Tierhaltung mit Anteilnahme

Mobiler_Maststall_Iris-Weiland_P109058108.01.2013: Wenn Bauern sich aus der Leistungsspirale des „Wachse oder weiche“ befreien und ihren Tieren eine wesensgerechtere Haltung bieten wollen, brauchen sie die Unterstützung ihrer Kunden. Aber der Lebensmitteleinzelhandel und die Fleischindustrie tun sich schwer daran, höhere Preise für eine bessere Tierhaltung zu zahlen. Zu viele Stationen gibt es auf dem Weg vom Tierstall zum Supermarkt, und auf jeder Station wird um jeden Cent gefeilscht. Und da für die Kunden jedes Stück Fleisch gleich aussieht, entscheiden sie sich oft für das billigste Stück. PROVIEH will helfen, die klaffende Lücke zwischen Bauern und Stadtbewohnern zu schließen, und fordert auf, wieder Anteil zu nehmen am Wohlergehen der Tiere.

„Anteil nehmen“ ist durchaus doppelsinnig gemeint, im mitfühlenden wie im wirtschaftlichen Sinne: Immer mehr Menschen beteiligen sich als Anteilseigner an genossenschaftlichen Bauernhofprojekten. Das ist die Idee der solidarischen Landwirtschaft (neudeutsch „community supported agriculture“, CSA), sie findet in Deutschland schon viele Freunde. Ein aktuelles Forschungsprojekt an der Universität Münster mit dem griffigen Kürzel „MakeCSA“ soll den Kreis möglicher Interessenten noch mehr erweitern und die Gründung vieler neuer CSA-Gemeinschaften anregen. PROVIEH ist als Partner an dem Forschungsprojekt beteiligt.

Allerdings ist es nicht jedermanns Sache und auch nicht für jeden Haushalt geeignet, gleich Mitglied einer CSA-Genossenschaft zu werden. Doch die liebevolle Anteilnahme am Wohlergehen von Hühnern, Schweinen und Kühen kann auch anders, in viel kleineren Schritten, zum Ausdruck gebracht werden. Wer Fleisch, Eier oder Milchprodukte zu sich nehmen will, muss sich stets bewusst sein, dass dafür Tiere gehalten und letztlich getötet werden. Als Gegenleistung sollte man diesen Tieren zuvor ein möglichst gutes Leben zugestehen – und daran kann jeder Mensch tatkräftig mitwirken, mit Hilfe von PROVIEH und jenseits der Supermarktkasse. Oft liegen die Möglichkeiten, Anteil zu nehmen, schon in naher Nachbarschaft, man muss sie nur wahrnehmen.

Dietmar Leerhoff, im Hauptberuf Schornsteinfeger, züchtet seit Jahren bunte Bentheimer Schweine als Nebenerwerb. Im Jahr 2008 übernahm er im ostfriesischen Südbrookmerland einen Betrieb mit 45 Milchkühen in einem alten, sanierungsbedürftigen Anbindestall. Der Neubau eines tiergerechteren, modernen Laufstalls war vom Milchgeld einer so kleinen Herde nicht zu finanzieren. Deshalb wandelte die Familie den Betrieb in einen Naturland-Hof um, nahm zusätzlich die Zucht der robusten „Black Welsh“ Rinder auf und setzt auf Direktvermarktung. Denn erkennbar war, dass mit dem wachsenden Widerstand vieler Anwohner gegen den Neubau industrieller Mastställe auch die Nachfrage nach tiergerecht erzeugten Produkten wächst. Mitglieder der „Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung e.V.“ und der PROVIEH-Regionalgruppe in Norden (Kreis Aurich) besuchten den Biobauernhof von Familie Leerhoff und überlegten gemeinsam: Wie können Bürger und Bauern gemeinsam Zeichen für eine bessere Tierhaltung setzen? Wäre artgemäße Hühnermast nicht eine gute Möglichkeit?

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„Aber sicher!“, sagt  Klaus Bird aus Kamp-Lintfort am Niederrhein. Der Bioland-Bauer betreibt neben der Rinderzucht zwei mobile Ställe mit Legehennen und testet seit Mitte 2012 einen Modellstall für artgemäße, mobile Freilandhühnermast. „Wenn Autofahrer auf der Bundesstraße im Vorbeifahren meine Hühner auf der Weide sehen, biegen sie oft spontan ab und kommen in den Hofladen“, freut sich der Landwirt. Die Nachfrage stimmt, die Wirtschaftlichkeit auch. Weil seine Kunden vor Ort sehen, dass seine Hühner wirklich gut leben durften, bevor sie gegessen werden, sind sie auch bereit, diese Haltungsform anständig zu entlohnen. Und kaum zu glauben, aber wahr: Mit dem tiergerechten und umweltschonenden kleinen Maststall für 450 Biohühner erwirtschaftet der Bauer denselben Verdienst pro Jahr wie ein Betreiber eines konventionellen Intensivmaststalls mit 40.000 armen Turbohühnern! Und das bei viel geringeren Anschaffungskosten.

Das Gute an Möglichkeiten wie den aufgezeigten ist, dass jeder Mensch selbst bestimmen kann, wie er zur „Tierhaltung mit Anteilnahme“ beitragen kann oder will. Unter dem Titel „Tierhaltung mit Anteilnahme“ will PROVIEH daher als fachkundiger und vertrauenswürdiger Vermittler Bürger und Bauern enger zusammen bringen und sie gemeinsam für einen respektvolleren Umgang mit dem Vieh begeistern. Wir freuen uns sehr auf viele kreative, innovationsfreudige Mitstreiterinnen und Mitstreiter – und danken allen Beteiligten schon jetzt herzlich für Ihre Unterstützung!

Stefan Johnigk


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