Anreiz- und Bonitierungssystem für mehr Tierwohl

22.10.2012: PROVIEH hat mit einer Arbeitsgruppe einen Vorschlag für ein Anreiz- und Bonitierungssystem für mehr Tierwohl ausgearbeitet, das nun mit einem breiteren Kreis von Wirtschaftsvertretern diskutiert werden soll.

Ausgangspunkt war die Fragestellung, wie man Tierschutz und Tierwohl in der Nutztierhaltung auf breiter Ebene verbessern könnte. Unter Tierschutz versteht man in Fachkreisen die Bewahrung der Tiere vor Krankheit, Leid und Verletzungen, während Tierwohl neben Tierschutz auch das Wohlbefinden der Tiere umfasst. Das Tierwohl häng ab von den wesentlichen Haltungsbedingungen wie Fütterung, Tränke, Stallklima und –hygiene und den gebotenen Möglichkeiten, arttypische Verhaltensweisen auszuleben. Wichtig ist auch ein gutes Mensch-Tier-Verhältnis.

Im März 2011 kam PROVIEH zum ersten Mal mit ausgewählten Partnern zusammen, mit denen wir schon vorher für mehr Tierwohl konstruktiv zusammengearbeitet hatten. Diese drei Partner sind die Firma Tönnies, die Erzeugerorganisation Böseler Goldschmaus und Thönes Natur, ein kleineres Unternehmen, das sich schon seit langem der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Gemeinsam begannen wir, systematisch die Bedingungen für mehr Tierschutz und Tierwohl entlang des gesamten Tierlebens von der Geburt bis zur Schlachtung auszuloten.

Wir setzten als Ziel, dass die Erfüllung der Bedingungen praktikabel, kontrollierbar und kommunizierbar sein und möglichst vielen Nutztieren zu Gute kommen soll. Wir einigten uns darauf, mit den Schweinen zu beginnen. Diese Tiere sind besonders intelligent und leiden daher am meisten unter Haltungsbedingungen, die ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden. Deutschland hält in der EU die meisten Schweine. Ca. 1,6 Millionen Sauen werfen jährlich etwa  40 Millionen Ferkel, die gemeinsam mit weiteren zehn Millionen aus Dänemark und den Niederlanden importierten Ferkeln in Deutschland aufgezogen und bis zur Schlachtreife gemästet werden.

Im Laufe unserer Arbeit wurde uns schnell klar, dass es für die Mehrheit der Schweine kein Mehr an Tierwohl bringen würde, wenn wir ein neues Label schaffen, mit dem sich wieder nur einzelne Marktteilnehmer schmücken könnten. Es gibt schon unübersichtlich viele Markenprogramme, Tierschutz- und Bio-Label, doch sie alle führen nur ein Nischendasein (< 1 Prozent beim Schweinefleisch). Sie konnten die Lebensbedingungen für die große Mehrzahl der Nutztiere nicht verbessern. Aus dieser Erkenntnis leiteten wir das Ziel ab, dass wir mit unserem System mehr Tierwohl für möglichst viele Nutztiere anstreben wollen, besonders für solche in der konventionellen Haltung. Deshalb brauchen wir eine möglichst branchenweite Lösung, an der alle Marktteilnehmer teilhaben können.

Es ist klar, dass viele Tierhalter wegen der seit Jahren sehr niedrigen Erzeugerpreise kaum Spielraum haben, von sich aus die Lebensbedingungen für ihre Tiere weiter zu verbessern. Andererseits gibt es auch Betriebe, auf denen bereits höhere Tierwohlbedingungen herrschen, die aber in keines der existierenden Programme passen und daher nur die Vergütung für konventionell erzeugte Tiere erhalten. Sie sollen endlich für ihre höheren Kosten und Leistungen belohnt werden.

Deshalb haben wir ein Anreiz- und Bonitierungssystem für eine Vergrößerung dieses Spielraums entwickelt. Sinn dieses Systems ist es, dass die Anstrengungen von Tierhaltern für mehr Tierwohl zuverlässig und finanziell angemessen vergütet werden.

 

Was macht das Anreiz- und Bonitierungssystem für Schweine aus?

In den Mittelpunkt stellten wir die Frage "Was braucht das Schwein?". Anhand der Kenntnisse und Praxiserfahrungen der Fachleute unseres Initiativkreises listeten wir alle Bedürfnisse von Sauen, Ferkeln, Läufern und Mastschweinen auf, die als Bewertungskriterien in Frage kommen. Diese glichen wir mit den besten existierenden Systemen, Studien und wissenschaftlichen Veröffentlichungen ab. Die Kriterien fassten wir in verschiedenen Kategorien zusammen und erstellten Checklisten für die verschiedenen Lebensabschnitte der Schweine und Sauen sowie einen separaten Bewertungsbogen für Transport und Schlachtung. Von erfahrenen Experten und Auditoren wurden die Checklisten sodann auf ihre Praktikabilität überprüft. Die Überprüfung der Kriterien auf dem Betrieb muss schließlich in einer angemessenen Zeit und mit vernünftigem Aufwand durchführbar sein. Dabei ist es auch wichtig, die Kriterien so zu formulieren, dass verschiedene Auditoren zur gleichen Beurteilung gelangen, damit keine Ungerechtigkeiten entstehen.

Ausgehend von der Lage in Deutschland, wo weit über 90 Prozent der Schweine auf Vollspaltenböden gehalten werden, entwarfen wir ein dreistufiges System, um den Einstieg für konventionelle Tierhalter nicht zu realitätsfern zu gestalten. Denn bei zu hohen Investitionsanforderungen schon für die erste Stufe käme keine Branchenlösung, sondern höchstwahrscheinlich ein weiteres Nischenprodukt heraus.

Für alle drei Stufen ist die Einhaltung bestehender gesetzlicher Bestimmungen selbstverständlich. Bonuspunkte werden vergeben, wenn für Tierwohl mehr als nur das vom Gesetz Vorgeschriebene geleistet wird. Für das Erreichen einer jeden Stufe müssen Mindestanforderungen erfüllt sein. Werden innerhalb einer erreichten Stufe Zusatzleistungen erbracht, werden sie mit zusätzlichen Bonuspunkten honoriert. Das schafft für Tierhalter den Anreiz, betriebsindividuelle Maßnahmen umzusetzen und dadurch Tierwohl-Punkte zu "verdienen".

Viele Landwirte haben sich inzwischen auf Mast oder Ferkelerzeugung spezialisiert, so dass die Schweine nicht ihr gesamtes Leben auf einem einzelnen Betrieb zubringen, sondern die Ferkel im ersten Betrieb bis zur Mastreife und im zweiten Betrieb bis zur Schlachtreife gehalten werden. Wir sehen vor, dass Ferkel- und Mastbetrieb in diesem System höchstens eine Stufe voneinander entfernt sein dürfen und in ihrer jeweiligen Stufe mehr als nur das "absolute Minimalprogramm" (Mindestanforderungen plus Mindestpunktzahl für die Stufe) erfüllen müssen.

 

Ein glaubwürdiges Anreiz- und Bonitierungssystem als Benchmarking-System

Die Anreize für die Tierhalter sind finanzieller Art, denn je höher die erreichte Tierwohl-Stufe, desto höher der Bonus, der ausbezahlt wird. Ein Mehr an Tierwohl ist nur von den Tierhaltern zu erreichen, denn sie arbeiten täglich auf ihren Betrieben und tragen Sorge für ihre Tiere und deren Wohlergehen. Für die Einführung und Umsetzung wird ihnen Beratung angeboten und ein Leitfaden über die Möglichkeiten für die Bonitierung verschiedener Tierwohl-Maßnahmen an die Hand gegeben.

Aber nicht nur die Tierhalter, sondern auch die anderen Partner entlang der Erzeugungs- und Wertschöpfungskette müssen an Bord geholt werden, damit das Anreiz- und Bonitierungssystem wirksam umgesetzt werden kann und das Tierwohl während der gesamten Lebensdauer sichergestellt wird. Auch Transporteure und Schlachtunternehmen müssen dafür Sorge tragen. Insbesondere dem Lebensmitteleinzelhandel kommt eine bedeutende Rolle zu, da er letztlich bei der Vermarktung der Waren den Mehrpreis erzielen und an die Tierhalter weitergeben muss.

Als erstes neues Mitglied stieß Anfang 2012 die REWE Group als Vertreter des Handels zu unserer Arbeitsgruppe. So testeten wir die mögliche Akzeptanz unseres Systems beim Lebensmitteleinzelhandel, dem diese zentrale Rolle bei der Umsetzung unseres Systems zukommen würde. Wir machten dabei von Anfang an klar, dass den Tierhaltern im System die Mehrkosten, der zusätzliche Arbeitsaufwand und die höheren Managementleistungen für das Tierwohl zuverlässig und angemessen dauerhaft vergütet werden müssen. Auf der anderen Seite muss der Kunde sicher sein können, durch die höheren Preise auch wirklich zu mehr Tierwohl beizutragen.

Für diese Gewissheit bedarf es eines zuverlässigen und glaubwürdigen Kontrollsystems. Hierfür sind unangemeldete Audits mit doppelter Absicherung vorgesehen. Die Audits sollen von erfahrenen Auditoren durchgeführt werden, die eine Zusatzausbildung zu Tierwohlauditoren absolvieren müssen und einen Leitfaden erhalten. Sie sollen anhand der Tierwohl-Checklisten die Betriebe (Tierhalter, Transporteure und Schlachthöfe) kontrollieren, beispielsweise als Zusatzmodul zu einem regulären QS-Audit. Betriebe sollen nicht mehrfach hintereinander vom selben Auditor auditiert und nicht genau einmal im Jahr, sondern alle 9 bis 15 Monate kontrolliert werden, also zu verschiedenen Jahreszeiten. Zur doppelten Absicherung der Audits ist vorgesehen, dass erfahrene Auditoren die Audits stichprobenhaft nachkontrollieren. Außerdem soll PROVIEH ein permanentes Spot-Audit-Recht bekommen. Durch das doppelt abgesicherte Prüfverfahren soll eine hohe Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit hergestellt werden. Außerdem soll durch frühe Erkennung von Problemfällen – unter anderem durch die Rückmeldung erweiterter Schlachthofbefunde an die Tierhalter – den Betrieben eine zeitnahe Beratung ermöglicht werden mit dem Ziel, Tierleid und Wertverlust effektiv zu vermeiden.

Bestehende und künftige Label können parallel zum Anreiz- und Bonitierungssystem bestehen, ähnlich wie beim EU-Biosiegel, neben dem aktuell viele nationale Biosiegel mit speziellen Anforderungen weiterlaufen.

 

Praktische Umsetzung des Anreiz- und Bonitierungssystem

Ein Anreiz- und Bonitierungssystem kann nur mit Hilfe starker Partner umgesetzt werden, die die Logistik der Bonitierung, die Verwaltung und Auswertung der Daten und die Errechnung der Bonusvergütung für die Teilnehmer der Wertschöpfungskette leisten können. Aus diesem Grunde begrüßt der Initiativkreis, dass die REWE dieses Konzept in unserem Namen beim deutschen Lebensmittel-Zertifizierer QS (Qualität und Sicherheit GmbH) vorstellen konnte. Dort sitzen wichtige Vertreter großer Verbände und Unternehmen aus allen Bereichen der „Wertschöpfungskette Schwein“, also Erzeuger, Schlacht- und fleischverarbeitende Industrie sowie Handel und gegebenenfalls weitere sich mit den Belangen des Tierschutzes befassende Nichtregierungsorganisationen beteiligen können. Dankenswerter Weise bot sich die QS an, die anstehenden weiterführenden Gespräche zwischen uns und den Vertretern der Wertschöpfungskette zu moderieren. Wegen der hohen Durchdringung von QS im Schweinefleischbereich und seiner bestehenden Strukturen wäre QS auch als Systempartner geeignet, insbesondere für administrative Aufgaben wie die Datenverwaltung und die Organisation von Audits. Aber der Dialog könnte auch von ganz neutraler Seite (zum Beispiel einem unabhängigen Unternehmensberater) moderiert werden.

Wichtige Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels signalisierten schon ihre Bereitschaft, die dem Handel zugedachte Verantwortung zu übernehmen und den Tierhaltern entsprechend ihrer erreichten Tierwohl-Stufe einen Tierwohl-Bonus als Aufschlag zum marktüblichen Preis zu vergüten. Die Details der Finanzierung sowie die endgültige Formulierung des Kriterienkatalogs und Fragen der Verwaltung des Systems sollen in den kommenden Monaten im erweiterten Kreis diskutiert und abgestimmt werden.

Das heißt, eine Garantie dafür, dass sich PROVIEH und seine oben genannten Initiativkreispartner mit ihrem System auf ganzer Linie durchsetzen können, gibt es nicht. Es muss ein für alle tragbarer Konsens gefunden werden. Schon jetzt muss aber als großer Schritt gewürdigt werden, dass erstmalig wichtige Wirtschafts- und Verbandsvertreter an einer branchenweiten Lösung für mehr Tierwohl arbeiten wollen, und zwar losgelöst von Einzelinteressen und Marketingzwecken. Und was für ein Logo hinterher auf der Ware kleben soll, das für mehr Tierwohl steht, ist noch offen. Wichtig ist allein, dass die Tierhalter von Handel und Verbrauchern endlich die nötigen Mittel für mehr Tierwohl in ihren Ställen bekommen.

PROVIEH wird sich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass dieses Projekt zum Erfolg geführt wird. Wir hoffen, dass wir noch im Jubiläumsjahr 2013, wenn PROVIEH 40 Jahre alt wird, einen guten Grund mehr zum Feiern haben werden.

 

Sabine Ohm