Die Ende der Verschwendung – schon eingeläutet

Food_Crash_CoverTitel: Food Crash. Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr

Autor: Felix zu Löwenstein

Verlag: Pattloch, 360 Seiten, September 2011

Preis: 19,99 €

ISBN: 978-3629023001

Ökologische Intensivierung als Überlebens-strategie

Mit „Öko“ sollen sieben Milliarden und mehr Menschen satt werden können? Das schafft doch nur die industrialisierte Landwirtschaft, nur sie ist produktiv, nur sie kann zu Preisen produzieren, die auch für die Armen dieser Welt bezahlbar sind. So etwa lautet das gängige Klischee, das Lobbyisten und Politiker hegen und pflegen und neuerdings durch das Versprechen ergänzen, dass die Landwirtschaft mit Grüner Gentechnik noch produktiver werden könne bei gleichzeitig verstärkter Schonung der Umwelt.

Dieses Klischee und seine Ergänzung sind fest verwurzelt im Reich der Lügen, dafür sorgen noch immer deren mächtige Gewinnler, die sich aber schon unaufhaltsam ihrem Absturz nähern. Warum, das erklärt uns Felix zu Löwenstein in seinem Buch „Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“, das 2011 erschien und in erster Auflage schon vergriffen ist. Löwenstein macht unmissverständlich deutlich, dass die kapitalintensive und arbeitsextensive industrielle Landwirtschaft nicht nachhaltig, sondern schadensintensiv ist. Riesige Urwälder und Savannen werden zerstört, um Soja für unsere Massentierhaltung anzubauen; riesige landwirtschaftliche Flächen werden durch intensive Bearbeitung ausgelaugt und der Erosion preisgegeben; riesige Monokulturen ohne Fruchtwechsel lassen den globalen Pestizideinsatz auf das Unerträgliche ansteigen, und das mit kräftiger Unterstützung durch die Grüne Gentechnik. Kleinbauern werden von fruchtbaren Ländereien verdrängt, um Platz zu schaffen für den großflächigen Anbau von “cash crops“ wie Soja, Weizen, Mais und Baumwolle für den Welthandel. So weitermachen? Das wäre fatal für die Menschheit, aber was wäre die Alternative?

Ökologische Intensivierung, so heißt Löwensteins Antwort. Das Konzept ist vielschichtig, aber wir müssen es lernen und umsetzen. Die Ziele unseres Handelns müssen lauten: vielfältiger statt monotoner Landbau; Humusanreicherung im Boden statt Auslaugung; Bescheidenheit statt Verschwendung; Züchtung statt Grüner Gentechnik; Honorierung umweltschonender statt umweltschädigender Agrarproduktion; schonende statt exzessive Tierhaltung; Anbau von Futterpflanzen in der Region statt auf fernen Kontinenten; ehrliche statt verlogene Preise für Agrarprodukte. Die Liste ist lang, aber deshalb eröffnet sie viele Chancen für Beiträge zur Ökologischen Intensivierung.

Löwenstein war früher selbst ein konventioneller Bauer, bevor er im Herbst 1991 auf ökologische Landwirtschaft umschwenkte und damit Erfolg hatte. Er belegt, dass die Erträge im ökologischen Landbau hochwertig und um fast ein Sechstel höher sind als in der konventionellen Landwirtschaft und dass Ökobauern weniger Schulden haben als ihre konventionellen Kollegen. Die Arbeitsintensität müsse zwar erhöht werden, aber die Kapitalintensität werde verringert. Konventionelle Bauern können im Buch viele Anregungen finden, an welchem Punkt der Liste sie ihren Weg zur Ökologischen Intensivierung beginnen können. Gelegenheiten zur Beratung gibt es genug.

Doch ein schwerwiegendes Hindernis gibt es noch für Umstellungswillige. Löwenstein analysiert es eingehend. Es ist politischer Natur und heißt Subvention. Darunter versteht er nicht nur solche, die in bar an die Bauern ausgezahlt werden, sondern auch die Regulierung von Schäden, die von der intensiven Landwirtschaft verursacht wurden. Der Steuerzahler zahlt in beiden Fällen, zwar nicht an der Ladentheke, wohl aber über das Finanzamt. Der erste der beiden Subventionsposten ist schon hoch genug, doch der zweite ist mit jährlich 70 bis 320 Milliarden Euro in der EU der jetzigen Größe noch deutlich höher. Von beiden Subventionsposten profitieren konventionelle Bauern viel stärker als Ökobauern. Krass ungerecht ist insbesondere: Wer Energiemais anbaut, bekommt 1.000 bis 2.000 Euro pro Hektar Ackerland, wer umweltschädlich produziert, verdient mehr als ein Konkurrent, der umweltfreundlich produziert. Nur wegen der katastrophalen Subventionspolitik können Nahrungsmittel aus der konventionellen Landwirtschaft viel billiger verkauft werden als solche aus der Öko-Landwirtschaft. Sind wir reich genug, uns solche Katastrophen auch weiterhin zu leisten?

Wie wichtig der Umstieg von industrieller auf ökologische Intensivierung der Landwirtschaft ist, zeigt mit aller Deutlichkeit auch der Weltagrarbericht von 2008, ein Wälzer mit 2.000 Seiten. Löwenstein kritisiert zu Recht, dass sich die deutsche Bundesregierung an der Erstellung dieses Berichts nicht beteiligt hat, ihn noch nicht unterzeichnet habe und stattdessen 2,4 Milliarden Euro für die „BioÖkonomie-Strategie“ ausweise, durch die die Grüne Gentechnik massiv gefördert und die Ökologische Intensivierung nachdrücklich vernachlässigt werde. Auf seinen Einwand hin wurde Löwenstein mit dem Argument beschieden, das sinngemäß so lautet: „Im 21. Jahrhundert reden wir über Innovation, nicht über Ökolandbau.“

Über Innovation reden Löwenstein und wir auch – über Ökologische Intensivierung und ihre Potenz, auf gesundem Boden gesunde Nahrung für sieben Milliarden und mehr Menschen zu erzeugen.

Sievert Lorenzen