Meilenstein in der Jungebermast: Die neue abzugsfreie Abnahmegarantie

06.06.2012: PROVIEH begrüßt einen wichtigen Durchbruch in der Abschaffung der Ferkelkastration: Die drei führenden Schlachtunternehmen in Deutschland, Tönnies, Vion und Westfleisch (mit insgesamt ca. 50 Prozent Marktanteil), einigten sich im Mai 2012 auf eine gemeinsame „Ergänzung zur Düsseldorfer Erklärung“. Darin garantieren sie allen Landwirten einen abzugsfreien Ankauf aller Jungeber, also auch der geruchsauffälligen Tiere. Damit bieten sie den Landwirten einen sicheren Weg aus der Ferkelkastration.

Kurzer Rückblick

PROVIEH hatte im Juni 2008 eine Kampagne gegen die Ferkelkastration gestartet. Am 29. September 2008 sprachen sich dann der Deutsche Bauernverband (DBV), der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) und der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) in der so genannten „Düsseldorfer Erklärung“ für ein gemeinsames Vorgehen bei der Einführung der Ebermast in Deutschland aus.

Das Qualitätssicherungsunternehmen „QS“ führte Anfang 2009 als ersten Schritt die Verpflichtung zur Schmerzmittelgabe bei der Ferkelkastration ein und gründete die Koordinierungsplattform „Verzicht auf Ferkelkastration“. Im Juli 2009 kündigten McDonald’s und Burger King im Zuge der PROVIEH-Kampagne „Kastratenburger? Schluss damit!“ ihren Ausstieg aus dem Verkauf von Kastratenfleisch ab dem 1. Januar 2011 an. McDonald’s hielt sein Versprechen fristgerecht. Burger King listete das Kastratenfleisch nach eigenen Angaben im April 2011 vollständig aus.

Angesichts dieser Entwicklung gab dann auch die EU-Kommission richtig Gas. Sie befürchtete eine Spaltung des Europäischen Binnenmarktes, da Deutschland der EU-weit größte Schweinefleischerzeuger ist. Im Eiltempo wurde die "Brüsseler Erklärung zum Ausstieg aus der betäubungslosen chirurgischen Kastration von Ferkeln bis 2018“ ausgearbeitet und noch im Dezember 2010 verabschiedet.

Aktueller Stand

Der Plattformbetreiber QS („Qualität und Sicherheit“)  legte im Mai 2012 einheitliche Rahmenbedingungen fest für die Identifizierung von Schlachtkörpern mit Geruchsabweichungen mittels menschlicher Nase. Mit Hilfe von standardisierten Methoden und gesondert dafür geschulten „Riechern“ sollen künftig geruchsauffällige Schlachtkörper nach einheitlichen Kriterien aussortiert und gegebenenfalls anderen Verarbeitungen als der Frischfleischverwertung zugeführt werden. Die Einhaltung der neuen QS-Bestimmungen wird bei allen QS-Audits ab 1. Juli 2012 überprüft. Die Entwicklung der elektronischen Nase zur automatischen Erkennung geruchsauffälliger Schlachtkörper konnte dagegen aufgrund einiger technischer Hürden noch nicht abgeschlossen werden, befindet sich aber auf einem guten Weg. Sie wird von allen großen Schlachtbetrieben gemeinsam finanziert.

Für sehr gute Nachrichten sorgten ebenfalls die Zuchtunternehmen: Nach mehrjähriger Forschungsarbeit haben die Genetiker inzwischen hunderte „geruchsarme“ Zuchteber auf den Markt gebracht, deren Leistung anderen Eberlinien in nichts nachsteht.

Positive Erfahrungen und Lösungsansätze auch für Bioschweinehalter präsentierte jüngst Sebastian Fuchs aus der Qualitätsentwicklung des Naturkostverbands Demeter im PROVIEH Magazin 1/2012.

Ausblick

Der vorliegende Vorschlag von Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner zur Novellierung des Tierschutzgesetzes sieht ein Verbot der chirurgischen Kastration ohne Betäubung in Deutschland schon ab 1. Januar 2017 vor.

Immer mehr Lebensmittelhersteller erproben Fleisch- und Wurstwaren mit Eberfleisch. Blindverkostungen bringen gute Noten (siehe Bericht in diesem Heft) und die Stimmung unter den Bauern ist gut: Seit Schlachtunternehmer Tönnies Anfang 2012 eine neue Preisgestaltung für Jungeber ab Juli 2012 ankündigte, reißen die Neuanmeldungen nicht ab. Die nun verkündete Abnahmegarantie ohne Preisabschläge für geruchsauffällige Tiere wird die Umstellungswelle noch beflügeln.

Die Abschaffung der Ferkelkastration rückt damit in immer greifbarere Nähe. PROVIEH sieht sich damit in seiner Strategie bestätigt, durch konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Tierschützern, Privatwirtschaft und Tierhaltern ein Mehr an Tierschutz auch in der konventionellen Landwirtschaft zu erzielen. Diesen Weg beschreitet PROVIEH auch bei weiteren Projekten mit wachsendem Erfolg. Ein herzliches Dankeschön an alle, die uns bei dieser Arbeit unterstützen und begleiten – so macht der Tierschutz Freude!

 

Sabine Ohm