Protestaktion gegen Killerkeime auf dem Teller

Am 19.09.2012 haben PROVIEH und das Kampagnennetzwerk Campact zur gemeinsamen Protestaktion gegen die massenhafte Ausgabe von Antibiotika in der Tiermast aufgerufen. Die aufgebaute „Hähnchenfabrik“ vor dem Bundeskanzleramt sollte auf die Missstände in der Antibiotika-Vergabe aufmerksam machen. Menschen in Schutzanzügen impften Gummihähnchen vom Fließband mit riesigen Antibiotika-Spritzen. Der „Endverbraucher“ erhielt am Ende das mit Keimen belastete Gummihähnchen und verbannte dieses von seinem Teller.

Ein Zuviel an Antibiotika in der Tiermast ist leider üblich, und zwar offenbar in allen Bundesländern. So teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz in einer Pressemitteilung am 11.09.2012 mit, dass im Jahr 2011 in der Tiermast 1.734 Tonnen Antibiotika verfüttert wurden. Damit war der Antibiotika-Einsatz doppelt so hoch wie noch im Jahr 2010.

PROVIEH und Campact fordern eine Weiterentwicklung des Arzneimittelgesetzes. Die Neuregelung zum Antibiotika-Einsatz von Ministerin Aigner weist viele Lücken auf und schützt einmal mehr die Massentierhaltung. Der Gesetzesentwurf ist Augenwischerei, da er kein verbindliches Ziel zur Verringerung des Antibiotika-Einsatzes vorgibt - zumal Tierzuchtbetriebe und Fischfarmen in der Neuregelung nicht mit aufgelistet werden und es keine wirkungsvollen Sanktionen für Betriebe gibt, die Grenzwerte überschreiten.

Verena Stampe


 

Hintergrundinformationen

Auf engstem Raum tausende Hühner, Rinder und Schweine zusammenpferchen – das funktioniert nur unter massivem Einsatz von Antibiotika. Sie machen die Megaställe zu Brutstätten für Antibiotika-resistente Keime. Über Fleisch und Eier, aber auch über im Umfeld erzeugtes Gemüse landen sie auf unserem Teller – eine lebensbedrohliche Gefahr. Fordern Sie von den Mitglieder/innen des Agrarausschusses, den Antibiotika-Einsatz massiv zu reduzieren!

Was uns Frau Aigner auftischen will...

Als der Antibiotika-Skandal im Winter 2011/2012 hoch kochte, versprach Landwirtschaftsministerin Aigner rasche Maßnahmen: „Mein Ziel ist es, bundesweit eine Minimierung der Antibiotika-Mengen zu erreichen und die Überwachung durch die zuständigen Länderbehörden zu verbessern."

Am 19. September will sie eine Änderung des Arzneimittel-Gesetzes durch das Kabinett bringen, das nach jetzigem Wissensstand weder ein Reduktionsziel nennt, noch wirksame Schritte um eine Reduktion zu erreichen. Allein eine Erfassung der Antibiotika-Vergabe in einer neuen Datenbank ist vorgesehen, und auch diese weist Schlupflöcher auf.

In den kommenden Wochen befasst sich der Agrarausschuss mit dem Gesetz. Auch der Bundesrat muss noch zustimmen. Die Mitglieder der Agrarausschusses müssen jetzt an den entscheidenden Stellen nachbessern.

Antibiotika-Einsatz halbieren!

Nur mit einer verbindlichen Halbierung des Antibiotika-Einsatzes bis 2015 kann die Gefahr der Enstehung und Ausbreitung resistenter Keime wirkungsvoll eingedämmt werden. Bislang sieht der Vorschlag nur vor, den jährlichen Antibiotika-Einsatz im Bundesgebiet zu ermitteln und einen Durchschnittswert pro Tierart zu bilden. Dieser gilt als Obergrenze für das Folgejahr. Bestimmt der aktuelle Verbrauch die Obergrenze, führt das jedoch kaum zu einer Reduktion des Verbrauchs. Sogar ein Anstieg des Antibiotika-Einsatzes ist so möglich. Stattdessen müssen die Obergrenzen jährlich gesenkt werden!

Aigners Vorschlag sieht weiterhin vor, dass der/die Tierhalter/in bei Überschreitung der Grenzwerte einen Maßnahmenplan aufstellen muss. Die zuständige Behörde kann weitere Senkungs-Maßnahmen vorschreiben. Zusätzlich muss es aber auch bundesweit einheitliche Sanktionen geben, die die Behörde schrittweise gegen den/die Tierhalter/in durchsetzen muss, vom Bußgeld bis zum Tierhaltungsverbot. Jacob-Hubner_Campact

Schlupflöcher schließen

Wenn es nach Aigner geht, sollen Tierzuchtbetriebe und Fischfarmen von der Erfassung ausgenommen werden, obwohl gerade hier besonders viel Antibiotika zum Einsatz kommt. Außerdem sollen die Betriebe nur melden, wie oft sie Antibiotika verabreicht haben, nicht aber in welcher Menge. Die Menge pro Tier (ADD = animal daily dosis) muss jedoch die Referenz für die jährlichen Obergrenzen sein. Eine Obergrenze nach Therapiehäufigkeit führt nur zum Einsatz stärkerer Antibiotika.

Keimfleisch verbreitet Antibiotika-Resistenz

Wenn Antibiotika-resistente Keime auf unseren Tellern landen, kann das lebensbedrohliche Folgen haben. Jedes Jahr sterben laut WHO in der EU mehr als 25.000 Menschen an durch Antibiotika-resistente Bakterien ausgelösten Krankheiten. Resistenzen entstehen dort, wo Bakterien/Erreger häufig mit Antibiotika in Kontakt kommen.

Unter den reistenten Keimen, die Krankheiten auslösen können, ist der so genannte Krankenhauskeim MSRA (Methicillin resistenter Staphylococcus aureus) am weitesten verbreitet. Er verursacht Wundinfektionen und bei geschwächtem Immunsystem Blutvergiftungen sowie Lungenentzündung. Diese können mit den gängigen Antibiotika nicht behandelt werden und führen im schlimmsten Fall zum Tod. Nach Angaben der Bundesregierung ist der in der Landwirtschaft gängige MSRA-Keim nur für zwei Prozent der Infektionen verantwortlich. Die Gefahr, dass dieser Keim sich ausbreitet oder dass er seine Resistenzeigenschaften an bislang noch nicht resistente Keime weitergibt, ist allerdings hoch.

Megaställe als Keimschleudern

Vor kurzem veröffentlichte das Bundesamt für Verbraucherschutz die alarmierende Zahl von 1734 Tonnen Antibiotika, die im Jahr 2011 an Tiere verfüttert wurden. Das ist fast doppelt so viel, wie bisher für Deutschland angenommen. Kein Wunder, dass Megaställe wie „Brutkästen“ für Antibiotika-resistente Keime wirken. In vielfältiger Weise erreichen die gefährlichen Keime aus dem Stall den Menschen: Arbeiter/innen im Stall infizieren sich direkt, Fleischkonsument/innen über die Keime auf ihren Tellern. Bei einer Untersuchung des Auftauwassers von Tiefkühlhähnchen fand das Robert-Koch-Institut in 30 Prozent der Proben MRSA-Keime.

Aber nicht einmal Vegetarier/innen sind vor den Keimen sicher: Sie wurden im auch Gemüse nachgewiesen. Grund ist die belastete Gülle, die auf den Feldern ausgetragen wird. Im Umfeld einer Mastanlage können sich Anwohner/innen direkt mit Keimstaub aus dem Stall infizieren, oder die Erreger gelangen über die Gülle in den Boden und das Grundwasser.

Stoppt das Tierdoping!

Die massive Antibiotika-Vergabe ist ein Symptom der tierquälerischen Massentierhaltung. Ohne dieses Doping würden viele der Tiere die Schlachtbank gar nicht erreichen, denn das kurze Leben ohne Luft, Licht und Auslauf macht krank.

Antiobiotika sind nicht die Ausnahme im Stall, sondern die Regel. Alle Mastkälber und über 90 Prozent des Geflügels werden mit dem Medikament behandelt. Dabei ist die Antibiotikagabe zur Leistungsförderung seit 2006 in der EU verboten. Dies lässt sich aber im Einzellfall schlecht nachweisen. Es ist gängige Praxis in der Massentierhaltung, bei Krankheit eines einzelnen Tieres den ganzen Bestand vorbeugend mit Antibiotika zu behandeln. Das muss ein Ende haben!

Wer die Haltung verbessert, stärkt die Tiergesundheit. Das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium ermittelte in einer Studie, dass in kleineren Betrieben und bei besonders langer Mastdauer erheblich weniger Antibiotika eingesetzt werden. In Biobetrieben stellte das Berliner Institut für Tier- und Umwelthygiene eine deutlich verringerte Keimbelastung fest. Deshalb muss die Bundesregierung auch die Haltung der Tiere deutlich verbessern: mit der Festlegung maximaler Besatzdichten und einer Mindestmastdauer pro Tierart, dem Ende der Qualzucht und dem Zugang zu Frischluft und Ausgang für jedes Tier.

Auf unseren Protest kommt es an!

In den kommenden Wochen kann der Agrarausschuss im Bundestag aus dem zahnlosen Gesetzentwurf von Frau Aigner ein Arzneimittel-Gesetz machen, dass uns wirkungsvoll vor der Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen schützt. Wir werden mit den Abgeordneten das Gespräch suchen, die Unterschriften öffentlich überreichen und mit aller Kraft für die Gesundheit von Mensch und Tier streiten. Helfen Sie mit Ihrer Unterschrift.

Quelle: Campact e.V. - Demokratie in Aktion

Voraussichtlich am 26. September 2012 passiert das Arzneimittelgesetz das Kabinett. An diesem Tag will Campact zusammen mit PROVIEH einen Online-Appell an die Mitglieder des Agrarausschusses richten. Zu deren erster Antibiotika-Sitzung ist zudem eine Übergabe der Unterschriften geplant. Weitere Aktionen wie zum Beispiel direkte Gespräche mit den Abgeordneten sollen folgen.


Weiterführende Links: