Gefährdet Vogelgrippe die Vernunft?

07.06.2012: Schnupfen ist lästig, aber harmlos. Kein Mensch käme auf die Idee, wegen einer leichten Erkältung gleich in Panik zu verfallen. Für Hühner, Puten und Enten aber kann schon ein einfacher Schnupfen das amtliche Vernichtungsurteil durch „Keulen“ bedeuten. Das ist brutale Unvernunft, findet PROVIEH. Doch sie hat eine starke Lobby.

Die „Vogelgrippe“, in ihrer gefährlichen Variante als „Geflügelpest“ bezeichnet, sorgt in regelmäßigen Wellen für hysterische Ausbrüche in Politik und deren lobbyistischem Umfeld. Dann werden gegen Vernunft und wider besseres Wissen Tausende von Nutzvögeln qualvoll vernichtet, nur weil ein harmloses („niedrig pathogenes“) Vogelgrippevirus des Subtypus H5 oder H7 im Bestand nachgewiesen wurde. Allein zu diesen beiden Subtypen gehören auch die Geflügelpest-Viren.

In Sachen „Unvernunft und Vogelgrippe“ schießt das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) den Vogel ab. Als selbständiges Bundesforschungsinstitut soll es die Bundesrepublik Deutschland beim Ergreifen von Maßnahmen gegen Tierseuchen beraten. Doch statt diese Aufgabe verantwortungsvoll und wissenschaftlich korrekt wahrzunehmen, verteidigte das FLI am 22. April 2012 in der Zeitschrift „Amtstierärztlicher Dienst“ die Tötung vollständiger Geflügelbestände, in denen harmlose H5- oder H7-Vogelgrippeviren nachgewiesen wurden. Andernfalls, so das angeführte Argument, könnten die harmlosen Viren zu gefährlichen Geflügelpestviren der Subtypen H5 beziehungsweise H7 mutieren. Diese Gefahr korreliere positiv mit der Vermehrungsaktivität der Viren im Geflügel und könne durch die Vernichtung betroffener Geflügelbestände beseitigt werden. „Dennoch ist die ethisch-tierschutzrechtlich motivierte Forderung nach einer differenzierten Rechtsgüterabwägung in Hinblick auf den ‚vernünftigen Grund’ für die Tötung solcher klinisch oft gesunden Bestände absolut berechtigt.“ [i]

Wenn diese Forderung „berechtigt“ ist, kann vom FLI eine kompetente Stellungnahme erwartet werden. Sie unterbleibt. Wohlweislich, denn mit ihr müsste das FLI eingestehen, als Lobbyist der Geflügelindustrie gehandelt und die Bundesregierung jahrelang mit nachweislich falschen Hypothesen beraten zu haben. Entgegen den irrigen Behauptungen des FLI wird die Entstehung und Verbreitung gefährlicher Geflügelpestviren nicht durch Wildvögel oder Freilandgeflügel besorgt. Dafür sind vielmehr die Geflügelindustriellen verantwortlich mit ihrer Geflügelmassenhaltung und den Transporten von Geflügel und Geflügelprodukten (einschließlich Geflügelgülle) über nah und fern.

Wir alle wissen: Grippevirus ist nicht gleich Grippevirus. Etwa jeder vierte Schnupfen beim Menschen geht auf „niedrig pathogene“ Grippeviren zurück. „Hoch pathogene“ Grippeviren ziehen oft bakterielle Entzündungen der Atemwege nach sich und haben mitunter gefährliche Folgen für die Erkrankten. Wer immunstark ist, wird mit solchen Krankheitserregern gut fertig, auch ohne Impfung. Vorerkrankte und sehr junge oder sehr alte Individuen, die noch oder schon immunschwach sind, können einer schweren Grippe schon eher zum Opfer fallen. Das gilt gleichermaßen für Mensch und Tier.

Die Mutation eines harmlosen Vogelgrippe-Virus zu einem gefährlichen Geflügelpest-Virus ist ein extrem seltenes Ereignis. Es tritt umso wahrscheinlicher ein, je häufiger das Virus seinen Entwicklungszyklus erfolgreich durchlaufen kann. Das sieht das FLI richtig. In einem gesunden Bestand läuft sich eine Grippewelle schnell tot, weil die Viren der Immunabwehr zum Opfer fallen und nicht zu gefährlichen Erregern mutieren können. Oft wird die Erkrankung nicht einmal erkannt und kann dann nur durch Antikörper-Untersuchungen im Labor nachgewiesen werden.

Ganz anders ist die Lage in der industriellen Massenhaltung von Geflügel. Dort stehen die Tiere wegen der artwidrigen Bedingungen ständig unter Stress, der das Immunsystem schwächt. H5- oder H7-Grippeviren können sich dann massenhaft vermehren und sich schnell im Bestand ausbreiten. Die Gefahr, dass dann einige wenige der Viren zu Killerviren mutieren, ist vieltausendfach größer als in der bäuerlichen Freilandhaltung.

Das bedeutet: Wer die Geflügelmassenhaltung haben will, muss seine Bestände regelmäßig auf die Anwesenheit von H5- oder H7-Vogelgrippeviren untersuchen lassen. Für die Freilandhaltung von Geflügel besteht diese Notwendigkeit nicht.

Die vom FLI empfohlene Praxis sieht genau umgekehrt aus. Die industrielle Geflügelmassenhaltung wird von der Pflicht der regelmäßigen Untersuchungen befreit, während die Freilandhaltung von Geflügel dieser Pflicht unterworfen wird. Denn Wildvögel beziehungsweise Federwild, in der „Verordnung zum Schutz gegen Geflügelpest“ 64mal genannt, wurden zu Risikofaktoren erklärt, die die Geflügelpest-Viren verbreiten würden. Ställe seien vor Wildvögeln geschützt. Deshalb sei die Stallhaltung – Standard in der Geflügelindustrie – biosicher, die Freilandhaltung aber nicht, weil sie nicht gegen Wildvögel geschützt sei. Genau diese Sicht wollen die Lobbyisten der Geflügelindustrie. Aber genau deshalb können Killerviren in der Massengeflügelhaltung auch ungestört entstehen und vor ihrer Erkennung aus ihren Brutstätten über die weltweiten Handelsströme von Geflügel, Geflügelprodukten und Geflügelkot verbreitet werden. Von dieser Gefahr steht in der „Verordnung zum Schutz gegen die Geflügelpest“ nichts, gar nichts. Nach dieser Verordnung müssen erst mindestens zwei Prozent eines großen Geflügelbestandes innerhalb von 24 Stunden gestorben sein, bevor nur der Verdacht auf Geflügelpest angezeigt werden muss. Wird der Verdacht bestätigt, dann kommen die angeordneten Maßnahmen viel zu spät.

Doch warum gelten Wildvögel als ein großes und die industrielle Massenhaltung nur als ein vernachlässigbares Risiko? Vielfach belegt ist, dass Geflügelpestviren aus der industriellen Geflügelmassentierhaltung in die Natur gelangten und dort Wildvögel an Geflügelpest erkranken ließen. Für den umgekehrten Vorgang gibt es keinen Beleg, denn wenn Wildvögel an Geflügelpest leiden, sterben sie viel zu schnell, als dass sie zur Verbreitung des Erregers beitragen könnten (für detaillierte Argumente siehe https://provieh.de/downloads_provieh/voelorenzeninternet.pdf). Dennoch wird das FLI nicht müde, Angst vor freilebenden Vögeln zu schüren. Die Geflügelindustrie will es so, aus geschäftlichem Interesse.

Das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund wird in Deutschland mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet. Das sagt jedenfalls das Tierschutzgesetz. Ein Tier zu töten, um sein Fleisch zu verkaufen, gilt als vernünftig und ist damit erlaubt. Werden gesunde Tierbestände vernichtet, um die weitere Ausbreitung einer gefährlichen Tierseuche zu unterbinden, dann könnte die Vernichtung unter bestimmten Bedingungen auch als vernünftig erscheinen. Doch wenn ein Geflügelbestand von einem harmlosen H5- oder H7 Vogelgrippe-Virus infiziert ist und dennoch vernichtet wird, dann fehlt dafür jeder „vernünftige“ Grund, und dafür droht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

So also lautet die Stellungnahme, die PROVIEH anstelle des FLI gibt zur „ethisch-tierschutzrechtlich motivierten Forderung nach einer differenzierten Rechtsgüterabwägung“ im Fall, dass „klinisch oft gesunde Bestände“ vernichtet werden wegen des Nachweises harmloser H5- oder H7-Vogelgrippen.

PROVIEH fordert: Wer die Gefahr der Entstehung von gefährlichen Geflügelpest-Killerviren nachhaltig bannen will, muss für artgemäße und tierschonende Verhältnisse in der Geflügelhaltung sorgen und nicht dem schlechten Rat des FLI und dem Druck der Geflügelindustrie nachgeben.

Sievert Lorenzen


[i] „Ärgernis oder gefährliche Vorstufe der Geflügelpest?“ im ATD 1/2012 - Niedrigpathogene aviäre Influenza der Subtypen H5 und H7 in Geflügelbeständen, http://bit.ly/KS6QxG).