PROVIEH e.V. in Kosova

03.07.2012: In Kosova wurde am 08.12.2011 der Verein PROVIEH Kosova e.V. gegründet, mit Sitz in Prizren. Kosova ist der albanische Name des Landes, im Serbischen heißt es Kosovo. Kosova ist der jüngste Staat Europas. Im Februar 2008 erklärte das Land seine Unabhängigkeit von Serbien. Bisher haben 22 der 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union Kosova politisch anerkannt; nur Spanien, Griechenland, Zypern, Rumänien und die Slowakei verweigern die Anerkennung. Die Europäische Kommission hat Kosova als möglichen EU-Beitrittskandidaten eingestuft.

Das Land ist stark durch den Kosova-Krieg von 1999 und seinen Folgen geprägt. Noch sind nicht alle politischen Konflikte gelöst, wie Ausschreitungen an der Grenze zu Serbien erst kürzlich zeigten. Nach wie vor sind in Prizren deutsche KFOR-Soldaten zur Friedenssicherung und Wiederaufbauhilfe stationiert.

Simmentaler-Fleckvieh_Bos_taurus_relaxing_Wikimedia

Landwirtschaft und Viehzucht haben in dem jungen Staat eine lange Tradition. Von der Gesamtfläche sind 577.000 Hektar kultivierbares Land. Klimatisch bestehen sehr gute Voraussetzungen für die Agrarproduktion. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung leben in ländlichen Gebieten, die Mehrheit davon ist in der Landwirtschaft tätig. Dennoch trägt dieser Sektor nur 12,9 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. 70 Prozent des Bedarfs an landwirtschaftlichen Erzeugnissen wird durch Importe gedeckt.

Nach Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft gibt es 83.000 landwirtschaftliche Betriebe in Kosova. Viele der Höfe dienen nur für die Versorgung der eigenen Familie oder als Nebenerwerbsquelle. Die Durchschnittsgröße wird auf 2,2–2,4 Hektar geschätzt. Produziert werden Weizen, Mais, Gerste, Sonnenblumen, Tomaten, Paprika, Gurken, Zwiebeln, Lauch, Bohnen, Wassermelonen und Wein. Gemüse wird in Freilandproduktion hergestellt, Treibhauskultur existiert bisher nur in geringem Umfang.

Kosova hat 6.453 Imkereien mit 70.664 Bienenstöcken. Die Qualität des Honigs ist sehr gut. Fischzucht von Forellen und Brassen erfolgt in geringem Umfang, vor allem für den Verzehr in Restaurants. Jährlich werden 196 Tonnen Frischfisch produziert.

Viehzucht ist das Rückgrat der Agrarproduktion in Kosova. 59 Prozent der Nutztiere sind Rinder, 28 Prozent Schafe und Ziegen und 13 Prozent Schweine, Hühner, Puten und Gänse. 76 Prozent der Höfe haben 1–5 Kühe, 19 Prozent der Höfe haben 5–10 Kühe und nur 5 Prozent der Höfe haben mehr als 10 Kühe. Insgesamt gibt es im Land 151.546 Milchkühe, das sind 52 Prozent des Gesamtrinderbestands. Bevorzugt wird „Simmentaler Fleckvieh“, weil diese Rasse gutes Fleisch und gute Milch liefert. Jährlich werden in Kosova 127.447 Rinder geschlachtet, davon entfallen 88 Prozent auf Kalbfleisch und nur 12 Prozent auf Rindfleisch. In Kosova gibt es 121.749 Schafe und 14.600 Ziegen; die Weideflächen des Landes würden für etwa zehnmal mehr Tiere ausreichen.

Eine große Menge an Rindfleisch wird importiert, vor allem aus Brasilien. 2010 ist dieses Importfleisch aus Brasilien um 30 Prozent teurer geworden, so dass man in Kosova über eine Verstärkung der eigenen Fleischproduktion nachdenkt. Ein Lebensmittelskandal schreckte die Verbraucher 2011 auf, als entdeckt wurde, dass 28 Tonnen des angeblichen brasilianischen Rindfleisches, das eine Schweizer Firma nach Kosova exportiert hatte, in Wirklichkeit billig importiertes „Gammel-Fleisch“ aus Indien war. Auch Hühnerfleisch wird aus dem Ausland importiert, jährlich 35.000 Tonnen.

Die Landflucht ist in Kosova sehr groß. Viele Bauern sind durch stark gestiegene Saatgutpreise verschuldet und müssen ihre Produktion einstellen. Junge Leute erhoffen sich bessere Chancen im städtischen Dienstleistungssektor. Weite Teile des Landes sind nicht bewirtschaftet und verbuschen.

Vereinschef_von_PROVIEH_Kosova-Nue_Oroshi-Judith_HandyNur 12 Prozent der heimischen Viehzuchtkapazität werden  zurzeit genutzt. Das Land verfügt jedoch über das Potenzial, nicht nur die inländische Nachfrage zu decken, sondern auch Landwirtschafts-erzeugnisse zu exportieren. Um die Situation der Landwirtschaft zu verbessern, hat die kosovarische Regierung Anreize für Investoren  geschaffen. Billige Bodenpreise und Zollvergünstigungen werden voraussichtlich dazu führen, dass vor allem die Viehzucht als profitabler Wirtschaftszweig mehr und mehr Bedeutung erlangen wird.

Der Verein PROVIEH Kosova hat sich das Ziel gesetzt, beim Wiederaufbau des Landes mitzuhelfen und darauf hinzuwirken, dass Probleme der Massentierhaltung, wie sie in anderen Ländern bekannt sind, in Kosova gar nicht erst entstehen. In enger Zusammenarbeit mit PROVIEH Deutschland möchten wir Anreize schaffen für eine artgerechte Tierhaltung. Dazu gehört auch die Fortbildung von Landwirten, um sie für Tier- und Umweltschutz zu sensibilisieren. Geplant ist auch eine Vereinszeitschrift in albanischer Sprache.

Zusammen mit PROVIEH in Deutschland planen wir ein erstes Partnerschaftsprojekt für den Bau von 10 – 15 Freilandgeflügelhaltungen.

Nue Oroshi Vorsitzender PROVIEH e.V. in Kosova


Erster „Bruderverband“ von PROVIEH

Seit seiner Gründung im Jahr 1973 gibt die Satzung von PROVIEH unmissverständlich vor, welche Ziele wir verfolgen und welche Mittel wir dafür einsetzen. Für die Gründung von „PROVIEH Kosova“ wurde unsere Satzung wortgetreu ins Albanische übersetzt. Das war eine wesentliche Voraussetzung für den Vorstand von PROVIEH, der Verwendung des rechtlich geschützten Vereinsnamens durch den unabhängigen Partnerverband in Kosova zuzustimmen. Auch die seriöse und kooperative Arbeitsweise werden unsere neuen Mitstreiter übernehmen. Als erstes Projekt ist in Kosova ein Pilot-Bauernhof mit verhaltensgerechter Hühneraufzucht geplant. Er soll als Bildungsstätte dienen und möglichst vielen bäuerlichen Familien im ländlichen Raum eine Alternative zur industriellen Tierhaltung aufzeigen. PROVIEH will seinen Bruderverband dabei mit Wissen und Aktionen unterstützen.