Tödliche Ernte

Titel: Tödliche Ernte. Wie uns das Agrar- und Lebensmittelkartell vergiftet. 

Autor: Richard Rickelmann

Verlag: Econ Verlag, 320 Seiten, April 2012, Berlin.

Preis: 18,00 Euro

ISBN-13: 9783430201254

Richard Rickelmann, Jahrgang 1939, arbeitete lange Jahre als Journalist für den Spiegel und den Stern in den Bereichen Wirtschaft und Politik. Für beide Magazine hat er in der Vergangenheit Skandale aufgedeckt und begleitet – also eigentlich kein Wunder, so denkt man sich als Nutztierschützer, dass sein Augenmerk nun auf die Agrarindustrie gefallen ist. Skandale findet man hier ausreichend, um mehr als ein Buch zu füllen. Rickelmann unterteilt sie in die Bereiche der Grünen Gentechnik, der Intensivtierhaltung und der Subventionen, wobei Verflechtung, Intransparenz und Gier sich als Leitmotive durch die Agrarindustrie und damit auch durch sein Buch ziehen.

Das Buch ist, wie der Untertitel klarstellt, eine Polemik,  aber  durch Quellenangaben belegt. Interessierte Leserinnen und Leser können die Aussagen des Autors also überprüfen oder in den Fußnoten Stoff zum Weiterlesen finden. Die Todesfälle und Vergiftungen durch das Agrar- und Lebensmittelkartell, die der Untertitel erwarten lässt, sind in den meisten Fällen indirekter Art: Zum Beispiel beschreibt Rickelmann die Subventionierung hochgradig ungesunder Produkte wie Nutella, aber auch den sorglosen Umgang mit Glyphosat und Bt-Giften. Noch drastischere Beispiele findet er in der Vergangenheit, etwa den Umgang mit Agent Orange oder PCB.

Aus der Realität bekommt Rickelmann leider reichlich Material für drastische Schilderungen des Absurden und der Verantwortungslosigkeit. Ein Beispiel aus der Grünen Gentechnik: Inzwischen steht selbst aus Sicht der Konzerne fest, dass durch den Anbau von Bt-Mais das Schädlingsproblem nicht – wie ursprünglich versprochen – auf umweltfreundliche Weise gelöst wurde. Stattdessen sind die Schädlingsarten resistent gegen das Bt-Gift vom Bt-Mais geworden und haben in manchen Gegenden Amerikas Ernteausfälle von bis zu 60 Prozent verursacht. (In den Bt-Mais wurden mehrere Gene des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis übertragen, das verschiedene Proteine bildet, die auf bestimmte Fraßinsekten tödlich wirken.) Politiker, die von der Gentechnik überzeugt sind, interessieren sich für solche Fakten nicht. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gab 2010 eine Jubelschrift über die Grüne Gentechnik heraus und wollte so einen "Beitrag zur größeren Akzeptanz der neuen Technologie leisten". Doch die Nachteile der Grünen Gentechnik wurden zugunsten der Aufzählung von Pro-Argumenten ausgespart. Die unausgewogene Darstellung traf auf Kritik, auch in Expertenkreisen und selbst innerhalb der DFG. Tierschützer unter den Lesern mögen über die Jubelschrift wenig überrascht sein, wenn sie sich noch erinnern, dass die DFG bereits eine entsprechende Broschüre zum Thema Tierversuche veröffentlicht hat.

Angesichts der oft nicht nachvollziehbaren Bereitschaft des Europäischen Patentamts, Patente auf Leben zu erteilen, weist Rickelmann darauf hin, dass das Patentamt sich "ausschließlich über die Gebühren für die angemeldeten und verteilten Patente finanziert". Kritiker sehen "darin einen Anreiz, Patente weniger nach Qualität als nach Quantität zu vergeben". 2009 versuchte Monsanto ein Patent auf Schinken und Schnitzel aus Schweinen zu erhalten, die mit Gen-Soja von Monsanto gefüttert worden waren. Rickelmann: "Vergleichbar wäre der Versuch der Mineralöl-Konzerne, Besitzansprüche auf die mit ihrem Sprit betriebenen Autos anzumelden."

Das Thema Nutztierschutz resümiert Rickelmann unter der Überschrift: "Die Frankenstein-Industrie". "Der Umgang vor allem mit dem Federvieh entspricht einem Maß an Ausbeutung, das nach Ansicht vieler Wissenschaftler alle Kriterien einer zivilisierten Gesellschaft verletzt." Er erinnert auch daran, dass die Ausbeutung zu Selbstmord bei Bauern geführt hat, ein Thema, über das gemeinhin lieber geschwiegen wird. Er berichtet besorgt über die Medienmacht der Landwirtschaftsverbände, die als "Propagandamaschine" die Meinungen ihrer Leserschaft zu kontrollieren sucht.

Wohin die europäische Subventionspolitik geführt hat, macht Rickelmann an verschiedenen Beispielen deutlich. Unwirtschaftliche Großunternehmen, die auf einem freien Markt keine Chance hätten, werden durch große Agrarsubventionen am Leben gehalten, während die kleinen Betriebe sich weitestgehend selbst tragen müssen. Aber auch im Kleinen sieht man absurde Wirkungen des europäischen Gießkannenprinzips. So konnte sich der Schützenverein im brandenburgischen Seelow von den EU-Agrargeldern, die er für sein Waldstück erhielt, einen neuen Schießstand leisten.

Der deutsche Steuerzahler hält dieses System mit rund 100 Euro pro Kopf und Jahr am Leben. Man kann nur hoffen, dass das Buch viele Leserinnen und Leser zum Nachdenken und Handeln aufrüttelt.

 

Irene Wiegand