Klonen zur Nahrungserzeugung: Online-Befragung noch bis zum 3. September 2012

27.08.2012: Im Vorfeld der für 2013 geplanten EU-Gesetzesvorlage lädt die Kommission zur Teilnahme an einer Konsultation im Internet ein.

Um sich ein Bild der Stimmungslage in der europäischen Öffentlichkeit zu machen bedarf es eigentlich keiner neuen Konsultation über das Klonen. Allen Umfragen der letzten Jahre zufolge lehnt eine überwältigende Mehrheit (ca. 80 Prozent) der Bürgerinnen und Bürger Europas das Klonen von Nutztieren zur Lebensmittelerzeugung ab, oft aus ethischen Gründen. Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments – der einzig direkt gewählten Bürgervertretung und deshalb demokratisch legitimierten Institution der Europäischen Union (EU) – haben sich in verschiedenen Entschließungen und Abstimmungen ebenfalls mehrheitlich für ein totales Verbot des Klonens zur Nahrungsproduktion ausgesprochen.

Klonen oder nicht klonen - wird die EU-Kommission diesmal auf die Meinung der Öffentlichkeit hören?

Trotz einer engagierten Kampagne seitens der Tierschutzorganisationen, darunter PROVIEH, die von vielen EU-Parlamentariern unterstützt wurde, scheiterte ein solches Gesetzesvorhaben im März 2011 am Widerstand von Rat und Kommission (siehe PROVIEH Magazin, Hefte 4/2010 und 2/2011). Die Kommission behauptete, eine Rückverfolgung aller tierischen Erzeugnisse, zur Feststellung ob sie aus Klonen stammen oder nicht, sei nicht möglich beziehungsweise zu teuer. Außerdem befürchtete sie einen Handelskrieg mit Nord- und Südamerika, wo das Klonen von Rindern und Schweinen besonders weit verbreitet ist. Durch das Scheitern standen Europas Märkte bisher den Erzeugnissen von Klonnachkommen weit offen - ohne jede Etikettierungspflicht! In einigen Ländern wie Großbritannien wurde der Einsatz von Klonen zur Züchtung von Milchvieh bereits bestätigt. Die Empörung von Medien, Tier- und Verbraucherschützern nützte nichts, eine Etikettierung wurde nicht angeordnet. Aber nun kann sich die Kommission nicht länger um eine europaweite Lösung herumdrücken, sie muss handeln. Denn nach den gescheiterten Verhandlungen im März 2011 wurde verbindlich festgelegt, dass sie innerhalb von zwei Jahren - also bis Ende März 2013 - einen neuen Gesetzesentwurf für eine umfassende Regelung über das Klonen vorzulegen habe.

Neue Stellungnahme der EFSA bringt keine neuen Erkenntnisse

Inzwischen forderte die Kommission die EU-Lebensmittelaufsichtsbehörde (EFSA) zu einer erneuten Stellungnahme über mögliche Risiken auf, die am 5. Juli 2012 veröffentlicht wurde. Die Experten stellen darin fest, dass seit ihrer Stellungnahme von 2010 keine nennenswerten neuen Forschungsergebnisse hinzugekommen sind: Die Produkte aus gesunden Klonschweinen und -rindern (zum Beispiel Fleisch und Milch) sowie ihren Nachkommen sind für den Verzehr zwar unbedenklich; die mit der Klontechnik verbundenen Tiergesundheits- und Tierschutzprobleme bestehen aber weiterhin. Außerdem liegen bisher für alle anderen Nutztierartenwie Schafe und Ziegen keine ausreichenden Forschungsergebnisse vor, so dass man nichts zu Risiken und Nebenwirkungen für Mensch und Tier (Erzeugung und Verzehr) sagen kann. Aus den bisher gesammelten Daten ergibt sich laut den EFSA-Experten angeblich noch kein Hinweis auf eine Einschränkung der genetischen Vielfalt oder der Artenvielfalt durch die Anwendung der Klontechnik im Vergleich zur konventionellen Züchtung.

Die Kommission stellt fünf politische Alternativen zur Wahl

Gut sechs Monate vor Ablauf der Frist befragt die Kommission deshalb erneut die Öffentlichkeit über ihre Meinung zum Klonen zur Nahrungsmittelerzeugung, diesmal mit Hilfe eine Online-Konsultation, an der alle Interessierten Bürger und Interessenvertreter (zum Beispiel aus Tier- oder Naturschutzorganisationen, Bauernverbänden etc.) teilnehmen können.

Sie stellt dort 30 Fragen und hat dabei im Prinzip fünf Alternativen für die künftige gesetzliche Regelung im Blick:

Option 1: Das bisherige Gesetz wird beibehalten. Die Nutzung von Klonnachkommen zur Lebensmittelproduktion und die unetikettierte Vermarktung ihrer Erzeugnisse in der EU bleiben erlaubt. Das Klonen und die (unübliche) Vermarktung von direkten Klonerzeugnissen wie Fleisch und Milch von Klonen selbst bedarf weiterhin "einer vorherigen Autorisierung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse". Da die EFSA seit 2008 bereits Schweine- und Rindererzeugnisse jedes Jahr wieder als unbedenklich für den menschlichen Verzehr einstufte, ist von einer uneingeschränkten Freigabe für die Vermarktung auszugehen.

Option 2: Das Klonen zur Lebensmittelproduktion wird in der EU erlaubt. Ein neues Klongesetz regelt die Inverkehrbringung von Erzeugnissen aus Klonen und ihren Nachkommen in der EU. Dabei sollen "weitere Autorisierungskriterien" eingeführt und herangezogen werden, die aber nicht näher spezifiziert werden. Rückverfolgbarkeitssysteme für lebende Klone und ihre Nachkommen, Zuchtmaterial und Klonerzeugnisse werden eingeführt. Nahrungsmittel aus Klonen müssten entweder als solche gekennzeichnet werden oder diejenigen Produkte ohne Klonzutaten könnten als "ohne Klontechnik hergestellt" etikettiert werden – analog der freiwilligen Kennzeichnung "ohne Gentechnik", mit der sich die Kommission wie auch die Bundesregierung bisher um eine Positivkennzeichnung von "mit gentechnisch veränderten Futtermitteln" produzierten tierischen Erzeugnissen drücken.

Option 3: Vorläufiges Verbot von Nahrungsmitteln aus Klonen in der EU und Rückverfolgung von Importen von Klon-Zuchtmaterial. In einem neuen Gesetz wird 1. die Anwendung der Klontechnik, die Nutzung von Klonen und die Vermarktung von Erzeugnissen aus Klonen in der EU vorläufig verboten und 2. ein Rückverfolgbarkeitssystem für Importe von Samen und Embryonen geschaffen, zwecks Erstellung einer Datenbank für Klonnachkommen  in der EU. Dadurch könnten freiwillige Etikettierungssysteme ("ohne Klontechnik") für in der EU erzeugte Nahrungsmittel aus Klonnachkommen eingeführt werden.

Option 4: Vorläufiges Verbot von Nahrungsmitteln aus Klonen in der EU und Einführung einer obligatorischen Kennzeichnung von allen Erzeugnissen wie Fleisch und Milch aus Klonnachkommen sowie allen ihnen nachfolgenden Generationen. Die Maßnahmen aus Option 3 werden ergänzt um ein Rückverfolgbarkeitssystem für Klonnachkommen in Drittländern (wie den USA) und eine Verpflichtung zur Etikettierung aller in der EU verkauften Lebensmittel aus Klonen und ihren Nachkommen, egal ob sie in- oder außerhalb der EU produziert wurden.

Option 5: Vorläufiges Verbot von Nahrungsmitteln aus Klonen und allen ihren Nachkommen folgender Generationen in der EU. Durch ein neues Gesetz wird die Nutzung der Klontechnik zur Erzeugung von Lebensmitteln in der EU verboten. Damit wird die Nutzung von Klontieren, ihren Nachkommen, ihres Zuchtmaterials und die Vermarktung von Lebensmitteln aus Klonen und allen ihren Nachkommen folgender Generationen ausgeschlossen.

PROVIEH setzt sich – genau wie die Mehrheit der Abgeordneten des Europäischen Parlaments – für die Einführung von Option 5 ein, also für das umfassendste aller Klonverbote. Es würde beinhalten, dass weltweit vernetzte Datenbanken zur Rückverfolgbarkeit von Klontieren und ihren Nachkommen etabliert werden müssten, ähnlich wie es im Zuge der BSE-Krise (Rinderwahnsinn) bereits einmal für alle Kühe und Fleischrinder gemacht wurde. Damals zeigte sich, dass Rückverfolgbarkeit im Zeitalter der neuen Technologien kein Hexenwerk ist, sondern durch Ohrmarken oder andere elektronische Kennzeichnung zu überschaubaren Kosten machbar ist.

Umfassendes Verbot statt Scheinlösungen gefragt

Selbstverständlich wehrt sich die Agrarindustrie dagegen. Jede zusätzliche Transparenz ist ihr ein Dorn im Auge. Dabei ist es aus seuchentechnischen Gründen im Zeitalter von tödlichen Zoonosen (vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheiten wie Vogel- und Schweinegrippe), von weitverbreiteten Erregern wie Salmonellen und Campylobakter (Durchfall), ESBL und MRSA (Antibiotikaresistenzen) längst ratsam, die modernen Technologien endlich für eine lückenlose, schnelle Rückverfolgbarkeit aller tierischen Erzeugnisse einzusetzen. Es ist möglich, nur fehlt bisher der politische Wille dazu.

So haben die EU-Kommission und der Rat (insbesondere auch die deutsche Bundesregierung) bisher erfolgreich den Weg für die Erzeugung und Vermarktung von Klonprodukten freigehalten, mit fadenscheinigen Argumenten: Die Rückverfolgbarkeit sei nicht durchsetzbar, zu teuer, für kleine und mittlere Produzenten nicht machbar, und es drohe ein Handelskrieg mit den USA etc. So soll die umfassende Rückverfolgbarkeit und verpflichtende Erfassung aller Klone und ihrer Nachkommen verhindert werden. Als möglicher Kompromiss wird Option 4 vorgeschlagen, nur das Klonen selbst bis auf weiteres zu verbieten, aber den Verkauf von etikettierten Erzeugnissen aus Klonnachkommen zu erlauben. Falls sich Option 5 handelspolitisch nicht durchsetzen ließe (zum Beispiel bei einer verlorenen Klage bei der Welthandelsorganisation), könnte dies als Notlösung gelten. Damit hätten die Verbraucher zumindest eine Wahl.

Allerdings ist das umfassende Verbot aus Option 5 eindeutig vorzuziehen. Dafür gibt es vier Hauptgründe:

1. Die Inkaufnahme der bei Klonen auftretenden sehr hohen Missbildungs-, Krankheits- und Sterblichkeitsraten (bis zu 98 Prozent) sowie Geburtsprobleme für die "Leihmütter" von Klonen (meist Kaiserschnitt) ist aus Tiergesundheits- und Tierschutzsicht unethisch und abzulehnen.

2. Klonen ist überflüssig. Schon heute werden hoch produktive Tiere konventionell gezüchteter Rassen für die Lebensmittelerzeugung eingesetzt, man braucht keine Klontechnik für züchterische Fortschritte.

3. Bei vielen konventionell gezüchteten Rassen wurde die Produktivität der Tiere bereits über die physiologischen Grenzen hinaus maximiert, so dass viele Tiere unter Folgeerscheinungen der einseitigen Züchtung auf Höchstleistungen (Lahmheit, Euterentzündungen etc.) leiden oder daran sterben bzw. frühzeitig „aus der Produktion genommen“ (d.h. geschlachtet) werden. Es steht zu befürchten, dass insbesondere Tiere mit absoluten Höchstleistungen geklont würden, zum Beispiel Kühe mit über 20.000 Liter Milchleistung pro Jahr. Die könnten dann schon nach einer Laktationsphase gemerzt werden, weil sie aus ökonomischer Sicht bereits eine „ausreichende Lebensleistung“ erbracht hätten und in der Folge wegen auftretender Gesundheits- und Fruchtbarkeitsproblemen sowieso „unrentabel“ würden.

4. Die Klone selbst werden gar nicht zur Lebensmittelerzeugung eingesetzt, da dies angesichts der hohen Sterblichkeit viel zu teuer wäre. Stattdessen nutzt man sie zur Gewinnung von Zuchtmaterial (Samen, Embryonen). Das reine Verbot von Klontieren und der Vermarktung ihrer Erzeugnisse (wie Fleisch und Eier) nützt also gar nichts, solange die Erzeugnisse ihrer Nachkommen inklusive Erbmaterial frei gehandelt werden dürfen. Denn damit wird das Leid der Klontiere auf der Vorstufe auch nicht vermieden oder gemindert: keine Nachkommen ohne vorheriges Klonen, und das wird dann einfach im Ausland vorgenommen, wie bisher auch schon.

Empfehlungen für die Teilnahme an der Online-Befragung

PROVIEH hat deshalb entsprechende Antworten auf den Fragenkatalog der EU-Kommission zum Klonen formuliert. Die Teilnahme an der Konsultation ist leider nur in englischer Sprache  möglich. Sie können unten deshalb zur Orientierung die Kopie unserer kompletten Antworten auf Englisch als pdf abrufen. PROVIEH zielt bei der Beantwortung auf Option 5 ab. Zusätzlich haben wir den Frageninhalt kurz ins Deutsche übersetzt und dazu unsere Vorschläge zur Beantwortung in einem Word-Dokument zusammengefasst, das Sie ebenfalls unter "weiterführende Informationen" finden. Frist zur Teilnahme ist Montag, der 3. September 2012. Bitte nehmen auch Sie an der Befragung teil und drücken Ihre generelle Ablehnung gegen die Nutzung der Klontechnik zur Lebensmittelerzeugung aus, um die massenhafte Ausbreitung des vermeidbaren Leids der Klontiere zu verhindern.

Sabine Ohm, Europareferentin

 


Quellen und weiterführende Informationen

Zur Konsultation kommen Sie hier.

Konsultation mit PROVIEH-Antworten (Englisch, pdf)

Word-Dokument mit Erläuterungen und Antworten von PROVIEH auf Deutsch

EFSA Stellungnahme 5. Juli 2012 zu den Auswirkungen des Klonens auf Tierschutz, Tiergesundheit und Umwelt sowie Lebensmittelsicherheit

EFSA Stellungnahme vom 17. September 2010

Englischer Text über das Klonen mit Quellen