Erfolg unserer Arbeit - Betäubungslose Ferkelkastration wird verboten

15.03.2012: Paragraf 1 des deutschen Tierschutzgesetzes klingt hehr: „§ 1. Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

Wir von PROVIEH kennen natürlich die Schwachstelle von § 1: Ohne vernünftigen Grund dürfen wir den Tieren keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Das heißt doch: Mit vernünftigem Grund dürfen wir es. Aus sadistischem Grund (nicht „vernünftig“) dürfen wir den Eintagsküken von Legehennen und Mastputen den Schnabel nicht kürzen, aus wirtschaftlichem Grund („vernünftig“) aber doch, und das Gleiche gilt für alle anderen Tierquälereien, die als wirtschaftlich „vernünftig“ gelten. All diese Quälereien bleiben laut Entwurf weiterhin erlaubt, nur eine nicht: die betäubungslose Ferkelkastration. Dies geht aus dem „Entwurf eines Dritten Gesetzes zur Änderung des Tierschutzgesetzes“ hervor, den das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) im Januar 2012 an 95 Organisationen (unter ihnen PROVIEH) verschickte, um Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. PROVIEH hat sich in seiner Stellungnahme auf die drei Paragrafen beschränkt, die sich auf landwirtschaftliche Nutztiere beziehen (Paragrafen 5, 6 und 11).

Das Tierschutzgesetz muss verändert werden, um die EU-Richtlinie 2010/63/EU „zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere“ bis zum 10. November 2012 in nationales Recht umzusetzen. Bei dieser Gelegenheit soll auch die noch erlaubte betäubungslose Kastration von unter acht Tage alten männlichen Ferkeln ab dem 1. Januar 2017 verboten werden, weil der „vernünftige Grund“ hierfür entfallen sei. Erprobte Alternativen seien die chirurgische Kastration unter Betäubung, die Immunokastration und der gänzliche Verzicht auf Kastration. In den ersten beiden Fällen verteuere sich Schweinefleisch um wenige Cent pro Kilogramm, während die Ebermast den Mästern sogar Gewinn verschaffe, weil die Kastrationskosten wegfallen und weil die Masteber – anders als die Kastraten – das Futter effizienter verwerten, schneller wachsen und einen höheren Muskelfleischanteil ausbilden. PROVIEH weiß außerdem, dass die „Stinkerrate“ bei Mastebern schon auf rund ein Prozent gesenkt werden konnte. Laut Entwurf bietet „die Ebermast als Alternative zur betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration die meisten Vorteile.“ Allein für diese Alternative kämpfte PROVIEH von Anfang an (seit Sommer 2008) in vielen Gesprächen und Aktionen – mit Erfolg. Immer mehr Mäster machen sich schon jetzt die Vorteile der Ebermast zunutze, lange vor 2017. Gegen die anderen noch erlaubten Quälereien kämpfen wir weiterhin.

Sievert Lorenzen