BSE-Gefahr – nach wie vor ein Phantom

22.01.2013: Nach einer neuen EU-Regelung gilt: Systematische BSE-Tests sind in 25 EU-Ländern (unter ihnen in Deutschland) ab dem 1. Januar 2013 nicht mehr Pflicht. Stichprobenartige Tests reichen aus. Ab März 2013 darf bei gesund geschlachteten Rindern sogar vollständig auf BSE-Tests verzichtet werden. Deutschland jedoch will abermals päpstlicher als der Papst sein: „Deutschland hält an verpflichtenden BSE-Tests fest“, so das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) am 11. Januar 2013 in einer Pressmitteilung. Deutschland werde also weiterhin den BSE-Test bei allen Rindern durchführen lassen, die im Alter von mindestens 72 Monaten gesund geschlachtet werden. Angestrebt werde lediglich, das Testalter noch in der ersten Jahreshälfte von 72 auf 96 Monate zu erhöhen.

Bringt Deutschlands Sonderweg Vorteile, zum Beispiel für unsere Gesundheit? Nein. Die BSE-Gefahr hatte von Anfang an den Charakter eines Phantoms (siehe Roland Scholz / Sievert Lorenzen, 2005: Phantom BSE-Gefahr. Irrwege von Wissenschaft und Politik im BSE-Skandal). Für diese Sicht gibt es mindestens drei Gründe.

1) Als BSE in Großbritannien in den späten 1980er Jahren deutlich zunahm, fand man bei der Suche nach den Ursachen eine Korrelation zwischen Zunahme von BSE-Fällen und der vorangegangen Umstellung der Tiermehlherstellung von Druckerhitzung auf 1330C  des Ausgangsmaterials auf normale Kocherhitzung bei 1000C. Diese Korrelation wurde prompt und ohne Begründung als Beziehung von Ursache zu Wirkung bezeichnet. Die Verfütterung des neuartig hergestellten Tiermehls an Rinder habe zum Anstieg von BSE-Fällen geführt.

Mittlerweile wird auch von Fachleuten bestätigt, dass die Ursache der britischen BSE-Katastrophe ungeklärt ist, denn die maßgebliche BSE-Forschung in Großbritannien, Deutschland und anderswo war wissenschaftlich mangelhaft. Außer dem leichtsinnigen Umgang mit Korrelationen gab es weitere Verletzungen eherner wissenschaftlicher Grundsätze: Die Kontrollversuche, die parallel zu Versuchen durchgeführt werden müssen, erfüllten in den meisten Fällen nicht die wissenschaftlichen Kriterien; Beobachtungen, die zur Widerlegung von BSE-Hypothesen geeignet waren, wurden ignoriert statt geprüft; außer einer Hypothese und ihrer Gegenhypothese wurden zu selten weitere Hypothesen zur Erklärung bestimmter Beobachtungen gesucht, auch wenn es sie gab.

2) Die mangelhafte Wissenschaft hat zu Milliardenverlusten geführt. Denn den Bürgern wurde Angst eingejagt mit der Warnung, der Verzehr von Rindfleisch könne eine tödliche Hirnkrankheit erzeugen. Pate dieser Warnung war wieder einmal der mangelhafte Umgang mit einer Korrelation: Wenn so viele Rinder an BSE erkranken, könnte der Verzehr des Fleisches einer BSE-kranken Kuh eine neue Hirnkrankheit beim Menschen verursachen. Man suchte sie und fand, dass ab Mitte der 1990er Fälle der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) auftraten, die man für neu hielt und als vCJK bezeichnete. Deren Zahl pro Jahr nahm zeitlich versetzt zur Zunahme von BSE-Fällen zu. Die Frage, ob BSE und vCJK eine gemeinsame Ursache haben könnten, wurde nicht einmal gestellt. Dass die neue Behauptung im Widerspruch stand zum Befund, dass in Großbritannien die Zahl der BSE-Fälle pro hunderttausend Rindern von Norden nach Süden zunahm, während die Zahl der vCJK-Fälle pro eine Millionen Menschen umgekehrt von Süden nach Norden zunahm, wurde ignoriert.

Das Schüren der Angst vor BSE als Ursache von vCJK war Gold wert, denn mit ihr konnten die Briten erfolgreich von den Rindfleisch-Exportmärkten verdrängt werden, die dann von den Festlandseuropäern erobert wurden. Dieser Goldsegen hörte erst auf, als BSE auch in EU-Ländern des europäischen Festlands auftrat und die betreffenden Agrar- und Gesundheitsminister verrückt spielten.

3) Auch ein weiteres Versagen der BSE- und vCJD-Forschung führte zu teuren Maßnahmen: Im Jahr 2000 veröffentlichte ein Team um den Nobelpreisträger Carleton Gajdusek eine Arbeit über die Hitzebeständigkeit von Prionen. Prionen gelten als fehlgefaltete Prionproteine, die als Abfallprodukte bei BSE und verwandten Hirnerkrankungen entstehen und gleichzeitig als die infektiöse Substanz gelten, mit der die Krankheit über das Futter auf andere Tiere übertragen werden könne. Das Team um Gajdussek führte die Tests an künstlich sensibilisierten Goldhamstern durch. Die Forscher erhitzten Hirngewebe von Schafen, die an Scrapie erkrankt waren (eine Hirnkrankheit ähnlich wie BSE) auf 150, 300, 600 und 10000C und spritzten das jeweilige Produkt in das Gehirn gesunder Goldhamster. Sie fanden, dass bei Erhitzung auf 6000C schwarze Asche entstand, die nach Injektion in das Hirn gesunder Goldhamster bei einigen von ihnen die erwartete Hirnkrankheit entstehen ließ. Aus diesem Befunde schlossen die Autoren, dass bei der brennenden Erhitzung auf 6000C ein anorganisches Replikat von Prionen entstehe, das ebenfalls infektiös sei. Alles reine Spekulation, denn der Kontrollversuch, der mit Hirnmasse gesunder Schafe hätte durchgeführt werden müssen, unterblieb – eine Blamage für den Nobelpreisträger. Sein Team fand noch mehr: Wurde das kranke Schafshirn brennend auf  10000C erhitzt, so entstand graue Asche, mit der keine Hirnkrankheit bei den Goldhamstern erzeugen konnte. Also  müssen BSE-kranke und BSE-verdächtige Rinder auf 10000C erhitzt werden, bis nur noch graue Asche von ihnen übrig bleibt…

Sievert Lorenzen