Mangelhaftes Beschäftigungsmaterial und Schwanzkupieren – zwei Seiten derselben Medaille

Ilse-Aigner_Eckard-Wendt_P1030829-Av02.07.2012: Selbst 20 Jahre nach der ersten Schweinehaltungsrichtlinie sind zwei verbotene Missstände in der Schweinehaltung noch nicht beseitigt worden: mangelhaftes Beschäftigungsmaterial und Schwanzkupieren. Bereits in der Richtlinie von 1991 hieß es: "Neben den üblichen Vorkehrungen zur Verhinderung von Schwanzbeißen und sonstigem Fehlverhalten müssen alle Schweine unter Berücksichtigung der Haltungsbedingungen und der Besatzdichte über Stroh oder anderes geeignetes Material beziehungsweise Gegenstände verfügen, um ihre verhaltensmäßigen Bedürfnisse zu befriedigen."

Diese Vorschrift wurde seither zweimal verschärft. Die heute gültige Richtlinie 2008/120/EG vom 18. Dezember 2008 verbietet ausdrücklich das routinemäßige vorbeugende Kürzen des Ringelschwanzes bei den Schweinen und schreibt detailliert vor, dass Mastschweine und Sauen ständigen Zugang zu ausreichend Beschäftigungsmaterial wie Stroh, Sägemehl, Torf, Pilzkompost oder einer Mischung aus diesen Materialien haben müssen, die sie zweckentsprechend erforschen und bewegen können. Der Zweck ist also eindeutig die verhaltensgerechte Beschäftigung. In der Praxis werden diese Regelungen aber nicht eingehalten, obwohl sie auf soliden wissenschaftlichen Berichten und Stellungnahmen zur Schweinehaltung der EU-Lebensmittelaufsichtsbehörde EFSA fußen. Doch wenn wissenschaftliche Erkenntnisse der Agrarindustrielobby nicht genehm sind, werden sie geflissentlich ignoriert oder abgetan mit dem Argument, die angeführten Belege würden nicht ausreichen. Somit werden erst lautstark „wissenschaftsbasierte Entscheidungen“ gefordert, selbige dann aber nicht akzeptiert.

Behörden, Verbände, Berater, Stalltechniker und Schweinehalter haben sich so jahrzehntelang nicht um die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Vorschriften geschert. Sie haben immer weiter Ställe entwickelt, empfohlen, genehmigt und gebaut, in denen die Einhaltung der geltenden Gesetze nicht möglich ist. Die Schweine werden auf Vollspaltenböden gehalten, wo natürliches wühl-, kau- und fressbares Beschäftigungsmaterial oder Raufutter kaum angeboten werden kann. Dies gilt neben zu hoher Besatzdichte und schlechtem Stallklima als Hauptfaktor für das Auftreten von Schwanzbeißen. Das ist wissenschaftlicher Konsens.

Das Schwanzbeißen ist eine schwerwiegende Verhaltensstörung, verursacht durch fehlgeleitetes Suchverhalten nach Nahrung. Da in deutschen Schweineställen reine Flüssig- oder Breifütterung Standard ist und fast nur Eisenketten als Spielzeug angeboten werden, benagen sich die Tiere mangels geeigneter Wühl- bzw. Kaumöglichkeiten oft gegenseitig die Schwänze. Da offene Wunden jedoch Abszessrisiken und damit Wertverluste bedeuten können, schneiden die Sauenhalter den Ferkeln vorsorglich den Schwanz ab. 

Natürliches Beschäftigungsmaterial ist selbst in den Lehr- und Versuchsanstalten, in denen  die zukünftigen Schweinehalter ausgebildet werden, Mangelware. Deswegen ist auch dort Schwanzkupieren die Regel. Ein erschreckendes Beispiel bietet der im Februar 2012 neu eingeweihte Stall für 1.400 Mastschweine im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp in Schleswig-Holstein. Auch sonst genügt ein Blick in jeden x-beliebigen konventionellen Stall um sich zu überzeugen, dass – mit wenigen Ausnahmen – kaum Anstrengungen zur Einhaltung der beiden Vorschriften unternommen werden. Lediglich ein paar unzureichende künstliche Alibi-Beschäftigungselemente werden bereitgestellt, die aber keineswegs so verhaltensgerecht sind, wie die in der Richtlinie aufgezählten oben genannten Beispiele.

Deshalb führt PROVIEH 2009 Beschwerde bei der EU gegen diese Missstände. Die Nichtachtung der Gesetze und der Grundbedürfnisse der Tiere kann teuer werden: Den Bauern drohen Kürzungen ihrer Agrarsubventionen und Deutschland eine Vertragsverletzungsstrafe in Millionenhöhe. Ist das der Bundesregierung egal, weil die Steuerzahler für diese Fehler bezahlen müssen, oder warum sonst bleibt sie untätig?

Als PROVIEH diese Frage auf der Internationalen Grünen Woche (IGW) im Januar  2012 in Berlin an Agrarministerin Ilse Aigner stellte, bekamen wir nur die lapidare Antwort, dass das Schwanzkürzen verboten und die Überwachung Ländersache sei. Aber so einfach kann sich die Bundesregierung nicht die Hände rein waschen, denn sie trägt ein hohes Maß an Verantwortung für die kritisierten Missstände, weil sie bei der Umsetzung der EU-Richtlinie 120/2008 in nationales Recht geschlampt hat. Dieses Versäumnis könnte bei der gegenwärtig laufenden Überarbeitung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung bereinigt werden. Bisher weigert sich die Bundesregierung allerdings, aber PROVIEH macht weiter Druck.

 

Sabine Ohm, Europareferentin

Foto: © Eckhard Wendt