Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte.

Titel: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte

Autor: Joachim Radkau

Verlag: C.H. Beck, 782 Seiten, Februar 2011, München

Preis: 29,95 Euro

ISBN: 978-3406613722

Die Weltgeschichte einer Bewegung zu lesen, deren – zumindest vorläufigen – Höhepunkt man als Zeitgenosse selbst miterlebt, hat einen eigenen Reiz. Man erfährt nichts wirklich Neues; an viele Ereignisse kann man sich noch aus vergangenen Nachrichtensendungen erinnern oder war sogar selbst als kleines Rädchen im Getriebe dabei. Die Lektüre führt noch einmal das "Waldsterben", Tschernobyl, die Greenpeace-Schlauchboote und viele andere denkwürdige Momente vor Augen.

Reizvoll an diesem Geschichtsbuch ist auch, dass viele der Akteure nicht in fernen Jahrhunderten lebten, sondern in unserer Zeit, und dass einige einem sogar persönlich bekannt sind. Unser Vorsitzender, Professor Lorenzen, wird beispielsweise im Zusammenhang mit der BSE-Krise zitiert. Die "Ära der Ökologie" porträtiert auch zahlreiche bekannte Persönlichkeiten: Rudolf Bahro und Chico Mendes, viele "weibliche Helden" wie Rachel Carson, Wangari Maathai, Vandana Shiva und viele andere.

„Die Ära der Ökologie“ erinnert den Leser aber auch daran, dass die Wurzeln der Umweltbewegung weiter zurückreichen als man gemeinhin annimmt – der Autor verfolgt sie bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurück. Der Schwerpunkt des Buches liegt jedoch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Verfasst wurde diese Weltgeschichte der grünen Bewegung von Joachim Radkau. Er ist 1943 geboren und heute Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Umweltgeschichte ist eines seiner Hauptarbeitsgebiete. Schon vor ihm, im Jahr 2000, hatte sich der indische Historiker Ramachandra Guha an einer Weltgeschichte der Ökologie versucht ("Environmentalism – A Global History"). Die Interessen des deutschen Lesers trifft die Geschichte Radkaus sicherlich eher – Radkau selbst weist darauf hin, dass in Guhas Werk beispielsweise Greenpeace im Register fehle.

Radkaus Buch geht aber über eine bloße Geschichtsschilderung hinaus. Es ruft dem Leser Dinge ins Bewusstsein, die vielen von uns bekannt oder vertraut sind, die man aber nicht ständig reflektiert. Er weist zum Beispiel auf die Vielfältigkeit der Ökologie-Bewegung hin: Es gab und gibt so viele Akteure mit völlig verschiedenen Wurzeln und Zielen, dass sich die Geschichte der Ökologie unmöglich in einen einzigen logischen Erzählstrang fassen lässt. Insofern warnt Radkau davor, die historische Realität „von Rousseau bis zur Blut-und-Boden-Ideologie und von der Hundeliebe bis zu den Solarkollektoren" zu begradigen.

Während die einen die Welt für zukünftige Generationen mit Mitteln des Verzichts oder der Technik retten wollen, geht es im Naturschutz um die Bewahrung von Kulturlandschaften oder von Tierrassen, im Arbeitsschutz um den Schutz des Menschen vor der Technologie, und im Tierschutz um den Schutz der Tiere vor den Menschen. Zum Teil lassen sich diese Ziele in Einklang miteinander bringen, zum Teil aber geraten die Ziele oder die Wege zu ihnen in Konkurrenz zueinander. 

Joachim-Radkau_www_environment_tau_ac_il.„Eine Systemlogik besitzt die Umweltbewegung nicht, zumindest nicht insgesamt. Man versteht sie nicht, wenn man keine lebendigen Menschen vor sich sieht", schreibt Radkau. Dementsprechend ist sein Buch in viele kurze Abschnitte unterteilt, die Schlaglichter auf Motive, Personen und Ereignisse werfen und die Geschichte in Aspekten erfassbar machen. Diese Erzähltechnik macht das Buch hier und da ein wenig redundant, erleichtert aber die Lektüre der über 700 Seiten, indem sie sie in leicht fassbare Lesehäppchen unterteilt. Einen hilfreichen Überblick bieten die Zeittafeln, die Radkau den drei "Zeitfenstern" voranstellt, in die er sein Werk unterteilt hat.

Die Reflexionen Radkaus – über die Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit der Umweltbewegung(en), über "ökologische Kommunikation" und andere Aspekte dieses komplexen Themas – machen aus diesem Buch mehr als ein historisches Nachschlagewerk. Es regt dazu an, die eigene Position als Mitglied in einer dieser Bewegungen oder die Sicht auf andere Bewegungen bewusst zu machen. So ergeben sich Möglichkeiten, eigene Standpunkte von einer höheren Warte aus zu betrachten, die eigene Arbeit zu überdenken und sie auf eine neue Stufe zu heben.

Wer also Spaß daran hat, etwas über die Ära der Ökologie zu lernen, in Erinnerungen zu schwelgen oder darüber zu reflektieren, dem kann dieses Buch durchaus empfohlen werden.

 

Irene Wiegand