Enthornen oder genetisch hornlose Kühe? Ein riskanter Kompromiss

07.06.2012: Kühe haben Hörner, das weiß eigentlich jedes Kind. Doch in der modernen Milchwirtschaft sucht man meist vergeblich nach Kühen mit Hörnern. Die Hornanlagen werden den Kälbern schon in den ersten Lebenswochen mit einem Brennstab ausgebrannt, um das Wachstum der Hörner zu verhindern. Der Eingriff dauert etwa acht Sekunden pro Horn. Er wird meist vom Landwirt selbst vorgenommen, darf nach geltendem Tierschutzrecht bei unter sechs Wochen alten Tieren ohne Betäubung erfolgen und ist für die Kälber sehr schmerzhaft. PROVIEH kennt etliche Milchbauern, die liebend gerne auf diese Verstümmelung ihrer Tiere verzichten würden. Doch in den heute üblichen konventionellen Haltungssystemen, zum Beispiel in Boxenlaufställen, reicht der Platz für Hörner nicht aus. Zu hoch erscheint vielen Bauern das Risiko, dass die Rinder sich gegenseitig oder ihren Halter verletzen könnten. Ein kräftiger Stoß mit dem Horn in die Weichteile tut nicht nur sehr weh, er kann unter Umständen tödlich enden.

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Foto: © Petersen/ PROVIEH

Trotzdem setzt sich PROVIEH seit langem dafür ein, den Kühen ihre Hörner unversehrt zu lassen. Denn Hörner wachsen den Rindern nicht ohne Grund: Sie spielen eine wichtige Rolle in der Kommunikation, bei Auseinandersetzungen um die soziale Rangordnung und beim spielerischen Umgang miteinander auf der Weide. Hat ein Rind genug Platz zum Ausweichen, kommt es nur in sehr unglücklichen Fällen zu Verletzungen. Ob Tierhalter durch die Hörner ihrer Rinder gefährdet werden, hängt vor allem von ihrer Achtsamkeit im Umgang mit den Tieren ab. Eine wachsende Schar von Milchbauern beweisen bereits im Hofalltag, erfolgreich mit Hörner tragenden Rindern arbeiten zu können. Sie haben ihre Ställe dafür angepasst und bieten ihren Tieren genügend Platz, um sich verletzungsfrei zwischen Liegebucht, Fressplatz, Melkstand und Weide bewegen zu können. Doch Platz im Stall ist teuer und muss sich durch den Verkaufserlös der Milch bezahlt machen. Wie so oft, hängen Wohl und Wehe der Tiere von der Wertschätzung der Verbraucher ab.

Den Kühen ihre Hörner zu lassen, ist also eine echte Herausforderung. Was aber kann man ansonsten noch tun, um den Kälbern den Schmerz des Enthornens zu ersparen? Das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) hat nun einen brauchbaren Kompromiss geschmiedet, an dem sich auch PROVIEH beteiligt hat: Am 8. Mai 2012 verabschiedeten Milchbauern, Tierschützer, Tierärzte und Rinderzüchter gemeinsam die „Düsseldorfer Erklärung zur verstärkten Zucht auf Hornlosigkeit in der Rinderhaltung“. Die Erklärung ist zukunftsweisend und könnten in allen Bundesländern zum Vorbild genommen werden: So sollen Kälber in NRW künftig nur noch mit gleichzeitiger Verabreichung eines Schmerzmittels enthornt werden dürfen. Auch wollen die Beteiligten das Wissen über den Einsatz genetisch hornloser Milchrinder unter den Milchbauern verbreiten. Die Rinder-Union West eG als einzige Zucht- und Besamungsgenossenschaft mit Sitz in NRW verpflichtet sich, „ihr Zuchtprogramm für die Rasse Holstein auf die schnellstmögliche Vermehrung des Hornlos-Gens unter Beachtung wirtschaftlicher und züchterischer Aspekte auszurichten. Das weltweit verfügbare Spermaangebot von hornlos vererbenden Besamungsbullen aller Rassen wird bestmöglich verfügbar gemacht. Um diese Maßnahmen schnell zu befördern, wird die Rinder-Union West eG in einer zeitlich befristeten Aktion auf Spermaportionen ausgewählter hornloser Bullen einen Preisnachlass bis zu 50 Prozent des üblichen Verkaufspreises gewähren.“

Die Landesregierung in NRW wiederum will verstärkt Geld bereit stellen, um „bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen ein modellhaftes Tierzuchtberatungsprojekt im Hinblick auf genetische Hornlosigkeit zu installieren, in ausgewählten Betrieben vorbildliche Haltungen von behornten Tieren in Laufställen zu demonstrieren und eine abgestimmte Informations- und Beratungsinitiative zum Thema Enthornung und Haltungsbedingungen für horntragende Rinder einzurichten.“ Auch sollen Ökomilchbauern bei Verwaltungsgebühren entlastet werden, wenn sie nachweislich mindestens 4 von 5 Kühen durch hornlose Bullen decken lassen.

Für uns Tierschützer ist die Zucht hornloser Milchrinder ein riskanter Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Kühe und den wirtschaftlichen Interessen der Halter. Auch einige Milchbauern äußerten ihre Bedenken im Gespräch mit PROVIEH. Sie sind besorgt, dass eine Konzentration auf das Zuchtziel „Hornlosigkeit“ die genetische Vielfalt ihrer Herden noch weiter einschränken wird. Diese Bedenken müssen ernst genommen werden. Die Bauern des Demeter-Verbandes gehen sogar noch einen Schritt weiter. Ihr Verband gehört zwar zu den Unterzeichnern der gemeinsamen Erklärung. In der Praxis aber setzen sie bereits heute ausschließlich Hörner tragende Rinder ein: Die Richtlinien des Demeter-Verbandes schließen die Haltung genetisch hornloser Tiere sowie den Zukauf genetisch hornloser Zuchttiere aus. Das ist vorbildlich, findet PROVIEH.

Stefan Johnigk