Mäster im Vergleich - bitte keine voreiligen Schlüsse!

22.04.2013: SPIEGEL online vergleicht konventionelle und Bio-Schweinehaltung – ein richtiger Ansatz, aus dem wegen unzutreffender Verallgemeinerung die falschen Schlüsse gezogen werden.

Die pragmatische Herangehensweise der Co-Autoren Maria Marquart und Christian Teevs, durch Betriebsbesuche gängige Klischees zu hinterfragen, ist richtig und insofern löblich, als sich Journalisten am besten selbst ein Bild machen sollten. Wenn sie dann allerdings aufgrund von Einzelbetrieben undifferenzierte voreilige Schlüsse ziehen und verallgemeinerte Aussagen treffen, ohne die sonstige fachliche Praxis zu kennen oder überprüft zu haben, ergibt dies kein gutes Resultat.Richtig ist, dass nicht alle Biohaltungen perfektes Schweineglück auf der grünen Wiese gewährleisten und dass nicht alle konventionellen Tierhaltungen gleichzusetzen sind mit tierquälerischer Massentierhaltung. Das Fazit, das die Autoren ziehen (nachdem sie nur jeweils einen einzigen konventionellen und einen einzigen Bio-Hofbetrieb gesehen haben), ist aber doch arg einfach:

„Der Vergleich der Schweinemäster zeigt: Einige Klischees über Massentierhaltung haben nur wenig mit der Realität zu tun. Der konventionelle Betrieb setzt nicht flächendeckend Antibiotika ein, offenbar werden die Tiere auch nicht gequält. Mit moderner Klimatechnik versuchen die Landwirte, das Wachstum und die Fleischqualität der Schweine zu steuern.“

Damit, sowie im Rahmen des vorangehenden Berichts, wird der Eindruck erweckt, es sei gängige Praxis unter konventionellen Schweinehaltern, Antibiotika nur zur Einzeltierbehandlung einzusetzen. Es ist aber in Fachkreisen ein offenes Geheimnis, dass – trotz der gesetzlichen Regelungen – die meisten Ferkelerzeuger und Mäster sehr wohl Antibiotika über das Wasser und/oder das Futter an alle Tiere in einem Stall oder einer Herde verabreichen. Das geschieht offenbar häufig nicht nur zur Behandlung von in der Herde bereits aufgetretenen bzw. verbreiteten Krankheiten, sondern vor allem zu deren Vorbeugung, eventuell sogar zur generellen Leistungssteigerung. Eine von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen in Auftrag gegebene Studie belegte diese Vorgehensweise bereits in der Hühnermast. Für die Schweinemast sind die Ergebnisse einer vergleichbaren Studie, die NRW plant oder schon durchführt, noch nicht bekannt.
In der Biohaltung dagegen darf jedes Tier nur ein einziges Mal antibiotisch behandelt werden, sonst darf es nicht mehr als Bio-Schwein verkauft werden. Dass auch Bio-Schweine gelegentlich so krank werden, dass sie ein Antibiotikum brauchen, ist nicht auszuschließen. Aber eine Metaphylaxe (vorbeugende Antibiose des gesamten Bestands), zum Beispiel beim neuen Aufstallen von Ferkeln ins Flatdeck, gibt es in Biobetrieben definitiv nicht. In konventionellen Betrieben ist sie hingegen weitverbreitete Praxis.
Auch das routinemäßige, vorbeugende Schwanzkupieren – in den konventionellen Schweinehaltungsbetrieben zu fast 100 Prozent üblich – wird von den Autoren des Artikels verharmlost: „Betrachtet man die Tiere auf den beiden Höfen, fällt eins sofort auf: Die Schweine des konventionellen Mästers haben Stummelschwänze, die Bioschweine fast alle noch Ringelschwänze. Der Grund: In der konventionellen Haltung werden die Schwänze der kleinen Ferkel kupiert, also beschnitten. Eine Betäubung ist dabei nicht vorgeschrieben. Durch das Kupieren soll verhindert werden, dass die Tiere sich gegenseitig anfressen. Kritiker sagen, dies passiere nur, weil die Schweine in konventioneller Haltung zu wenig Platz hätten und sich langweilten. Doch obwohl die Tiere von Bäumer mehr als doppelt so viel Platz haben, fällt auf: Auch die Bioschweine knabbern sich gegenseitig an, manche Tiere haben blutige Schwänze.“


Statt sich bei Experten kundig zu machen, wird hier offenbar die Position der konventionellen Agrarindustrie nachgeplappert. Echte Fachleute würden nämlich niemals behaupten, das Schwanzbeißen passiere „nur, weil die Schweine in konventioneller Haltung zu wenig Platz hätten und sich langweilten.“ Richtig ist, dass dies zwei wichtige Faktoren, beileibe aber nicht die einzigen Ursachen für Schwanznekrosen und Schwanzbeißen sind. PROVIEH hat dazu umfangreiche Informationsmaterialien für Schweinehalter und die Öffentlichkeit zusammengestellt (siehe unten), in denen gezeigt wird, dass und wie das Schwanzbeißen auf konventionellen und Biobetrieben vermieden werden kann, was übrigens in der Schweiz bereits flächendeckend praktiziert wird.


Wir begrüßen einerseits die erhöhte Medienpräsenz von Themen rund um die Nutztierhaltung. Andererseits hoffen und wünschen wir uns aber auch, dass im Zeitalter von Internet und Google Journalisten künftig besser recherchieren um ihren Leserinnen und Lesern fachlich richtige Darstellungen zu bieten.
Die betäubungslose Amputation der Ringelschwänze bei wenigen Tage alten Ferkeln stellt aus Sicht von PROVIEH nicht nur eine Tierquälerei dar. Sie verdeckt auch zum Teil schwere Haltungs- und Managementfehler (Stallklima, Fütterungs- und Tränkefehler, Endotoxinvergiftungen etc.), die bei unkupierten Schwänzen in der konventionellen Haltung zu Kannibalismus in der Herde führen würden. Es muss endlich Schluss damit sein, die Tiere aufgrund ökonomischer Zwänge für die Verhältnisse in Massenställen zurechtzustutzen. Haltung und Management müssen so angepasst und verbessert werden, dass solche Eingriffe nicht mehr notwendig sind, also auch alle Ferkel intakte Ringelschwänze behalten dürfen.

Sabine Ohm, Europareferentin


Quellen und weiterführende Informationen