Kein besseres Leben für deutsche Schweine durch Zollstock-Tierschutz zu erwarten

12.11.2012: Vor fast drei  Jahren wurde auf dem holländischen Markt das Siegel "Beter Leven" (zu Deutsch: "Besseres Leben") aus der Taufe gehoben. Nun soll es auch in Deutschland etabliert werden – aber bringt uns das wirklich mehr Tierwohl?

Ab Januar 2010 wurde die Eingangsstufe (ein Stern) des "Beter Leven"-Systems als Vion-Siegel "Good Farming Star" ganz groß in den Niederlanden als Meilenstein in der Verbesserung der Tierhaltung angekündigt. Die holländischen Marktführer in Schlachtung  und Lebensmitteleinzelhandel, Vion und Albert Hijn, traten an die Presse und rührten mächtig die Werbetrommel, obwohl Albert Hijn erst eineinhalb Jahre später mit der Vermarktung beginnen wollte (im Sommer 2011) - also noch vor der Umstellung der schweinehaltenden Betriebe auf dieses neue Siegel.

Tierwohlkriterien bei Beter Leven völlig unzulänglich definiert

Die niederländische Tierschutzorganisation Dierenbescherming hat drei Stufen für das Beter Leven-System vorgesehen: Eine Einstiegsstufe (ein Stern), eine "Mittelklasse" (zwei Sterne), deren Kriterien für Schweine allerdings immer noch nicht veröffentlicht wurden und daher nicht abschließend beurteilt werden können (vgl. dazu http://beterleven.dierenbescherming.nl/criteria-voor-veehouders, Kategorie "varkens"), und drei Sterne, die der niederländischen Biozertifizierung entsprechen.

Wenn man die "Beter Leven"-Kriterien genauer betrachtet, stellt man schnell zwei Dinge fest: Zum einen werden nur Verbesserungen in der Mast zertifiziert, nicht aber in der Sauenhaltung und Ferkelaufzucht, die einen ebenso hohen Nachholbedarf in Sachen Tierwohl haben wie die Mast. Sie aber richten sich an den gesetzlichen Mindestanforderungen aus.

Zum anderen orientiert sich die Einstiegsstufe (ein Stern bei „Beter Leven“) im Wesentlichen an den niederländischen Haltungsvorschriften, die teilweise von denen in der EU abweichen. Beispielsweise wird pro Mastschwein, das mindestens 86 kg wiegt, ab Januar 2013 ein Quadratmeter Platz (Deutschland: 0,75 m²) gesetzlicher Mindeststandard gefordert. Die Anforderungen bezüglich des bereits seit 2001 EU-weit vorgeschriebenen Beschäftigungsmaterials sind dagegen alles andere als ideal.  Tierbezogene Kriterien, die das tatsächliche Wohlbefinden der Tiere messen, fehlen ganz.

Kein Wunder also, dass die anscheinend jetzt auch für Deutschland zur Debatte stehende "Einstiegsstufe" (ein Stern) von „Beter Leven“ nur schlechte Noten von der niederländischen Stiftung Het SuperWijzer bekommt. Die Stiftung wurde von Greenpeace und der Tierschutzorgansation Varkens in Nood gegründet. Sie prüft alle auf dem holländischen Markt genutzten Labels gemäß Tierwohl- und anderer Nachhaltigkeitskriterien und gibt der Einstiegsstufe von Beter Leven durchgehend rote Ampeln.

Das Haltungssystem allein garantiert noch kein Tierwohl

Die niederländischen gesetzlichen Anforderungen – und damit die für Beter Leven geltenden Kriterien – unterscheiden sich vor allem in einem ganz wesentlichen Punkt von der deutschen Gesetzgebung: Seit 2002 müssen die holländischen Schweine auch in konventionellen Betrieben in Buchten mit zum Teil planbefestigten Flächen (ohne Spalten) gehalten werden. Aus diesem Grunde können die meisten deutschen Bauern nicht am System teilnehmen, weil über 90 Prozent von ihnen die Tiere auf Vollspaltenböden halten. Ein Umbau oder die Nachrüstung auf Teilspalten gelingt  nicht einfach durch das Einlegen von Gummimatten, wie die Erfahrungen aus Holland der letzten zehn Jahre belegen. Damit sich die Schweine wohlfühlen können, müssen konsequenterweise auch das gesamte Stallklimasystem und das Management an das neue Stallsystem angepasst werden.

Beter Leven beschert den Tieren nicht wirklich ein besseres Leben

Dass es den holländischen Schweinen nur wegen etwas mehr Platz und wegen Haltung auf Teilspaltenböden nicht unbedingt besser geht, lässt sich täglich an zwei Dingen auf vielen deutschen Schlachthöfen beobachten, auf denen Schweine aus Holland geschlachtet werden:

1. Die holländischen Tiere sind meist stark verkotet. Das kann entweder an einer Unter- oder Überbelegung der Buchten liegen oder an einer Stallklimaführung, die nur unzureichend an das Stallsystem mit Teilspalten angepasst ist. Schweine reagieren sehr empfindlich auf Zugluft, zu hohe und zu niedrige Temperaturen. Bei Stallklimaproblemen verkoten die Schweine ihren planbefestigten Liegebereich, oder sie legen sich zur Abkühlung auf die verkoteten Spalten. Dabei sind Schweine entgegen ihres schlechten Rufes eigentlich sehr reinlich.

2. Es ist auch kein gutes Zeichen, dass die holländischen Tiere – auch die unter "Beter Leven" (ein Stern) zertifizierten – ausnahmslos kupierte Schwänze aufweisen. Denn der unkupierte Ringelschwanz ist und bleibt der beste Indikator dafür, ob ein Schwein gesund ist und sich wohl fühlt. Das hat auch die Europäische Lebensmittelaufsichts­behörde EFSA in ihrem jüngsten Bericht (2011) wieder betont. Wenn den Tieren also routinemäßig und vorbeugend der Schwanz kupiert werden muss, um Nekrosebildung oder Schwanzbeißen zu verhindern, dann stimmt mit der Haltung etwas nicht. Tägliche Bereitstellung von ausreichend natürlichem Beschäftigungsmaterial wie Heu oder Stroh (statt der bei Beter Leven erlaubten Seile oder Holzstücke) sowie genug Platz und gutes Stallklima sind neben der Abwesenheit von Krankheit und Toxinbelastungen die wichtigsten Einflussgrößen für mehr Tierwohl.

Es darf also bezweifelt werden, dass es den Tieren, deren Mast im "Beter Leven"-System nur einen Stern bekommt, wirklich mehr Tierwohl geboten wurde, was eine Tierschutzauszeichnung verdient hätte.

Tierbezogene Indikatoren statt Zollstock-Tierschutz

Wir warnen außerdem ausdrücklich vor einem reinen "Zollstock-Tierschutz", der sich nur an baulichen und materiellen Voraussetzungen wie Teilspaltenböden orientiert. Eine schlecht gemanagte Freilandhaltung kann das Tierwohl unter Umständen viel stärker beeinträchtigen als die Haltung in einem gut geführten konventionellen Betrieb. Große Bedeutung sollte deshalb tierbezogenen Indikatoren beigemessen werden, zu denen unter anderem der ganze Ringelschwanz gehört.

Uns erfüllt deshalb mit großer Sorge, dass große deutsche Schlachtunternehmen wie Westfleisch und Tönnies offenbar „Beter Leven“ ins Sortiment aufgenommen haben. Die niederländischen Vermarktungskünste in allen Ehren, aber in diesem Fall klaffen Werbeslogans und Wirklichkeit weit auseinander. Tierschutz- oder Tierwohl-Siegel müssen besonders in Deutschland auf absolute Glaubwürdigkeit achten, denn sonst besteht die Gefahr, dass das durch Skandale und abschreckende Bilder aus Tierhaltungen angekratzte Verbrauchervertrauen bald ganz verspielt wird. Die niederländische Organisation Actiegroup Ongehoord veröffentlichte im Juni 2011 Videos im Internet, die schlimme Haltungsbedingungen auf 26 niederländischen Betrieben dokumentierten – darunter bei einer ganzen Reihe von "Beter Leven"-zertifizierten Betrieben. Auch Bilder aus deutschen Ställen mit nachgerüsteten Teilspaltenböden wie aus dem Landesversuchszentrum in Futterkamp (vgl. topagrar Oktober 2012) lassen nichts Gutes für das Tierwohl durch Zollstock-Tierschutz erahnen.

Mehr Tierschutz ist nur mit mehr Geld zu erreichen

Inzwischen steht das "Beter Leven"-System in den Niederlanden zum Teil massiv in der Kritik. Die Vorwürfe lauten, es sei zu intransparent, willkürlich und von politischen Motiven geleitet. Eine Studie soll sogar ergeben haben, dass das System  Innovationen in Sachen Nachhaltigkeit behindere. Albert Hijn soll zwar zu Beginn der Umstellung Tierwohl-Aufschläge an das Schlachtunternehmen Vion gezahlt haben, aber bis heute soll er die "Beter Leven"-Produkte, die mit nur einem Stern ausgezeichnet wurden, nur zum gleichen Preis wie konventionelle Ware absetzen können. Eine solche Rechnung kann nicht lange aufgehen.

Andere holländische Supermarktketten wollen laut Bericht des Online-Dienstes www.schweine.net schon jetzt nicht mehr höhere Einkaufspreise für "Beter-Leven"-Ware der Eingangsstufe zahlen. Wie aber sollen Schweinehalter ohne den Aufschlag mehr für ihre Tiere tun? Immerhin erzeugt schon etwas mehr Platz pro Tier Zusatzkosten, weil die Fixkosten (Energie, Baukosten etc) auf weniger Tiere pro Stalleinheit umgelegt werden müssen.

Nach Ansicht von PROVIEH gehört zu einem seriösen Label- und Zertifizierungs-system nicht nur die strikte Einhaltung aller geltenden Gesetze, sondern auch eine substantielle Verbesserung des Tierwohls über die gesetzlichen Mindeststandards hinaus. Und das Tierwohl muss vor allem mit Hilfe tierbezogener Kriterien am Tier selbst gemessen werden. Diese Forderung muss für das gesamte Schweineleben von der Geburt bis zur Schlachtung erfüllt werden und nicht nur für die Mast. Zur Finanzierung ihrer zusätzlichen Leistungen brauchen die Halter in jedem Fall eine höhere Vergütung für ihre Tiere.

Verkauf von Pseudo-Tierwohlware verhindert echte Tierschutzbemühungen

Ein Paradigmenwechsel in der Bewertung von Tierhaltungen ist notwendig. Die Berücksichtigung tierbezogener Kriterien statt reiner Haltungssystembewertungen ist ein neues und komplexes Unterfangen. Zwanzig Jahre lang ging die Entwicklung in die falsche Richtung: Die Tiere wurden aus ökonomischen Gründen immer stärker an Haltungsbedingungen angepasst, die nicht tiergerecht sind. Dazu gehört die Verstümmelung der Schwänze. Diese Defizite können nicht im Hau-Ruck-Verfahren und rein aus Vermarktungsgründen kurzfristig ausgebügelt werden.

Der Verkauf von Pseudo-Tierwohlware, zu der auch Schweinefleisch mit einem Stern von "Beter-Leven" gehört, würde die gerade anlaufenden Bemühungen für mehr echtes Tierwohl in den Ställen untergraben oder sogar im Keim ersticken. Wozu sich um mehr Tierwohl bemühen, wenn man im trügerischen Schein schöner Etiketten so weiter machen kann wie bisher?

Das werden wir Tierschützer nicht dulden. Wir werden die VerbraucherInnen nötigenfalls umfassend aufklären. Die Umsteuerung hin zu mehr Tierwohl ist in Deutschland angelaufen, braucht aber noch etwas Zeit, und die muss der deutsche Handel aufbringen. Er muss sich in diesen Prozess konstruktiv und verantwortungsvoll einbringen, unabhängig von plötzlich entdeckten aktuellen Marketingpotentialen.

Wettbewerb ist im Allgemeinen gesund und belebt das Geschäft, aber PROVIEH meint: Bitte fair und nicht auf Kosten der Tiere!

Prof. Dr. Sievert Lorenzen


 

Quellen und weiterführende Informationen: