Professoren mischen sich ein: Appell für den Ausstieg aus der Massentierhaltung

09.03.2012: Am 10. Januar 2012 war es so weit. Vertreter der Medien folgten der Einladung von PROVIEH, im Café Restaurant von Sarah Wiener im Hamburger Bahnhof in Berlin der Übergabe des „Appell für den Ausstieg aus der Massentierhaltung“ an das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) beizuwohnen. Der eingehend begründete Appell war von 500 Professoren und 33.000 anderen Menschen unterschrieben worden. Vor der formellen Übergabe der ausgedruckten Unterschriften unter diesen Appell gab es ein leckeres Menü: „Rote Rübensuppe mit Kren“ als Vorspeise, „Feines aus Seibolds Gemüsegarten „Wurzeln und Knollen mit Arganöl, Kürbis und Erdapfelkugerl“ als Hauptspeise, „Boskoop-Kamutschnitte mit Kastanienhonigeis“ als Nachspeise.

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Anschließend übergab die Wissenschaftlerin Friederike Schmitz den Appell an Herrn Ministerialdirektor Bernhard Kühnle vom BMELV, der stellvertretend für Frau Bundesministerin Ilse Aigner gekommen war. Er dankte sehr für die Mobilisierung der vielen Menschen, die den Appell unterschrieben hatten, denn auch er findet, dass Korrekturen an der Agrarpolitik dringend nötig seien.

Den Appell hatte Friederike Schmitz gemeinsam mit dem Wissenschaftler Eugen Pissarskoi verfasst. Zur inhaltlichen Gestaltung hatte PROVIEH beigetragen. Die sechs Kernpunkte lauten:

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In der industriellen Massentierhaltung wird mit den Tieren in einer Weise umgegangen, die uns als Gesellschaft beschämen muss. Die Tiere werden als Produktionseinheiten so eng wie möglich gehalten und müssen viel Leid während der Zeit im Stall und am Schlachttag ertragen.

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Die Massentierhaltung ist eine wesentliche Ursache für den Klimawandel. Das haben Klimaforscher an vielen Punkten festgemacht. Zu ihnen gehört, dass Brasilien und Argentinien riesige Urwälder und andere Naturlandschaften opfern für den Anbau von Soja für unsere Massentierhaltung.

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Die Massentierhaltung schädigt die Umwelt, denn die Verfütterung von massenhaft Soja erzeugt massenhaft Gülle, mit der Felder großer Regionen überdüngt werden. So wird das Grundwasser mit Nitrat belastet, bis es unbehandelt nicht mehr genießbar ist.

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Die Massentierhaltung lohnt sich für die Gesellschaft nicht, denn durch den Billigpreis für tierische Produkte wird nur ein geringer Teil der „wahren“ Produktionskosten abgegolten. Den anderen Teil bezahlen die Menschen auf dem Umweg über das Finanzamt oder – übliche Praxis – der Staat wälzt die Kosten auf dem Schuldenweg auf nachfolgende Generationen ab.

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Beschämend und blauäugig ist das Vertrauen auf technische Lösungen der Probleme, die von der Massentierhaltung herrühren, denn die genannten Grundprobleme lassen sich nicht technisch, sondern nur durch Umdenken lösen.

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Also muss der Ausstieg aus der Massentierhaltung mit politischen Mitteln betrieben werden und darf nicht der Verantwortung der einzelnen Konsumenten überlassen bleiben. Menschen haben ein gewisses Vertrauen in die Politik und in das Verhalten von Mehrheiten. Sie wären überfordert, sich bei jeder Kaufentscheidung gegen den Strom stemmen zu müssen. Diese Herkulesaufgabe muss von der Politik geleistet werden. Dafür haben die vielen Tausend Menschen den Appell unterschrieben.

In ihrer Ansprache untermauerte Frau Schmitz das Anliegen des Appells mit den Worten: „Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Argumente für die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Form der Tierindustrie, sondern nur eine Fülle von Argumenten dagegen, die sich auf Erkenntnisse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen stützen lassen.“ Daher mögen Deutschland und die EU die Tierquälerei beenden und den Umstieg auf eine sozial-ökologische Landwirtschaft vorantreiben.

Sarah Wiener, die der Veranstaltung beiwohnte, unterstützte den Appell mit Nachdruck und fügte hinzu, die Schönheit der Natur, die wir alle als so wichtig erachten, sei in den Produktionskosten für tierische Produkte aus der Massentierhaltung überhaupt nicht enthalten. Jesko Hirschfeld vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) führte uns den „wahren“ Preis für ein konventionell erzeugtes Schnitzel vor Augen. Ökologisch erzeugtes Schnitzel erscheint dann wahrhaft preiswert. Unser Geschäftsführer Stefan Johnigk schlug vor, Tierschutz in der Landwirtschaft durch eine Art Tierschutz-Umlage zu finanzieren: Auf Fleischprodukte aus der konventionellen Massentierhaltung (auch aus Übersee) solle eine Abgabe erhoben werden, die dem „wahren“ Preis der Produkte nahe komme und mit der eine besonders artgemäße Tierhaltung in Deutschland finanziell gefördert werden solle. Dieses Modell sei in Österreich schon erprobt worden und habe sich als erfolgreich erwiesen.

Am ausführlichsten und durchweg zustimmend berichteten das „Hamburger Abendblatt“, „Die Welt“ sowie „Neues Deutschland“ über die Veranstaltung.

Sievert Lorenzen

www.gegen-massentierhaltung.de/begruendung