Über die Schwierigkeiten einer tierfreundlichen Transportzeitregelung

15.08.2012: PROVIEH unterstützt die Begrenzung der Transportdauer auf acht Stunden, aber die maximalen Transportzeiten sollten weder zu lang noch zu kurz sein.

Auf EU-Ebene wächst derzeit der Druck, eine Beschränkung der Tiertransporte auf maximal acht Stunden einzuführen. Diese Kampagne ist unterstützenswert, würde sie doch auf einen Schlag eine Reihe der gravierendsten Probleme bei Tiertransporten beseitigen.

In Deutschland zirkulieren derzeit aber bereits Pläne, im Falle eines Regierungswechsels nach der nächsten Bundestagswahl 2013 die Transportzeit innerhalb Deutschlands noch drastischer auf nur noch vier Stunden zu begrenzen. Ende Juni 2012 brachte die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen einen entsprechenden Gesetzesentwurf in den Bundestag ein. Dieser wurde jedoch von der Regierungskoalition abgelehnt.

Diese Änderung erscheint auf den ersten Blick durchaus wünschenswert, denn man verbindet als Laie kürzere Fahrzeiten automatisch mit weniger Leid und weniger Stress für die Schlachttiere. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass dies nicht unbedingt stimmt.

Laut Studien entsteht bei Be- und Entladung am meisten Stress

Eine Studie aus den USA von 2011 über die Auswirkungen von Transportdauer und Besatzdichte auf das Stressverhalten von Schweinen ergab, dass Schweine eher unter besonders kurzen Transportzeiten – in der Untersuchung weniger als eine Stunde – leiden. In der Begründung heißt es, dass das Auf- und Abladen die Hauptstressfaktoren beim Transport sind, eine längere Fahrdauer hingegen eine längere Erholungszeit für die Tiere bedeutet. Allerdings wurden in dieser Studie nur maximale Transportzeiten von bis zu drei Stunden herangezogen. Wie sich die untersuchten Stresssymptome in Form von Hautverfärbung, Gewichtsabnahme, Muskelzittern, lautem Vokalisieren und Hecheln bei Transportzeiten von acht Stunden oder mehr, wie es in Europa bislang durchaus üblich ist, äußern, wird in dieser Studie dagegen nicht erläutert.

Ein recht ähnliches Bild zeichnet eine Studie aus Deutschland aus dem Jahr 2004. Die Untersuchungen von Rindertransporten zu Schlachthöfen in Norddeutschland kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Ver- und Entladeladeprozesse mit Abstand am stressreichsten für die Tiere sind. Hierbei kommt es jedoch auch darauf an, aus welchen Haltungssystemen die einzelnen Tiere stammen. So reagieren Tiere aus Anbindehaltungen sehr viel extremer auf den Verladeprozess, da dies eine ungewohnte Anstrengung für sie bedeutet, wohingegen Rinder aus Weidehaltung eher während des Transports mit überhöhten Stresswerten auffallen, was mit dem ungewohnten Eingesperrtsein in den Transporter begründet wird.

Gemessen wurden in der deutschen Studie verschiedene Stressparameter, wovon Herzfrequenz, Cortisolspiegel und Creatinkinase (Ck) die bekanntesten und eindeutigsten sind. Die Herzfrequenz lässt Rückschlüsse auf die psychische und physische Belastung zu, ebenso der Cortisol-Wert, der im Belastungsfall teils signifikant ansteigt. Der Ck-Wert gibt im erhöhten Zustand Hinweise auf eine muskuläre Ermüdung, die ebenfalls zu Stress führen kann. (Diese Untersuchungen schlossen immerhin Transporte von bis zu acht Stunden ein.)

Die Autoren der deutschen Studie kommen zu dem Schluss, dass eine Begrenzung der Transportdauer (zumindest für Rinder) auf maximal sechs Stunden sinnvoll wäre. Dies wird damit begründet, dass auch hier ein kürzerer Transport keinesfalls weniger Stress für die Tiere bedeutet, da diese sich meist erst nach rund zwei Stunden Fahrtzeit in dieser neuen Situation beruhigen und somit ein Teil der Werte der oben genannten Stressparameter dann sinkt. Lediglich bei den Ck-Werten ist dies nicht der Fall; eine zunehmende Muskelerschöpfung wurde im Rahmen dieser Studie ab einer Transportzeit von zwei Stunden festgestellt: „Bei längeren Transporten nimmt die Ermüdung zu“, heißt es dort.

Tiere und Kleinbauern als große Verlierer bei maximal vier Stunden Transportzeit

Man greift zu kurz, wenn man bei der Betrachtung des Tierwohls nur die Transportzeit misst. Dabei werden andere wesentliche Tierwohlfaktoren ausgeklammert. Zu bedenken ist zum einen, dass durch eine zu kurze Bemessung der maximalen Transportzeit die ohnehin hohe Stressbelastung für die Tiere bei Ver- und Entladevorgängen weiter steigen wird. Die Lkw-Fahrer würden schneller ungeduldig und beim Treiben der Tiere wahrscheinlich rüdere Methoden einsetzen, um „in der Zeit“ zu bleiben. Denn die Transportzeit umfasst immer auch alle Be- und Entladezeiten einer Tour.

Zum anderen fahren die Viehhändler und Transporteure meist nicht nur einen einzelnen Betrieb an – es sei denn, er holt die Tiere bei einer industriellen Intensivmastanlage ab. Für Anlagen wie die Ferkelerzeugung in Alt-Tellin mit ihren 10.500 Stammsauen oder solche mit tausenden Mastschweinen wird es kein Problem sein, die Transportzeit bis zum nächsten Schlachthof einzuhalten. Da ist jeder Lkw jedes Mal auf einen Schlag voll (z. B. mit ca. 180 Mastschweinen).

In der  Praxis werden zum Teil bis zu acht verschiedene Kleinbetriebe angefahren, um den Lkw auf dem Weg zum Schlachthof zu beladen. Viele tausend kleinbäuerliche Betriebe, die bis jetzt noch überleben (wenn auch mehr schlecht als recht), liefern pro Fuhre jeweils nur einige wenige Sauen, Mastschweine oder Milchkühe, bestenfalls einige Dutzend Tiere ab. Das ist zeitraubend und aufwendig für den Transporteur. Das Aufladen von 50 bis 60 Schweinen dauert zum Beispiel mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde. Nur so kann man den Tieren die nötige Zeit angesichts dieser ungewohnten Situation lassen und braucht keine schmerzhaften Elektrotreiber.

Bei älteren, oft nicht spezialisierten kleinbäuerlichen Betrieben dauert es oft sogar länger – vor allem im Vergleich zu den Hightech-Massentierhaltungsbetrieben mit perfekter Ausstattung: Eine asphaltierte oder betonierte Anfahrt bis hin zur justierbaren Verladerampe an der vollautomatischen „Fabrikhalle“ mit Treibgängen ist bequemer und schneller als das Rangieren auf matschigem Hof mit einer verschachtelten Struktur verstreut liegender kleiner Ställe ohne Verladerampe.

Berechnungen aus der Privatwirtschaft zufolge würden bei einer Beschränkung der Transportzeit auf vier Stunden bei einigen Schlachthofstandorten – trotz großer Viehdichte – schon heute etwa 20 Prozent der Kleinbauern in einem Umkreis von nur 50 km ihre Tiere nicht mehr los. Sie liefern im Schnitt zu wenig Tiere auf einmal und die Transporteure würden sie einfach nicht mehr anfahren, weil die Zeitbegrenzung es ihnen nicht erlaubt. Im Radius von 100 km wären es sogar 60 Prozent, die buchstäblich auf der Strecke blieben. Viele kleine Transporte – wie früher vom Bauern selbst gebrachte Tiere – sind zudem unrentabel und unökologisch.

Strukturschwache Gebiete werden benachteiligt

Von großem Nachteil kann außerdem die geographische Lage des Hofes sein. Während im Münsterland und anderen Gebieten Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens noch eine relativ hohe Schlachthofdichte besteht, liegt in vielen Regionen wie der Eifel und in Hessen im Umkreis von einigen Hundert Kilometern oft nur noch ein einziger Schlachthof. In Schleswig-Holstein gibt es seit der Schließung des Lübecker Betriebes durch Vion im Jahr 2006 keinen einzigen Schlachthof mehr, obwohl dort sehr viel Vieh gehalten wird.

Bei einer Begrenzung auf vier Stunden wären viele kleine Bauern in entlegenen oder strukturschwachen Gebieten auf Gedeih und Verderb einem einzigen Abnehmer in der Reichweite von vier Stunden ausgeliefert, der dann Monopolistenpreise bestimmen könnte. Das würde den Strukturwandel erneut befeuern und könnte vielen kleinbäuerlichen Betrieben die Existenzgrundlage rauben. Oder die öffentliche Hand müsste konsequenterweise wie früher wieder viele kleine, regionale Schlachthöfe aufbauen und staatlich betreiben.

Keine unnötige Förderung des unlauteren Wettbewerbs betreiben

Schon jetzt bemühen sich einige große Schlachtunternehmen (selbst in viehreichen Gegenden) besonders um die Großmäster. So begünstigt Westfleisch beispielsweise seit einigen Jahren durch Boni die Lieferung aus Großbetrieben, die einen Laster auf einmal voll laden können, weil das Zeit und Kosten spart und ihre Logistik vereinfacht. Damit fördert Westfleisch die industrielle Intensivtierhaltung. Die kleinen Bauern haben das Nachsehen, ihre Transportkosten sind im Vergleich höher. Auf Dauer können sie so nicht konkurrenzfähig bleiben – erst recht nicht, wenn die Transportzeiten künftig auf vier Stunden verkürzt werden sollten.

PROVIEH unterstützt daher diese zu harsche Begrenzung auf maximal vier Stunden Transportzeit in Deutschland nicht, wohl aber die Kampagne zur EU-weiten Begrenzung der Transportdauer auf acht Stunden (siehe unten). Die acht Stunden entsprechen auch einem Arbeitstag mit zumutbarer Belastung für die Fahrer. Ein pfleglicher Umgang mit den Tieren bei der Ver- und Entladung kann damit eher gewährleistet werden, genau wie auch eine vernünftige Fahrweise über die Landstraßen, die ebenfalls im Sinne von Mensch und Tier ist.

Bei einer Beschränkung auf acht Stunden gibt es zwar immer noch einige der genannten Probleme für entlegene Höfe, aber der Strukturwandel würde längst nicht so brutal befördert. Die meisten anderen tierwohlrelevanten Transportprobleme sollten durch bessere Bedingungen während der Transporte und schärfere Kontrollen bzw. Sanktionen gelöst werden, damit die Tiere in gutem Zustand transportiert werden und sich unterwegs ausruhen können. Bei den Rindertransporten muss allerdings eine Begrenzung auf sechs Stunden in Betracht gezogen werden, da sie sich – anders als Schweine – unterwegs weder hinlegen noch ausruhen können; daher könnten sie bei längeren Transporten aufgrund der Muskelerschöpfung eine zu hohe Belastung erfahren. Eingehendere Studien zur Vertiefung der bisherigen Kenntnisse scheinen allerdings noch vonnöten.

Ulrike Behre und Sabine Ohm

 


Quellen und weiterführende Informationen:

Kampagne zur Begrenzung auf acht Stunden (für Deutsch auf die Flagge klicken)

Neuregelungen zu 4 h Transportzeiten nach Bündnis 90/Die Grünen

Mehr zum Gesetzentwurf der Grünen im Bundestag

Studie aus den USA

Studie aus Deutschland
, Nr. 72)

Dissertation im Rahmen der deutschen Studie

Bericht der Kommission über Tiertransporte

Artikel zur Beschränkung auf acht Stunden Transportzeit finden Sie unter provieh.de und ab September im PROVIEH Magazin 3/2012