Entscheidender Durchbruch für heile Ringelschwänze erzielt

27.03.2013: Bisher werden in der konventionellen Schweinehaltung fast 100 Prozent der Ringelschwänze abgeschnitten. Damit dürfte es bald vorbei sein, dank neuer  Erkenntnisse. Die EU-Kommission duldete bisher das europaweit seit 1994 verbotene routinemäßige Kupieren der Ringelschwänze, weil es noch einige ungelöste Fragen und Probleme gab. Durch praxisnahe Feldstudien in Nordrhein-Westfalen konnten die Grundursachen 2012 endlich aufgeklärt werden.

 

Warum ist der Ringelschwanz so wichtig?

Die Bedeutung des Ringelschwanzes als Indikator für Tiergesundheit und Wohlbefinden bei Schweinen ist in Wissenschaft und Praxis unumstritten: Ist der Ringelschwanz gesund und geringelt, so geht es dem Tier gut. Hängt er, wird eingeklemmt, ist nekrotisch oder verletzt, ist dies ein Zeichen für Unwohlsein, Krankheit oder Kannibalismus. Letzteres führt zu Schmerz, Leid und Stress bei den Tieren und kann wirtschaftliche Einbußen für den Landwirt nach sich ziehen. Deshalb wird seit Jahrzehnten in der industriellen Schweinehaltung, wo das Schwanzbeißen wesentlich häufiger als in extensiver Haltung vorkommt, den Ferkeln wenige Tage nach der Geburt vorbeugend der Ringelschwanz  betäubungslos gekürzt – obwohl dies gesetzlich verboten ist.

Die Schweinehalter beriefen sich bisher auf Tierschutzprobleme im Falle des Kupierverzichts und später auftretenden Schwanzbeißproblemen. Die EU-Kommission drückte daher fast zwanzig Jahre  lang beide Augen zu bei den Kontrollen, auch in Deutschland. Doch mit dieser Nachsicht wird es bald vorbei sein. Denn die Ursachen für das Schwanzbeißen sowie die bisher ungeklärten, häufig auftretenden Schwanznekrosen beim Schwein konnten inzwischen aufgeklärt werden. Und ein Blick in die Schweiz zeigt: selbst auf Beton-Vollspaltenböden kann man die Schwänze ganz lassen, wenn man bestimmte Maßnahmen insbesondere bei der Fütterung ergreift.

Grundsätzlich ist dabei festzustellen, dass das so genannte "Schwanzbeißen“ ein sichtbares Zeichen einer Überforderung der Anpassungsfähigkeit der Schweine an mangelhafte Haltungs- und Managementbedingungen ist. Das Schwanzkupieren ist daher eine Maßnahme, die die Tiere „auf das System zurechtstutzt“, statt die Haltung den Bedürfnissen der Tiere anzupassen.

Bahnbrechende Studienergebnisse ermöglichen Kupierverzicht

In 2011 und 2012 hat Professor Dr. Friedhelm Jaeger nach ausführlichen Vorgesprächen mit Fachleuten, darunter PROVIEH, Studien zum Schwanzbeißen durchgeführt (vgl. Tierärztliche Umschau, Heft 1-2/2013 s.u.). Er leitet das Referat für Tierschutz im Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (MKULNV) des Landes Nordrhein-Westfalen. Seine Untersuchungen ergaben, dass die Hauptursachen für Schwanznekrosen und das Schwanzbeißen (Kannibalismus) bereits bei jungen Ferkeln ansetzen und nicht erst – wie bisher von Vielen vermutet – bei den Mastläufern. Insbesondere Fütterungs- und Tränkefehler rund um das Absetzen und in der Ferkelaufzucht (Flatdeck) stellen die Weichen falsch und programmieren Probleme mit Schwanznekrosen und Schwanzbeißen geradezu vor.

Der erste wichtige Grund, wie PROVIEH schon im Vorfeld der Versuche betonte, liegt im zu frühen Absetzen der Ferkel von der Muttermilch. Dies geschieht in Deutschland meist schon nach ca. 21 Tagen, wenn der Darm der Ferkel noch unterentwickelt ist. Das führt bereits zu einer unnötigen Überforderung der Verdauung bei den Ferkeln.

Zweitens ist die Trinkwasserversorgung der Ferkel quantitativ und / oder qualitativ oft mangelhaft. Dass die meisten Ferkel ausgerechnet in den ersten Tagen nach dem Absetzen –  also der kritischsten Phase im Ferkelleben nach der Geburt – sehr häufig unter Wassermangel leiden, stellte Professor Jaeger anhand einfacher Tests fest: Eine Schüssel mit qualitativ einwandfreiem Trinkwasser aus der Hofküche in der Flatdeckbucht zeigte den Tierhaltern schnell und eindrücklich, wie durstig ihre Tiere waren. Eine mangelhafte Wasserversorgung schwächt aber das Immunsystem und die Verdauungsfähigkeit erheblich.

Oft liegt es daran, dass die Flatdecks nur mit Nippeltränken aus Metall ausgerüstet sind, die die Ferkel noch gar nicht kennen und daher zunächst nicht zu bedienen wissen. Denn in den Abferkelbuchten können sie zusätzlich zur Muttermilch meist noch aus sogenannten „Mutter-Kind-Tränken“ aus der offenen Fläche saufen. Oder das Wasser schmeckt den Tieren nicht, weil die Leitungen verschmutzt sind oder das Brunnenwasser nicht einwandfrei ist, zum Beispiel zu viel Eisen enthält.

Der dritte, nicht minder bedeutende Faktor, der von Professor Jaeger identifiziert wurde, ist die viel zu hohe Energiezufuhr ab Tag eins nach dem Absetzen von der Muttermilch, die sich höchst negativ auf die Darmgesundheit der Ferkel auswirkt. In seinem oben genannten Artikel beschreibt er die Wirkungskette wie folgt (hier vereinfacht dargestellt):

Der noch unreife Ferkeldarm wird durch das zu energiereiche und ballaststoffarme Futter überfordert. Dadurch gelangen zu viele unverdaute Nährstoffe in den Dickdarm. Dort sind sie ein gefundenes Fressen für bestimmte E-Coli- Bakterienstämme, die „Endotoxine“ bilden können. Solche E-Coli-Stämme verursachen weder Fieber noch Durchfall, das Ferkel wirkt also nicht krank. Die Bakterien vermehren sich aber unter den genannten Bedingungen schnell und bilden durch die zu energiereiche Kost massenhaft Endotoxine.

Diese Gifte gelangen in der Folge durch die Darmwände in die Blutbahn der Schweine und verursachen Entzündungen in den Blutgefäßen, und in schwach durchbluteten Körperteilen wie Ohrrändern, Ringelschwänzen und Klauenschuhen auch Nekrosen.

Die bereits im Ferkelalter beginnenden chronischen Entzündungen durch Endotoxin-Vergiftungen belasten den Stoffwechsel, schwächen die Immunabwehr und wirken sich ein Leben lang negativ auf Gesundheit, Wohlbefinden und Leistung der Tiere aus. Laut einer Mitte März 2013 in Göttingen auf einer Veterinärmedizinischen Tagung vorgestellten Studie des Friedrich Loeffler Instituts sollen die Stoffwechselleistungseinbußen durch Edotoxinvergiftungen bis zu 25 Prozent betragen – ein erheblicher Kostenfaktor also durch schlechtere Futterverwertung und erhöhten Nährstoffgehalten in der Gülle.

Zudem jucken die entzündeten oder absterbenden nekrotischen Partien, so dass die Tiere sich geradezu nach dem Beknabbern durch Buchtengenossen sehnen, das ihnen Linderung des Juckreizes bringt. Deshalb bieten sie ihren Ringelschwanz oft geradezu waagerecht ausgestreckt zum Beißen an.

Geeignetes Strukturfutter als Beschäftigungsmaterial ist ein Schlüsselfaktor

Der Mangel an geeignetem Strukturfutter in der Aufzucht und im Maststall destabilisiert die Darmflora und Tiergesundheit der Schweine weiterhin. Er zieht aufgrund von unbefriedigtem Wühl- und Kaubedürfnis sowie der Abwesenheit von Sättigungsgefühl oft auch frustrationsbedingtes Schwanzbeißen nach sich.

Dass es anders geht, zeigen die Erfahrungen in der Schweiz, wo das Schwanzkupieren seit 2008 streng verboten ist und effektiv sanktioniert wird. Dort werden Ferkel mindestens 28 Tage lang gesäugt und die Ferkelerzeuger mischen dem Starterfutter der Ferkel meist schon ab der zweiten Lebenswoche bis nach dem Absetzen Ferkelwühlerde bei. Letzteres hat den doppelten Effekt, sowohl die Nährstoffzufuhr zu senken als auch dem Darm toxinbindende Ballaststoffe zuzuführen. Die Aufzuchtferkel bekommen nach dem Absetzen von der Mutter zunächst rationierte Futtermengen, um den Organismus nicht zu überfordern. Alle Schweine (außer Saugferkel) bekommen täglich Heu, Stroh, Rübenschnitzel oder ähnliches natürliches und fressbares Raufutter zur Beschäftigung und für eine gesunde Verdauung. So bleiben die Ringelschwänze heil und gesund.

Die Tage des Schwanzkupierens sind gezählt

An diesen wissenschaftlich belegten und in der Praxis bewiesenen Tatsachen können weder die EU-Kommission noch die deutschen Vollzugsbehörden länger vorbeisehen. Schließlich schreibt die o.g. Richtlinie vor, dass erst Haltung und Management angepasst werden müssen, bevor als letztes Mittel und nur im Ausnahmefall die Schwänze gekürzt werden dürfen. Die bahnbrechende Beweiskette von Professor Jaeger stellt einen Meilenstein in der Überwindung des Schwanzkupierens und Schwanzbeißproblematik dar. Sie entbindet Ferkelerzeuger und Mäster allerdings nicht von der Pflicht, andere wichtige Management- und Haltungsbedingungen zukontrollieren, die sich ebenfalls nachteilig auf das Tierwohl und das Schwanzbeißen auswirken können. Dazu gehören neben den oben genannten Problemen unter anderem unzureichender Platz für bequemes Ruhen, schlechte Stallluft, unzulängliche Temperaturen oder Zugluft, Krankheiten oder Parasiten sowie Stress durch beispielsweise zu hohe Lärmbelastung. Ausführliche Erläuterungen dazu finden Sie in unserem Vorschlag zur Einführung einer Ringelschwanzprämie (s.u.). Sie soll den Tierhaltern als Vorläufer unseres Bonitierungssystems (wir berichteten, s.u.) den Verzicht auf das Kupieren ermöglichen. Denn bei den derzeit niedrigen Schweinepreisen können sie unmöglich den zusätzlichen Aufwand für Raufutter und andere gebotene Maßnahmen alleine tragen.

Die Klärung der Wirkzusammenhänge  rückt die vollständige Umsetzung der Richtlinie zum Schutz der Schweine  endlich in greifbare Nähe. PROVIEH hat dazu am 8. März 2013 bei der EU-Kommission in Brüssel einen Vortrag gehalten. Ab 2014, wenn die Kommission ihre Leitlinien zur Umsetzung der Richtlinie herausgeben wird, soll Ernst gemacht werden mit den Kontrollen. Das ist ein vielversprechender Auftakt für unser Jubiläumsjahr 2013, in dem PROVIEH sein 40-jähriges Bestehen feiert.

 

Sabine Ohm, Europareferentin

Fotos: © PROVIEH


Quellen und weiterführende Informationen: