch eine Woche vergeht, ohne dass in den Medien auf die üblen Folgen der industriellen Intensivtierhaltung hingewiesen wird. Schon eine moderate Reduzierung der Tierdichte würde viel verbessern helfen, ohne dass gleich ein Stallumbau vorgenommen werden müsste. Warum also stellen die Bauern nicht einfach auf eine weniger intensive Haltung um? Weil der Handel mit Tierprodukten mittlerweile weltweit geschieht und weil der Tierschutz noch zu wenig Beachtung beim Handel findet.

Ein Gedankenspiel: Herr B. mästet Hühner. Die Konkurrenz ist stark und der Preisdruck unerbittlich. Darunter leiden nicht nur die Tiere, die in nur fünf Wochen intensiv gemästet werden. Auch dem Bauern stößt das Prinzip der industriellen Tierhaltung „wachse oder weiche“ übel auf. Er will die Tierdichte in seinen Ställen freiwillig auf 16 statt der üblichen 24 Hühner pro Quadratmeter absenken. Dann hätten die Tiere mehr Bewegungsraum und würden die Einstreu weniger schnell mit Kot verkleben, die Luftqualität wäre besser, und die Hühner wären weniger krankheitsanfällig. Das wäre zwar noch keine konsequent artgemäße Hühnerhaltung, aber zumindest schon ein Fortschritt. Nur bräuchte der Bauer 23 Cent mehr pro Huhn, um sein Einkommen nicht zu schmälern. Wie aber soll er dann seine Tiere im Handel loswerden, wenn andere Mäster weiterhin 24 Hühner (und mehr) auf jedem Quadratmeter Stallfläche mästen? Und diese Mäster müssen nicht einmal in Deutschland arbeiten. Schon jetzt wird rund um den Globus massenhaft mit Produkten aus Massentierhaltung gehandelt. Für PROVIEH ein Grund mehr, in seinen Kampagnen nicht nur für eine bessere Tierhaltung in Deutschland zu kämpfen. Wir müssen die bereits erreichten Ziele – wie das Verbot der Käfighaltung von Legehennen oder die Umstellung auf eine kastrationsfreie Schweinemast – auch gegen den Druck eines weltweiten Freihandels mit Nahrungsmitteln verteidigen.

Massentierhaltung aus Übersee

In Südamerika kommen Maschinen „Made in Germany“ gut an. Im Gegenzug haben diese Länder für den Handel mit Europa praktisch nur Agrarprodukte anzubieten. Sie haben sich zum gemeinsamen südamerikanischen Binnenmarkt Mercosur [Mercado Común del Sur, spanisch für „Gemeinsamer Markt des Südens“] zusammengeschlossen und verhandeln mit der EU über ein Freihandelsabkommen. Europäische Industriegüter sollen von Importzöllen befreit werden, wenn im Gegenzug die EU-Einfuhrgrenzen für südamerikanische Agrarerzeugnisse fallen. Nach Informationen aus Kreisen der EU-Kommission erwartet PROVIEH, dass diese Verhandlungen spätestens ab dem Frühjahr 2012 zum Abschluss getrieben werden sollen. Zu befürchten ist, dass der Export von Technologie mit dem Import von Tierquälerei bezahlt werden soll. Der Druck ist groß.

Billige Flächen für den Futtermittelanbau gibt es in den Mercosur-Ländern mehr als genug, weil Kleinbauern vom Land vertrieben wurden und Regenwald weiterhin gerodet wird. Futtermittel machen den größten Kostenfaktor bei der Tierhaltung aus. Noch werden die erzeugten Sojabohnen megatonnenweise in europäischen Ställen verfüttert. Doch das wird sich ändern. Bereits jetzt schießen in Südamerika industrielle Tierhaltungsanlagen wie Pilze aus dem Boden. Die Lohnkosten sind im Vergleich zu Europa konkurrenzlos niedrig. Auflagen für Umweltschutz und tiergerechte Haltung sind kaum vorhanden. Und die global vagabundierende Agrarindustrie hat Blut geleckt: So verlagerte der französische Geflügelkonzern Doux – Europas größter Hühnerschlachter – bereits einen Teil seiner Mastfabriken von Frankreich nach Brasilien. Das Fleisch verkauft er in Europa.

Der Handel muss handeln!

„Die Kunden wollen Billigfleisch.“ Hinter diesem Argument verschanzen sich die Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels, wenn es um den Verkauf von Produkten aus tierquälerischer Haltung geht. Das ist unredlich, denn es herrscht ein Überangebot an Lebensmitteln, so dass am Massenmarkt fast nur noch das niedrigste Angebot die Nachfrage steigern kann. Die Handelsketten wissen das und locken seit Jahrzehnten ihre Kunden mit Billigpreisen für Fleisch und Wurst in ihre Läden. „Schweinebauch-Anzeigen“ heißen die Lockangebote auf der Titelseite der Werbeblättchen im Branchenjargon. Doch PROVIEH wird nicht müde, in allen Gesprächen mit dem Einzelhandel die moralische Verpflichtung einzufordern, gewisse Waren einfach gar nicht erst anzubieten! „Choice editing“ [engl. für „Angebotsselektion“] heißt neudeutsch das Zauberwort, mit dem Händler Waren vom Markt verbannen, die für die Gesellschaft schädlich sind. Der Handel muss handeln, fordert PROVIEH. Nur wer Produkte aus Tierquälerei Schritt für Schritt auslistet, verdient das Vertrauen seiner Kunden. Und dazu gehört auch, Produkte mit Käfigeiern aus Polen oder Qualfleisch aus Übersee konsequent zu ächten.

Ob ein Masthuhn in Brasilien oder in Bayern leiden musste, um als Filet auf deutschen Tellern zu enden, ist für das gequälte Tier letztlich egal. Das Wohl der Tiere, von denen wir Menschen leben, darf nicht auf dem Altar globaler Handelsinteressen geopfert werden. Dafür kämpft PROVIEH.

Stefan Johnigk