Hühner zu überraschen ist schwer

Elena langweilt sich. Eigentlich sind Schulferien ja ganz toll, aber gerade weiß sie nicht, was sie machen soll. Missmutig malt sie mit den Fingern die Linien der bunten Tapete im Esszimmer nach, als ihre Mutter in den Raum kommt. „Was ist denn mit dir los?“ fragt sie. „Ach, ich weiß nicht was ich machen soll“, sagt Elena und seufzt. Ihre Mutter überlegt kurz und schlägt dann vor: „Du könntest mit Tom Onkel Franz besuchen gehen. Er freut sich bestimmt, wenn er euch sieht.“ Elena strahlt. Onkel Franz ist ihr Lieblingsonkel. Er hat nämlich einen kleinen Bauernhof. Manchmal hat ihre Mama wirklich gute Ideen. „Ja, das machen wir!“ ruft sie und rennt hinaus, um ihren Bruder Tom zu suchen.

Onkel Franz erwartet die Kinder bereits, denn ihre Mutter hat bei ihm angerufen und Bescheid gesagt, dass sie kommen. Elena und Tom springen von ihren Fahrrädern und begrüßen ihn stürmisch. „Ich will die Hühner sehen!“ ruft Elena und zieht ihren Onkel am Arm in Richtung Garten. Onkel Franz hat einen sehr großen Garten, und die fünf Hühner laufen ganz weit hinten unter den Apfelbäumen herum. Elena winkt den Hühnern zu, aber sie bemerken sie nicht. „Wir sind noch zu weit weg“, erklärt ihr Onkel, „alles, was über 50 Meter weit entfernt ist, können Hühner nicht mehr gut erkennen.“ Elena schaut Franz erstaunt an – sie kann viel weiter schauen als nur 50 Meter. Onkel Franz erklärt ihr, dass Hühner ursprünglich im Urwald mit dichtem Gebüsch zu Hause waren und dass sie deshalb nicht, wie andere fliegende Vögel, ein weites Gelände überblicken mussten, um Feinde und Beute zu entdecken. Für Hühner war es immer viel wichtiger, was in ihrer direkten Nähe geschah. „Und darauf haben sich ihre Augen eingestellt“, sagt er. Langsam gehen Franz und Elena näher an die Hühnerschar heran.

Frieda_und_Hanna_auf_Futtersuche_Peter-Smiarowski

In der Zwischenzeit hat Tom einen weiten Bogen geschlagen und sich dabei immer wieder hinter Bäumen und Sträuchern versteckt.  Nun versucht er sich von hinten an die Hühner anzuschleichen. Obwohl ihm die Tiere den Rücken zudrehen, entdecken sie ihn viel früher als erwartet. Aufgeregt gackernd laufen sie vor ihm davon. Enttäuscht bleibt Tom stehen. „Ich wollte sie gar nicht erschrecken“, beteuert er. „Ich wollte nur ganz schnell nah heran, ohne dass sie weglaufen. Wie konnten sie mich überhaupt so schnell entdecken?“ Onkel Franz lacht. „Schau dir doch einmal genau an, wo bei den Hühnern die Augen sitzen. Fällt euch etwas auf?“ Tom und Elena beobachten konzentriert das Federvieh. Nach einer Weile verkündet Tom stolz: „Die Augen sitzen viel weiter seitlich am Kopf als beim Menschen!“ Onkel Franz lobt ihn für diese Beobachtung und erklärt: „Dadurch, dass die Augen an der Seite des Kopfes sitzen, haben die Hühner ein viel breiteres Sichtfeld. Sie können viel weiter nach hinten sehen als ihr. Das macht es sehr schwer, sich an Hühner anzuschleichen. Außerdem hören Hühner fast so gut wie Hunde. Wahrscheinlich haben sie auch dadurch bemerkt, dass du da bist.“

Die Hühner sind in einigen Metern Entfernung stehen geblieben. Der große Hahn steht aufgerichtet vor seinen Hennen und beobachtet misstrauisch Onkel Franz und die Kinder. „Er passt auf, ob alles in Ordnung ist“, meint der Onkel. Er greift in seine Hosentasche und zieht eine Handvoll Körner heraus, die er zwischen Elena und Tom aufteilt. Die Kinder werfen einen Teil davon ins Gras, einen Teil behalten sie in der Hand, um die Hühner anzulocken. Die Hühner fangen sofort an, die Körner vom Boden aufzupicken. „Im Gras erkennt man doch gar nicht, wo die Körner liegen. Aber die Hühner finden sie“, sagt Tom und wundert sich etwas. „Hühner können nicht nur sehr scharf sehen und gut hören, sie können auch sehr gut riechen“, antwortet Franz. „So ist es kein Problem für sie, die versteckten Körner zu finden.“ Schließlich kommt Frieda, die älteste der Hennen, angelaufen und pickt die Körner Tom direkt aus der Hand. Nach einigem Zögern traut sich auch Hanna, eine junge Henne mit glänzend hellbraunem Gefieder, zu ihnen heran und holt sich vorsichtig das Futter von Elena. Elena strahlt über das ganze Gesicht und hält ganz still, damit sich das Huhn nicht erschrickt und wieder davon läuft. „Hanna ist mein Lieblingshuhn“, verkündet sie leise.

Christina Petersen