Milch ist immer noch viel zu billig

Milch_PROVIEH21.09.2012: "Der zu niedrige Milchpreis hat für Bauern und Tiere weitreichende Folgen. Nachdem in den Jahren 2008 und 2009 die Milchkrise die Bevölkerung aufgerüttelt hatte und die Europäische Union (EU) einige Sonderhilfsmaßnahmen ergriff, war es um dieses Thema zunächst wieder still geworden. Aber nicht etwa, weil die damaligen Forderungen der Milchbauern erfüllt worden wären, denn seither hat sich der Milchpreis nicht wirklich erholt – obwohl die breite Mehrheit der Menschen in der Krisenzeit offen ihre Bereitschaft signalisierte, einen höheren, fairen Preis für Milch und Milchprodukte zu zahlen.

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Noch immer bekommen die Landwirte je nach Standort nur zwischen 26,7 und 31,2 Cent pro Kilogramm Milch von den Molkereien (Bundesdurchschnitt 29 Cent). Das entspricht dem Niveau der 1980er Jahre – trotz der inzwischen stark gestiegenen Preise für Betriebs- und Futtermittel. Insbesondere sind die Preise für Getreide und Eiweißfutter wie Sojaschrot gestiegen und steigen weiter. Um kostendeckend wirtschaften zu können, müssten die Bauern laut dem Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) inzwischen deutlich mehr als 40 Cent pro Liter gelieferter Milch erhalten.

Kostengünstig produzierende Großbetriebe mit Intensivtierhaltung und geringen Arbeitskosten können in dieser Lage noch einigermaßen bestehen, kleinbäuerliche Betriebe dagegen kaum noch. Daran änderten auch die von der EU und der Bundesregierung eingeleiteten Maßnahmen zur Unterstützung der Milchviehhalter nichts. Deshalb geben immer mehr kleinere Betriebe auf. Innerhalb von 20 Jahren halbierte sich die  Anzahl der Milchviehbetriebe in Deutschland, was einem Rückgang von etwa zwei bis vier Prozent pro Jahr entspricht.

Tierschutz- und Tierwohlaspekte haben ihren Preis

Nur wer einen angemessenen Preis für sein Produkt bekommt, kann über das Minimum hinaus mehr für seine Tiere zu tun. Tiergerechte Ställe mit weich eingestreuten Liegeflächen, Scheuerbürsten für die Körperpflege, individuelle Beobachtung und Pflege und andere Maßnahmen für mehr Tierwohl sind gerade bei reiner Stallhaltung mit Kosten verbunden. Sollen die Tierschutzstandards erfüllt werden, die den Verbrauchern in Umfragen immer so wichtig sind, müssten die Bauern dafür auch mehr Mittel erhalten. Wenn dies aufgrund zu niedriger Erzeugerpreise nicht geschieht, geht dies oft zu Lasten der Kühe und deren Wohl.

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Zu diesem Wohl gehört auch ein zumindest temporärer Weidezugang (Sommerweidehaltung), damit die Kühe ihren natürlichen Bedürfnissen nach Laufen und Sozialverhalten besser nachkommen können. Diese Meinung vertritt auch die Europäische Lebensmittelaufsichtsbehörde EFSA, die mit ihrer wissenschaftliche Stellungnahme zum Thema „Allgemeine Auswirkungen von Haltungssystemen auf das Wohlbefinden und Erkrankung von Milchkühen“ ebendiesen Aspekte als relevant für die Gesundheit und das Wohlergehen von Kühen erachtet (siehe unten). Zusätzlich belegen Erfahrungen von Bauern und wissenschaftliche Studien, dass Kühe mit Weidegang bessere Milch geben als Kühe ohne Weidegang (mehr dazu unten).

Leider ist Weidezugang inzwischen in weiten Teilen Deutschlands eher die Ausnahme als die Regel. Zusätzlich wird immer mehr ökologisch wertvolles Grünland (Weideland) umgebrochen, weil die Getreidepreise steigen und die EU zudem höhere Flächenprämien (Agrarsubventionen) für Ackerland zahlt. Deutschland wird diese Prämienungleichheit zwar ausgleichen, aber nicht an den attraktiven Subventionen rütteln, die den Maisanbau für die Erzeugung von „Bioenergie“ fördern.

Den hohen Preis für billige Milch zahlen oft die Kühe

Euter_510343_Joujou_pixelio.deFür hohe Milchleistung (über 10.000 Liter pro Laktationsphase) brauchen Kühe große Euter und viel Kraftfutter. Doch ein überdimensioniertes Euter behindert das normales Stehen und Gehen und schafft gesundheitliche Probleme wie häufige Entzündungen von Euter, Klauen und Gebärmutter, vermehrt aber auch Fruchtbarkeitsstörungen, Leberverfettungen und Erkrankungen des Verdauungssystems, wie zum Beispiel Veterinärmediziner der Freien Universität Berlin nachgewiesen haben. Dieser Probleme wegen hat sich die Lebensdauer von Milchkühen, die früher nicht selten 12 bis 15, manchmal sogar 20 Jahre alt wurden, dramatisch verkürzt. Schafften sie bis in die 1970er Jahre im Durchschnitt noch etwa sieben Laktationsphasen, werden sie heute bereits nach spätestens der dritten Laktationsphase gemerzt (zum Schlachter gebracht).

Abgesehen von der ethischen Fragwürdigkeit der einseitigen Zucht auf höchste Milchleistung gibt es auch eine Überproduktion an Milch: Die Nachfrage in Deutschland wird derzeit mit 125 Prozent Bedarfsdeckung mehr als befriedigt. Der Überschuss wird ins Ausland exportiert – oft als Milchpulver, bisher häufig sogar noch mit EU-Exportsubventionen künstlich gefördert. Damit sinken nicht nur die Preise am Weltmarkt sondern auch in der EU. Und dann muss die EU wieder mit Hilfszahlungen die Milchbauern stützen, um sie vor dem Ruin zu bewahren, wie 2008/2009 – ein absurder Teufelskreis.

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Beschönigungen und Falschinformationen sollen beruhigen

Die Industrie zeigt kein Interesse, an der Situation etwas zu ändern. Vielmehr versucht sie, die Problematik zu verharmlosen. Mit Broschüren wie „Expedition in den Kuhstall“ des Vereins information.medien.agrar (e.V.) soll speziell den Kindern ein positives Bild der Intensivtierhaltung vermittelt werden: Zwar lebten die Kühe im Stall, aber dort könnten sie alle ihre arttypischen Bedürfnisse hinreichend erfüllen und seien somit „glücklich“. “Natürlich“ sei auch, dass die Kälber einige Stunden nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt und zunächst in Einzelboxen gehalten werden. Stallarbeiten wie Misten, Füttern und Melken werden dagegen als lästige, geradezu unzumutbare Tätigkeiten hingestellt; lobend wird einseitig die Verbesserung für die Menschen durch die Mechanisierung dargestellt, die  Arbeitszeit und Geld spare.

Noch infamer sind die Lügenmärchen in einem kleinen Bilderbuch für Kinder von HANSANO mit dem Titel „Wo kommt die Milch her“ (siehe „Das Allerletzte“ im PROVIEH Magazin 2/2012). In Heft 3/2012 des PROVIEH-Magazins werden die von HANSANO verbreiteten Mythen von den glücklichen Milchkühen detailliert widerlegt. Kinder werden also gezielt desinformiert anstatt darin geschult, die Wichtigkeit eines verantwortungsvollen sensiblen Umgangs mit Tieren und Tierprodukten zu erkennen. Eine Bereitschaft für die Zahlung von fairen Preisen für fair erzeugte Milch wird auf diese Weise nicht erzeugt.Hansano-Bilderbuch

Nur durch ein gleichberechtigtes Zusammenspiel lässt sich etwas bewirken

Es liegt nicht allein in der Hand der Verbraucher, ob die Bauern mehr Geld für ihre Milch erhalten. Verantwortung haben auch die Molkereien und der Lebensmitteleinzelhandel, die die Erzeugerpreise drücken. In Deutschland verarbeiten die fünf größten deuten Molkerei-Unternehmen bereits über 50 Prozent der angelieferten Milch und beherrschen so den Markt. Gleichzeitig will die Bundesregierung – offenbar geleitet von den Interessen der Milchindustrie – mit dem neuen „Marktstrukturgesetz“-Entwurf den Versuch der Milchbauern verhindern, durch eine stärkere Bündelung ihrer Kräfte ihre Marktmacht stärken. Deshalb sollen Doppelmitgliedschaften in verschiedenen Agrarorganisationen verboten und die Milchbauern durch eine „Andienungspflicht“ an die Molkerei ihrer Erzeugerorganisation gebunden sein. Das Gesetz würde also eine Monopolstellung der Molkereien fördern und die Verhandlungsposition der Milchbauern schwächen. Das wäre das Aus für tausende kleine und mittlere Milchviehbetriebe. Wenn schließlich der Lebensmitteleinzelhandel weiterhin versucht, mit Billigstangeboten von tierischen Erzeugnissen Kunden in seine Supermärkte zu locken, torpedieren sie ebenfalls Anstrengungen für mehr Tierwohl.

Was also ist zu tun? Die politisch verankerte Steigerung der Milchquote muss endlich begrenzt werden, wie es die GRÜNEN Ende Juni 2012 im Bundestag forderten. Auch dürfen die Landwirte nicht behindert werden, sich besser zu organisieren und an einer fairen Preisgestaltung verantwortlich mitzuwirken. Die bisherigen Maßnahmenkataloge der EU haben keine Abhilfe schaffen können und den Strukturwandel hin zu industriellen Großanlagen eher gefördert als aufgehalten.

Ein mögliches Modell für ein vernünftiges Milchmarktmanagement unter Einbeziehung aller beteiligten Akteure zeigt Kanada auf. Dort wird jährlich der landeseigene Bedarf an Milch ermittelt und die zu produzierende Milchmenge daran angepasst. Es sollen also möglichst geringe Milchüberschüsse produziert werden. Aufgrund dieser Binnenorientierung der Produktion werden lediglich zwei Prozent der jährlichen Milchproduktion exportiert. Dieses System hat einen hohen Grad der Krisenbeständigkeit und hält den Milchpreis stabil (mehr dazu in der Studie „Weniger ist mehr“ unten).

 

Ulrike Behre und Sabine Ohm


Quellen und weiterführende Links: