Ausverkauf von Land - Neue Plage in Afrika

15.03.2012: Afrika steht zum Ausverkauf an. Für 20 äthiopische Birr pro Jahr, umgerechnet 90 Cent, kann man einen Hektar fruchtbaren Landes in der westäthiopischen Region Gambela pachten. Internationale Unternehmen greifen dankbar zu – aber nicht, um Nahrungsmittel für die von chronischer Unterernährung geplagte Bevölkerung des ostafrikanischen Landes zu produzieren, sondern Mais, Zuckerrohr und Palmöl für den Export. Ein typisches Beispiel für Landgrabbing (wörtlich: Landgreifen). Oxfam definiert Landgrabbing als Investition in Pacht oder Kauf von Landflächen durch Investoren, die die Rechte und Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerungsgruppen ignorieren, die vorher das Land bearbeiteten oder nutzten.

Aufwändige Untersuchungen der „Land Matrix Partnership“, einem Bündnis internationaler Forschungsinstitute sowie Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen, weisen nach, dass in den vergangenen zehn Jahren über 200 Millionen Hektar Land verkauft oder langfristig verpachtet wurden. Mehr als die Hälfte dieser Transaktionen fanden in Afrika südlich der Sahara statt. Der Oxfam-Report „Land and Power" zeigt, dass die nationalen Behörden den Interessen ausländischer Investoren mehr Aufmerksamkeit widmen als den jeweiligen Bauernfamilien, Nomaden oder indigenen Bevölkerungsgruppen, die vorher das Land besiedelten und meist ohne adäquate Entschädigung vertrieben werden.

Ein Fall aus Uganda

Im Jahr 2005 erteilte die Nationale Waldbehörde der britischen New Forests Company (NFC) eine Lizenz zur Errichtung einer Eukalyptus- und Pinien-Plantage in den Bezirken Kiboga und Mubende. Mehr als 20.000 Anwohnerinnen und Anwohner wurden im Februar und Juli 2010 von ihrem Land vertrieben und verloren ihr Einkommen. Augenzeugen berichteten von brutalen Übergriffen auf die Bevölkerung durch Mitglieder der ugandischen Streitkräfte und der Polizei. Die NFC rühmt sich gerne ihrer „sozial orientierten und zukunftsfähigen Forstwirtschaft" und erhält Kredite von der Weltbank-Tochter IFC (International Finance Corporation) sowie der Europäischen Entwicklungsbank.

Die meisten Menschen in der Region haben das Land seit Jahrzehnten bewirtschaftet, teils mit, teils ohne formale Rechtstitel – wie in vielen Teilen der Welt üblich. Der Fall ist vor dem Obersten Gerichtshof Ugandas anhängig, doch die Fakten sind geschaffen. In Mubende wurden bereits vor zehn Jahren viele Menschen von ihrem Land vertrieben,  damit dort Kaffeepflanzen gezogen werden konnten – für die Neumann Gruppe mit Sitz in Hamburg, dem weltweit größten Rohkaffeehändler. Immerhin hat der Oxfam-Bericht Widerhall in den Medien gefunden und ein Streitschlichtungsverfahren der IFC in Gang gesetzt.

Der neue Landgrabbing-Boom setzte sich mit der Preisexplosion bei Nahrungsmitteln in den Jahren 2007/08 verstärkt fort. Auf einmal lohnte es sich z.B. für Investment- und Rentenfonds, in Ländereien zu investieren. „Ich bin davon überzeugt, dass landwirtschaftliche Flächen eine der besten Investitionen unserer Epoche sein werden“, sagt Milliardär George Soros, dessen Firmen im Landgrabbing-Geschäft engagiert sind. Hinzu kommen Anleger aus reichen Ölstaaten sowie den Schwellenländern China und Indien.

Das Landgrabbing befördert ein eigentlich überwunden geglaubtes Entwicklungsmodell: die Plantagenwirtschaft. Diese schafft nur wenige Arbeitsplätze, tendiert wegen ihrer monokulturellen Ausrichtung zu hohem Pestizid- und Wassereinsatz und orientiert sich an den Bedürfnissen der „Mutterländer“ der Investoren. Die Tagelöhner in den neuen Plantagen des äthiopischen Gambela werden mit umgerechnet 1,10 Euro bezahlt: ein Hungerlohn.

Umstrittener Biosprit E10

Internationale Kritiker des Landgrabbing – wie Oxfam – fordern ein Moratorium für große Landtransaktionen, bis klare Richtlinien für eine verantwortungsvolle Handhabung von Landzugangsrechten auf internationaler Ebene entwickelt sind. Die Welternährungsorganisation (FAO) arbeitet an diesem Problem. Wichtig in diesem Zusammenhang wäre auch, die Beimischungsquote der EU für Biosprit in Frage zu stellen. Vorgesehen ist bis 2020 zehn Prozent des Treibstoffs aus nachwachsenden Rohstoffen bereitzustellen. Die Produktion von Biosprit scheint das wichtigste Einzelmotiv für Landgrabbing zu sein.

Frank Braßel

Der Autor arbeitet im Kampagnen- und Lobbybereich von Oxfam Deutschland e.V.


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