Eine Schweinefibel, die nicht nur von glücklichen Schweinen erzählt

Dass es im Tierschutz nicht nur darum geht, erwachsene Menschen auf Missstände aufmerksam zu machen, ist längst bekannt. Immer mehr spielen Kinder eine Rolle – sind sie es doch, die sich früher oder später der Aufgabe gegenübergestellt sehen, den Tierschutz aufrecht zu erhalten oder die Probleme zu lösen, die sich aus dem verantwortungslosem Umgang mit Nutztieren ergeben.

Aus diesem Grund hat die Hessische Landestierschutzbeauftragte, Dr. Madeleine Martin, das Konzept der Tierschutzfibel ins Leben gerufen. Seit Ende Mai 2012 ist die neue Informationsbroschüre erhältlich. Sie setzt sich allerdings (anders als die erste) nicht mit den beliebtesten Haustierarten auseinander, sondern rückt das Schwein in den Fokus. „Schweine sind nicht nur mit unsere ältesten Nutztiere, sondern gehören auch zu den intelligentesten Tieren überhaupt. Deshalb ist es spannend, mehr über sie zu erfahren“, so ihre Begründung.

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Vorwiegend für Kinder gedacht, informiert die Schweinefibel über ein Tier, dessen Bild in der Gesellschaft nur bedingt der Realität entspricht. Die Fibel zeigt Vorurteile auf und regt dazu an, sich intensiver mit dem Schwein als Lebewesen auseinanderzusetzen. Eine Aufforderung, die sich auch an die Eltern richtet. Denn die Umfrageergebnisse von GEOlino (siehe PROVIEH Heft 1/2011) haben gezeigt, dass Kinder bereits im Grundschulalter bereit sind, sich mit dem Stellenwert von Fleisch und dem Umgang damit zu beschäftigten. Diesen Kindern ist bewusst, dass man nicht gleich Vegetarier werden muss, um Nutztieren ein einigermaßen artgerechtes Leben zu ermöglichen.

Mit zahlreichen Bildern aus einer exemplarischen Freiland-Schweinehaltung versucht die Fibel, für die Problematik der Schweinehaltung zu sensibilisieren. Glückliche Schweine im Schlamm oder beim gemeinschaftlichen Wühlen im Stroh sollen zeigen, wie wichtig es für diese Tiere ist, ihren arttypischen Trieben nachkommen zu können. Das Schwein wird als intelligentes, neugieriges und sehr soziales Tier präsentiert.

Bereits auf der Titelseite erkennt man, dass Muttersauen ein ausgeprägtes Interesse an ihrem Nachwuchs haben, diesen liebevoll umsorgen und beschützen. Von der Möglichkeit ihren angeborenen Instinkten in vollem Umfang nachzukommen sind Sauen, die in Abferkelbuchten eingepfercht sind, weit entfernt. Dies wirkt sich negativ auf deren Verhalten aus, welches oftmals von Apathie und Resignation geprägt ist.

Die Fotos verdeutlichen außerdem, dass das Kupieren der Ringelschwänze überflüssig ist, wenn neben der permanenten Möglichkeit der Futtersuche auch eine ständige Beschäftigung in Form von Körper- und Kontaktpflege möglich ist – ein Umstand, auf den PROVIEH seit langer Zeit immer wieder hinweist.

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Kastrierte Ferkel sucht man auf den Bildern vergeblich. Nicht nur der ausgewachsene Eber, der ein Sonnenbad nimmt, ist eindeutig als solcher zu identifizieren. Auch bei den Jungtieren ist alles dran, was einen echten »Saukerl« ausmacht.

Die wenigen Bilder der letzten Seite bieten einen Einblick in eine Intensivschweinehaltung – und könnten keinen extremeren Kontrast darstellen.

Mit Hinweisen, auf welche Kennzeichnungen man beim Einkauf von Schweinefleischerzeugnissen achten sollte, und dem Verweis, dass jede Wurst und jedes Schnitzel einmal Teil eines lebendigen Tieres mit Empfindungen war, endet der Text der Schweinefibel. Es folgen abschließend einige Links zu Internetseiten, die weitere Informationen rund um biologisch erzeugte Produkte bereitstellen, aber auch über Schweine und Tierschutz (darunter PROVIEH) an sich.

Die Hessische Landestierschutzbeauftragte hofft nun auf ein ebenso reges Interesse in Schulen und Kindergärten wie bei der ersten Fibel. Sie plant außerdem ab Herbst 2012 ein Projekt, bei dem sie Kindergartenkindern, Eltern und Betreuern die Bedürfnisse von Schweinen und anderen Tieren näherbringen will. Die Schweinefibel kann dabei sicher einen wichtigen Beitrag leisten.

Auch PROVIEH wird diese Fibel in der so wichtigen Tierschutzaufklärung von Kindern und Jugendlichen einsetzen, zum Beispiel bei den seit 2011 regelmäßig veranstalteten Tierschutztrainerseminaren (mehr Informationen dazu unter www.provieh/tierschutztraining).

 

Ulrike Behre


Die Schweinefibel ist kostenlos erhältlich als Download-Datei auf www.tierschutz.hessen.de (Rubrik: „Infomaterial“) oder auf Anfrage unter tierschutz@hmuelv.hessen.de.