Verloren im Dschungel der Siegel und Label

25.04.2013: Weiße Sterne, die auf grünem Hintergrund ein Blatt formen. Sagt Ihnen das etwas? Wenn nicht, gehören Sie laut einer Studie der Universität Göttingen zu jenen 95 Prozent, die das im Jahr 2010 eingeführte Europäische Bio-Siegel nicht kennen. Viele Verbraucher sind angesichts der schieren Flut verschiedener Siegel überfordert. Die meisten sind ihnen unbekannt.

Das sechseckige deutsche Biosiegel ist laut der Studie unter Leitung von Prof. Achim Spiller mit 72 Prozent noch das mit Abstand bekannteste. Daneben sollen Verbraucher mittlerweile zwischen den Siegeln der Ökoverbände und solchen unterscheiden können, die ein Mehr an Tierwohl nur suggerieren. So vergeben beispielsweise die Ökoverbände Demeter, Bioland, Naturland, Biokreis, Ecoland, Gäa und Thönes Natur eigene Siegel. Daneben existieren zahlreiche Siegel und Labels der Handelsmarken wie Alnatura, BioBio, EDEKA Bio, REWE Bio, Bio GRENO, Von Hier oder enerBio. Dazu kommen solche Siegel, die mehr Tierwohl nur suggerieren, wie zum Beispiel „DLG-Prämiert“, „QS - Ihr Prüfsystem“ oder „Bewusst wählen“.  Angesichts dieser Unübersichtlichkeit und nicht zuletzt wegen der „Schwarzen Schafe“ verwundert es nicht, dass die Verbraucher zunehmend verwirrt sind und ihr Vertrauen in die Siegel und Label schwindet.

Die höchsten Vertrauenswerte erreicht das deutsche Bio-Siegel. Es kommt aber auch nur auf 54 Prozent. Viel zu unbekannt ist dagegen das Neuland-Gütesiegel. Es garantiert deutlich höhere Tierhaltungsstandards, wird aber nur von 18 Prozent der Befragten erkannt. Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, ob von mehr und neuen Gütesiegeln und Labeln eine Verbesserung des Tierwohls zu erwarten ist.

Das Angebot an Bioprodukten besteht seit Jahrzehnten und trotzdem entfallen beim Fleischumsatz immer noch nur rund 2 Prozent auf Bioware, trotz des oft beschworenen „Bio-Booms“. Ob es nur am verwirrten Verbraucher liegt oder nicht - in anderen Umfragen (Allensbach, Emnid) kommt regelmäßig heraus, dass 80 - 90 Prozent der Verbraucher artgerechte Tierhaltung erwarten und wünschen. Das Verbraucherverhalten ist aber als Steuerungsinstrument erkennbar nicht ausreichend.

Für die Diskrepanz zwischen Verbraucherwunsch und Einkaufsverhalten kommen mehrere Gründe in Frage. Entweder ist die Mehrheit der Konsumenten nicht bereit, ihr Einkaufsverhalten zu ändern, weil sie sich nicht in der Verantwortung sieht, oder sie vertraut nicht darauf, dass die Label und Siegel ihre Versprechen halten. Oder der Preisabstand ist letztendlich einfach zu groß, nach dem Motto: erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral. Da diese Kluft seit mehr als einer Generation besteht, stellt sich die Frage, wie viele Generationen es noch dauern soll, die unerträglichen Zustände in der industriellen Intensivtierhaltung zu beenden.

Auch der Mensch hat ein angeborenes Nahrungssuchverhalten. Der einfachste Weg sich seine Nahrung zu beschaffen besteht darin, im Supermarkt zum günstigsten Produkt zu greifen. Anscheinend ist dieses angeborene Verhalten sehr stark. Wie sonst ließe sich erklären, dass quer durch alle Bildungs- und Einkommensschichten mit Vorliebe das billigste Produkt im Einkaufswagen landet?

Das Anreiz- und Bonitierungssystem

Vor diesem Hintergrund hat PROVIEH gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe ein Anreiz- und Bonitierungssystem erarbeitet, das Tierwohl erstmals zum Leistungskriterium machen soll. Wie können einerseits dem Wunsch der Bevölkerung nach artgerechter Tierhaltung Rechnung getragen und gleichzeitig die ökonomische Lage der Landwirte berücksichtigt werden?

Grundgedanke ist, das gelebte Tierwohl vorrangig am Tier selbst zu erfassen. In einem ersten Schritt könnten dazu die Kontrollen im Schlachthof genutzt beziehungsweise ausgeweitet werden, da man zum Beispiel an einem heilen, ganzen Ringelschwanz schon sehr viel über gute Management- und Haltungsbedingungen ablesen kann. Hat ein Landwirt auf Grundlage dieser Kontrollen nachweislich für ein Mehr an Tierwohl gesorgt, so kann dies mit einer Prämie belohnt werden (zum Beispiel Ringelschwanzprämie, s.u.). Diese Prämie könnte aus einem unabhängigen Fonds gezahlt werden, der vom Lebensmitteleinzelhandel beziehungsweise letztlich von den Käufern von Fleisch und Fleischwaren finanziert würde. PROVIEH befindet sich in Verhandlungen mit führenden Köpfen des Agrar- und Schlachtsektors sowie des Lebensmitteleinzelhandels, um die Details einer freiwilligen branchenweiten Lösung auszuarbeiten. Dies ist nach unserer Einschätzung nötig und möglich.

Mit einem solchen Modell würden erstmals Tierwohl und wirtschaftliches Interesse auf ganz breiter Basis - und ohne Label - miteinander verknüpft. Wirtschaftlichkeit und Tierwohl müssen nicht in einem Widerspruch zueinander stehen. Verbesserungen für viele Tiere könnten in greifbare Nähe rücken und Produkte aus artgemäßer Tierhaltung könnten in der Breite vermarktet werde, statt wie bisher ihr Dasein in der „Wohlfühlecke“ der Supermärkte ein Nischendasein zu fristen.

Transparenz für den Verbraucher ist ein hohes Gut. Siegel und Label können - wenn sie glaubwürdig sind - einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Die Masse der Konsumenten und damit der gehaltenen Tiere erreichen sie aber erkennbar nicht. Übrigens erkannten in der Studie der Universität Göttingen mehr Verbraucher ein fingiertes (erfundenes) Umweltlabel als das offizielle EU-Siegel.

Emil Graeber


Lesen Sie weiter über unser Anreiz- und Bonitierungssystem.

Unseren Vorschlag für eine Ringelschwanzprämie.