Was ist industrielle Massentierhaltung?

Die Agrarindustrielobby versucht, über gezielte Werbemaßnahmen und irreführende Erklärungen ihr schlechtes Image bei der Bevölkerung aufzupolieren und den Begriff abzuschaffen. Dabei gibt es an dem Begriff gar nichts zu deuteln.

Vertreter der Agrarindustrielobby behaupten gerne, es gäbe keine konkrete Definition der „Massentierhaltung“ und es handele sich dabei überhaupt um eine ungerechte Verunglimpfung der „modernen Nutztierhaltung“. Selbst der grüne Agrarminister Remmel aus Nordrhein-Westfalen (NRW) hat im Herbst 2011 öffentlich erklärt, diesen Begriff aus seinem Wortschatz streichen zu wollen, um Dialogbereitschaft mit der Agrarwirtschaft zu signalisieren. Aber man kann dieses millionenfache Leid der Tiere nicht einfach schönreden.

Agrarindustrie übt sich in „Kommunikation“ zur Imageaufbesserung

Die Menschen lassen sich im Zeitalter der Informationstechnologien aber nicht mehr so leicht für dumm verkaufen. Deshalb werden die Verschleierungsmethoden immer skrupelloser. Nach holländischem Vorbild tauchen nun auch in Deutschland immer mehr laienhaft gedrehte Videos über die „moderne Tierhaltung“ auf, die die Zustände bewusst falsch darstellen und die Realität der Agrarfabriken verharmlosen (Link auf ein Beispiel siehe unten). Sie sollen der Agrarindustrie ein menschliches Antlitz verleihen und gleichzeitig das Gewissen der Konsumenten beruhigen. Dazu hatte Annechien ten-Have, ihres Zeichens Schweinemästerin und Vorsitzende der Schweineabteilung im Niederländischen Landwirtschaftsverband (LTO), am 14. September 2011 auf dem „Veredelungstag“ des Deutschen Bauernverbandes (DBV) in Dorsten geraten (PROVIEH war dabei). Sie sagte, auf diese Weise könne man über YouTube und die sozialen Netzwerke wie Facebook den negativen Auswirkungen der sich häufenden unvorteilhaften Medienberichte entgegenwirken. Sie muss es ja wissen: Im Juni 2011 hatten unbekannte Aktivisten der Gruppe „Ungehoord“ in mehreren Schweineställen heimlich Videoaufnahmen gemacht. Pikanterweise waren eine Reihe von Betrieben an holländische Tierschutzprogramme („Beter Leven“ oder „ComfortClass“) angeschlossen, die den Kunden bessere Haltungsbedingungen für die Tiere vorgaukeln. Auch bei Frau ten-Have wurde gefilmt, wobei dort mit die schlimmsten Missstände überhaupt aufgedeckt wurden. Rücktritt? Fehlanzeige. Stattdessen eine Charm-Offensive im Internet (mehr dazu siehe unten).

Ein weiteres Beispiel sind die Bestrebungen des DBV, durch angeblich mehr Transparenz ein weichgezeichnetes Zerrbild der wahren Zustände in der Intensivtierhaltung zu vermitteln. Früher beschränkte man sich dabei vor allem auf die Internationale Grüne Woche mit ihren „Schauställen“ (Erlebnisbauernhof). Diese Ställe werden jeden Morgen vor Messeöffnung von Hand auf Knien sauber geschrubbt (dafür gibt es Augenzeugen!) – genau wie die Tiere, um die angebliche Hygiene der Vollspaltenböden vorzuspiegeln. Zudem werden dort wenige Ferkel auf viel größeren Flächen als in normalen Betrieben gezeigt, um nicht die drangvolle Enge echter Ställe zu verraten (einem Schwein von 110 kg Lebendgewicht stehen in konventioneller Haltung gerade mal 0,75 m2 Platz zur Verfügung). Nun hilft das Bundesministerium für Landwirtschaft (BMELV) bei dieser Schönfärberei sogar noch mit einer Geldspritze nach: Beim Wettbewerb „Gläserne Ställe“ sind unter dem Motto „Verbesserung der Akzeptanz landwirtschaftlicher Nutztierhaltung“ 15.000 Euro zu gewinnen. Gesucht sind Vorzeigebetriebe, die ihre Anlagen der Öffentlichkeit zugänglich machen, indem sie über Hofkameras, Hoftage und Ähnliches einen Einblick in die Tierhaltung gewähren. In Wahrheit soll die Öffentlichkeit durch die Präsentation einzelner Musterställe über die allgemein herrschenden Bedingungen in der industriellen Massentierhaltung getäuscht werden.

Die Aufklärung über die realen Zustände ist nicht mehr zu unterdrücken

Diese Strategie wird aber nicht aufgehen. Niemand braucht heute eine komplizierte Definition, um industrielle Massentierhaltung von artgerechter Tierhaltung zu unterscheiden. Dafür genügt allein der gesunde Menschenverstand. Man könnte natürlich das Bundesimmissionsschutzgesetz mit seinen Grenzwerten bemühen, aber das ist zu technisch. Ein paar einfache Faustregeln veranschaulichen das Wesen der industriellen Massentierhaltung, die wir kritisieren:

Industrielle Massentierhaltung, auch Intensivtierhaltung genannt, liegt vor,  

  • wenn die Anzahl der Tiere, die eine einzelne ausgebildete Fachkraft zu betreuen hat  (egal ob Bio oder konventionell), so groß ist, dass die Tiere nicht mehr jeden Tag einzeln sorgfältig in Augenschein genommen werden können, und
  • wenn der Halter seine Tiere als reine „Produktionsfaktoren“ zur Erwirtschaftung eines Deckungsbeitrages sieht, statt als Lebewesen mit arteigenen Bedürfnissen und angeborenen Verhaltensweisen, deren Nicht-Auslebung den Tieren Leid und Stress bereitet.

Ethik und Moral bleiben in solchen Agrarfabriken (oft mit zehntausenden Tieren pro Betrieb) auf der Strecke. Je höher der Gewinn pro Tier und Arbeiter beziehungsweise pro Quadratmeter Stallfläche sein muss, desto intensiver die Massentierhaltung. Das rein ökonomische Denken führt dazu, dass die Tiere ein immer kürzeres Dasein fristen, weil die zu Hochleistungen gezwungenen Milchkühe, Sauen und Legehennen nach wenigen Jahren – bei Legehennen sogar nach nur einem Jahr – zu ausgelaugt sind, um noch Maximalleistungen zu bringen. Dann werden sie „gemerzt“ (getötet) und ersetzt durch frischen Nachwuchs aus der Qualzucht.

Qualzucht und Intensivtierhaltung, eine unheilige Allianz

In der industriellen Massentierhaltung werden einseitig auf Leistung gezüchtete Tiere eingesetzt. Durch zu starke Ausprägung der Leistungsmerkmale treten sehr häufig Gesundheitsschäden auf. Oft sterben sie deshalb sogar verfrüht, Hühner und Schweine zum Beispiel (wegen zu schnellen Wachstums) an Herz- Kreislauferkrankungen. Die modernen Milchkühe leiden unter Euterentzündungen, Lahmheit und früh eintretenden Fruchtbarkeitsstörungen. Puten und Broiler leiden in großer Zahl unter Brustschwielen und Brustblasenentzündungen, weil ihre „Brustfilets“ so schnell zunehmen, dass die Tiere sich nicht auf den Beinen halten können. Sie fallen vornüber und liegen dadurch unnatürlicher Weise oft auf diesem Körperteil.

In der industriellen Massentierhaltung zählt nicht das Wohl der einzelnen Tiere, sondern am Ende muss die Kasse stimmen. Dabei wird oft mit hohen Mortalitätsraten kalkuliert, wie in der Hühnermast. Da gelten fünf Prozent „Ausfälle“ innerhalb eines Mastdurchgangs im Durchschnitt als normal! Bei 40.000 Broilern in einem einzigen Maststall sterben also innerhalb von knapp fünf Wochen ca. 2.000 Tiere, ohne dass im wahrsten Sinne des Wortes ein Hahn danach kräht; denn diese Sterberate ist bereits im Kalkül des Mästers eingerechnet. Jeden Tag werden in zwei Rundgängen eimerweise tote oder sterbende Tiere in den Masthallen eingesammelt. Nach inoffiziellen Informationen aus Amtstierarztkreisen sind die Mortalitätsraten allerdings in Wahrheit noch viel höher. Denn die Unternehmen liefern tatsächlich ca. 15 Prozent mehr Küken an die Lohnmäster aus, als auf dem Lieferschein stehen und abgerechnet werden – damit es hinterher kein Theater wegen der hohen „Ausfallrate“ gibt! Weil die toten Tiere beim Aufsammeln nicht gezählt werden, fällt diese Praxis kaum auf. Das bedeutet, es sind nicht 2.000, sondern häufig sogar bis zu 8.000 Küken und Hühner, die es in der drangvollen Enge der Agrarfabriken nicht bis zum 32. Lebenstag schaffen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass bis zu 25 schlachtreife Hühner auf einem Quadratmeter Stallfläche (in Deutschland maximal 39 kg/ m²) erlaubt sind, ist das auch kein Wunder.

Das beliebte Argument, dass nur Tiere, denen es wirklich gut geht, auch gute Leistung bringen, hat mit der Realität nichts zu tun. Das wird zum Einen mit konzentriertem Hochleistungsfutter erreicht, das aber oft nicht den natürlichen Ansprüchen und dem Fressverhalten der Tiere entspricht: So zum Beispiel die Flüssigfütterung bei Schweinen, die unter natürlichen Bedingungen 80 Prozent ihrer Wachzeit mit Durchwühlen des Bodens nach Futter und dem (Zer-)kauen von Wurzeln, Zweigen etc. verbringen. Zum Anderen kommen über das Futter oder die Tränke verabreichte illegale Leistungsförderer hinzu, die offensichtlich immer noch zuhauf eingesetzt werden – vor allem Antibiotika (siehe dazu unten die Studien aus der jüngsten Vergangenheit).

Klasse statt Masse ist die Lösung

Es ist höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel zum Leitmotiv „weniger ist mehr“, das das bisher gültige Motto „Wachse oder weiche“ ablösen muss. An die Stelle von mit antibiotikaresistenten Keimen verseuchter Massenware zu Schleuderpreisen müssen echte Qualitätserzeugnisse rücken, die auch die Tierwohlanforderungen erfüllen. Wenn diese Geschöpfe schon nur zu unserem Nutzen geboren werden und sterben müssen, sollten wir ihnen wenigstens ein Leben ohne Leiden ermöglichen. Wichtig ist, die durch fundierte wissenschaftliche Forschungsarbeiten in der Tierethologie mehr als hinreichend bekannten  physiologischen und psychologischen Bedürfnisse der Tiere in Bezug auf Platz, Bodenbeschaffenheit, Licht, Raufutter/Beschäftigungsmaterial, Zahl der Artgenossen pro Stall etc. zu befriedigen und ihnen damit das Ausleben ihrer arteigenen Verhaltensweisen zu ermöglichen. Dann müssen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch kaum mehr Antibiotika eingesetzt werden, schon gar nicht zur Prophylaxe oder als gesamte Bestandstherapie, wenn ein Tier erkrankt, wie derzeit meist üblich. Das zeigt auch die Überprüfung von Biowaren, die keine gegenüber Antibiotika resistenten Keime aufweisen (nur eine Antibiotikabehandlung ist pro Tier erlaubt, sonst kann es nicht mehr zu Bioware verarbeitet werden).

Die Akteure entlang der gesamten Lebensmittelerzeugungskette (und Vertreter der Vollzugsbehörden) sind gefordert, endlich die ihnen obliegende Verantwortung zu übernehmen. Dann können Tierhalter würdevolle Arbeitsbedingungen und ein gutes Auskommen haben und gleichzeitig dem Tierwohl gerecht werden. Dass dies angeblich aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht möglich sein soll, ist kaum denkbar. Reporter der ARD zeigten in einem Fernsehbeitrag am 9. Januar 2012, dass vier identische Warenkörbe mit Eigenmarken, eingekauft bei Netto, LIDL, REWE und EDEKA, zum exakt identischen Preis zu haben sind (Beitrag “Der LIDL-Check“ siehe unten).

Eine auf alles in Deutschland verkaufte Fleisch und Fleischerzeugnisse zu erhebende Gebühr, die dann in Form eines „Extensivierungsbonus“ an tierfreundliche Tierhalter ausgezahlt würde, könnte ein faires Einkommen für faire, extensivere Haltungsbedingungen garantieren (Beitrag siehe unten). Dabei muss auch wirklich alles vermeidbare Leid und vor allem der Gebrauch von Antibiotika verhindert werden. Dann könnte wohl auch die Welthandelsorganisation wegen der Abgabe auf Importfleisch kaum Einspruch erheben, da es sich um eine gesundheitsrelevante Maßnahme handeln würde. Gewinner wären die Tiere, aber auch die Tierhalter, die endlich für ihre Tierschutzleistungen angemessen honoriert würden.

Sabine Ohm, Europareferntin


Quellen und weiterführende Informationen: