Chronischer Botulismus beim Milchvieh – das Karussell der Agrar-Katastrophen dreht sich immer schneller

21.07.2011: Wie nicht anders zu erwarten, kommen die Agrarkatastrophen in immer kürzeren Abständen. Nach Geflügelpest, Schweine-grippe, Dioxin und EHEC ist jetzt der chronische (viszerale) Botulismus von Milchkühen dran, der schleichend beginnt und tödlich endet.

Die Krankheit ist noch jung, sie wurde erstmals vor zehn Jahren beschrieben. In den letzten wenigen Jahren nahm die Krankheit zu und wurde am 19. und 20. Juli 2011 vom Schleswig-Holstein-Magazin (einem Fernsehprogramm) einem breiten Publikum vorgestellt: Die gezeigten Kühe litten unter heftigen Bewegungsstörungen und Abmagerung, sie waren vom nahenden Tod schwer gezeichnet. Auch Menschen, die mit Milchvieh zu tun haben, leiden mittlerweile schon unter ähnlichen Symptomen. Ein Erkrankter berichtet in der Sendung von seinem Leiden.

Was viele Menschen beunruhigt ist die Frage, ob chronischer Botulismus durch die vielen „Biogas“-Anlagen zu einem wachsenden Problem werden konnte. Nach den vorliegenden Indizien kann die Frage nur mit „ja“ beantwortet werden. Die „Biogas“-Anlagen haben das Gütezeichen „Bio“ überhaupt nicht verdient, sie sind die Ausgeburt einer besonders intensiven und geradezu zerstörerischen Form der Agrarwirtschaft. In den Anlagen, genauer als Agrargas-Anlagen bezeichnet, wird vor allem ein Gemisch aus Maissilage und Gülle unter Sauerstoffausschluss vergoren. Dabei wird das gewünschte Methan produziert. Doch in der Silage und in der Gülle befinden sich gelegentlich auch Kadaver oder Teile von ihnen, und so erhält das anaerobe Bakterium Clostridium botulinum (lateinisch botulus = die Wurst) ideale Bedingungen für seine Vermehrung in der Agrargas-Anlage. C. botulum  erzeugt ein extrem starkes Nervengift, das zu Lähmungen und schließlich zum Tode führen kann, wie dies schon geschehen ist bei Menschen, die verdorbene Wurst verzehrt hatten, und bei Kühen, die Maissilage gefressen hatten, in der sich der verfaulte Kadaver einer Katze befunden hatte.

Die Gärreste einer Agrargas-Anlage sind suppenartig dünn. Werden sie für eine Stunde auf 70 Grad Celsius erhitzt, sterben dadurch die meisten Bakterien, nicht aber die vielen Sporen von C. botulum. Wird die Flüssigkeit anschließend wie Gülle auf Mähgraswiesen ausgebracht, befinden sich die Sporen hinterher auch im Erntegut und werden dann gefressen. Das ist der eine Weg von C. botulum in die Kuh. Nach bisherigen Kenntnissen kann sich das Bakterium im hinteren Darmabschnitt ansiedeln und so den chronischen Botulismus erzeugen, bei dem die Bakterien das schwere Nervengift dauerhaft ausscheiden; durch die Darmwand gelangt es in den Körper und vergiftet ihn. Durch Kotabgabe kann das Bakterium in die Umwelt einer Kuh gelangen und dann weitere Kühe infizieren. Das ist der zweite Infektionsweg.

In ihrer „Göttinger Erklärung“ im März 2010 äußerten Tierärzte große Besorgnis über die Zunahme von chronischem Botulismus bei Milchrindern der Intensivhaltung (deren Bakterienflora in Pansen und Darm durch das viele Kraftfutter geschwächt ist). Die Tierärzte forderten Forschungsprojekte zur Untersuchung und Lösung des Problems, aber es geschah bisher nur wenig. Politiker verschweigen das Problem lieber oder verharmlosen es, wie in der Sendung des Schleswig-Holstein-Magazins geschehen.

Aus Sicht von PROVIEH kann es nur einen Ausweg aus der  Krise geben: Die hochintensive Agrarwirtschaft muss endlich weniger intensiv werden, sich also an die bäuerliche Landwirtschaft anpassen.

Sievert Lorenzen


Filmbeitrag zu Botulismus:

vom 11.10.2010 (SWR):

www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=6852548/17zgk1k/index.html