Dreieck der Nachhaltigkeit

Verschläft Deutschland das Ziel von Artikel 20a GG?

03.07.2012: Was empfinden wir als Paradies auf Erden? Einen Lebensraum, der geprägt ist vom Dreieck der Nachhaltigkeit – ökologisches Gleichgewicht, ökonomische Sicherheit, soziale Gerechtigkeit. So beschrieb Ulrich Grober am 25. November 1999 in der ZEIT dieses Dreieck, das zu Beginn des 18. Jahrhunderts in einer Krise geboren wurde: Zum Betrieb der zahlreichen Erzbergwerke und Schmelzhütten wurde mehr Holz verbraucht als nachwuchs. Deshalb forderte der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz 1713 eine nachhaltige Forstwirtschaft – das Konzept der Nachhaltigkeit war geboren. Es gebietet Bescheidenheit und schonenden Umgang mit Ressourcen, beides in Verantwortung für kommende Generationen.

Doch Wachstumsideologen sehen im Dreieck der Nachhaltigkeit nur eine Fessel, die sie abstreifen wollen. Sie wollen unbegrenztes Wachstum, doch das endet zielsicher im Kollaps, wie uns nahezu Gemeiner_Verstoß_gegen_das_Grundgesetz-Tierschutzbuerotäglich vor Augen geführt wird. „Der schnelle Profit zerstört den Wohlstand“ – so Ulrich Grober. Klug geworden aus den vielen Kollaps-Erlebnissen dieser Art erhob der deutsche Bundestag das Prinzip der Nachhaltigkeit zu einem verpflichtenden Staatsziel, das ab dem 1. August 2002 in Artikel 20a des Grundgesetzes (GG) festgeschrieben wurde (siehe Kasten). Die Nachhaltigkeit erstreckt sich auf den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und der Tiere. Kümmert sich unsere Bundesregierung um die Umsetzung von Artikel 20a GG? Sehen wir uns einige Beispiele an.

Wir produzieren in Deutschland mehr Fleisch, als wir verzehren können. Wir können zu viel produzieren, weil wir Kraftfutter (vor allem Soja) massenhaft aus dem Ausland billig kaufen. Dafür werden der Amazonas-Urwald und riesige andere Lebensräume in Südamerika vernichtet – Verletzung von 20a GG.

Massenhaft importiertes Kraftfutter führt zu einem Zuviel an Gülle, die unser Grundwasser verdirbt, bis es für den menschlichen Verzehr untauglich ist – Verletzung von 20a GG.

Wachstumsideologen wollen nicht das genügsame Schwein und nicht das genügsame Geflügel, beide wichtig in Zeiten der Not. Sie wollen die Hochleistungsrassen, die Kraftfutter möglichst schnell in gewünschte Leistung umwandeln. Die Zucht hat sich auf dieses Ziel eingestellt und überlässt den Erhalt der genügsamen alten Rassen privaten Initiativen und gemeinnützigen Vereinen wie der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V.“ (GEH). Doch was, wenn der Massen-Nachschub an billigem Kraftfutter aus dem Ausland eines Tages stoppt? Dann sind die Turbo-Rassen nichts mehr wert, und die genügsamen Rassen sind rar – Verletzung von 20a GG.

Schweine, Legehennen, Mastputen und Mastenten werden in der Agrarindustrie massenhaft auf engem Raum gehalten. Aggressionen untereinander sind die Folge. Um Verluste zu verringern, wird den Ferkeln der Schwanz und – besonders grausam – den Küken die Schnabelspitze amputiert – Verletzung von 20a GG.

Die Gedrängehaltung schadet der Entwicklung des Immunsystems. Deswegen werden Individuen der Turbo-Rassen leicht Opfer von Infektionskrankheiten. Dagegen werden Antibiotika unsachgemäß eingesetzt. Also werden immer mehr Bakterienstämme resistent gegen Antibiotika – gefährlich für Mensch und Tier, Verletzung von 20a GG.

Schweinepest, Maul- und Klauenseuche oder Geflügelpest führen zu Exportverboten. Wohin dann mit der Überproduktion? Je nach Infektion werden dann zehn Millionen von Schweinen oder Nutzvögeln vernichtet, erst wegen der Seuche, dann zur Aufhebung von Exportsperren – Verletzung von 20a GG.

Und wie geht die Bundesregierung mit den Verletzungen von 20a GG um? Sie bietet den Wachstumsideologen nicht Paroli, sondern unterstützt sie finanziell und ideell. Sie sagt: Wenn eine Milliarde Menschen hungern, dann müssen wir sie sättigen, zum Beispiel mit Schweine- und Geflügelfleisch, das wir dank Subventionen aus Brüssel billig verkaufen können. Doch die Billig-Exporte treiben die Kleinbauern der armen Länder in den Ruin und machen sie zu Hungernden – Verletzung von 20a GG.

Die Bundesregierung tut zu wenig zur Stärkung von 20a GG. Immerhin aber: Auf Druck vieler Initiativen kündigt sie an, die betäubungslose Kastration männlicher Ferkel ab dem 1. Januar 2017 zu verbieten und den Gemeinden zu erlauben, den Bau von Megaställen in ihrer Gemeinde zu verbieten. Grund zum Feiern des zehnjährigen Jubiläums von Artikel 20a GG am 1. August 2012 besteht aber nicht. Nichtregierungsorganisationen – unter ihnen PROVIEH – haben noch viel zu tun, solange Politiker sich nicht auf die hohe Bedeutung von 20a GG besinnen und entsprechend handeln.

Sievert Lorenzen