„Nachhaltige Schweineproduktion“ in den Niederlanden – mehr Schein als Sein?!

17.07.2013: Die niederländischen Lebensmittelketten wollen ab 2015 nur noch Schweinefleisch ein- und verkaufen, das bestimmte von ihnen festgelegte Kriterien erfüllt. Das geht aus einer im Mai 2013 veröffentlichten Rahmenvereinbarung der niederländischen Lebensmitteleinzelhändler über „nachhaltige Schweineproduktion ab 2015“ hervor. Doch man darf zweifeln, ob es hier um echtes Tierwohl oder nur um Marketing geht.

Foto: © freeanimalpix

Eine Ausgleichszahlung vom Handel an die Bauern ist in der Vereinbarung nicht vorgesehen. Der Markt solle das regeln, heißt es. Unklar ist derzeit noch, wer die Umsetzung wann und wie kontrollieren wird, da die Überprüfung zum Teil sehr aufwändig ist.

Kurzgefasst verlangt die Rahmenvereinbarung:

  • eine vierwöchige Säugezeit (Das ist richtig, aber Wachsamkeit ist geboten, denn es kann sich ein Zielkonflikt mit der Sauenkondition / Langlebigkeit der Sauen ergeben.)
  • ein Verbot des Eckzähneschleifens (Das ist durch die EU-Richtlinie bereits verboten, steht aber in Zielkonflikt mit der Gesäugegesundheit und möglichen Bissverletzungen durch Rangkämpfe um gute Zitzen.)
  • ab 2014 den Verzicht auf die chirurgische Ferkelkastration (Die Ebermast ist auf dem inländischen Markt in den Niederlanden bereits umgesetzt.)
  • nicht, dass das Schwanzkupieren verboten wird, aber es soll „nach Möglichkeit vermieden“ werden (Da kein Raufutter als Beschäftigungsmaterial vorgeschrieben wird ist, scheint diese Sollnorm illusorisch.)
  • ab 2015 50 Prozent mehr Platz für Ferkel und für Mastschweine in der Endmast  25 Prozent mehr Platz (Diese Erfordernis könnte das Tierwohl befördern, sie ist aber sehr teuer. Es  fragt sich, in welchen Gewichtsklassen die Regelung greift und wann und wie gut sie kontrolliert wird.)
  • eine Begrenzung der Transportzeit auf vier Stunden (Die Frage ist, ob das nur für Schlachtschweine gilt und somit eher Konkurrenz ausschalten soll, oder sich auch auf den holländischen Exportschlager Ferkel bezieht…)
  • eine Qualitätskontrolle des Tränkwassers (Diese ist eigentlich gesetzlicher Mindeststandard, wird allerdings häufig nur schlampig durchgeführt, so dass diese Erfordernis sehr sinnvoll ist.)
  • eine relative Minderung des Antibiotikaeinsatzes um 70 Prozent  im Vergleich zu 2009 (2009 war eines der Rekordjahre mit sehr hohem Antibiotikaeinsatz in Holland, so dass dieses Kriterium bereits heute weitgehend umgesetzt ist.)
  • die Fütterung von „verantwortlich produziertem Soja“ (Sollte hier RTRS-Soja gemeint sein, so fällt darunter auch gentechnisch manipuliertes und mit Glyphosat behandeltes Soja. Von deutschen und den meisten internationalen Umweltverbänden wird diese Aussage daher als weichgespülte Industrieinitiative kritisiert.)

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass hier offenbar wieder (wie schon beim „Tierwohllabel“ Beter Leven) viel Wind gemacht wird um relativ wenige echte und verlässlich messbare Fortschritte in Sachen Tierwohl. Der Ringelschwanz, der eindeutig und unbestritten beste (und sehr leicht zu verifizierende) Indikator für echtes Tierwohl, darf in Holland weiterhin kupiert werden. Das muss als größter Tierschutz-Mangel dieser „Nachhaltigkeitsinitiative“ kritisiert werden. Denn die Schweizer beweisen seit 2008, dass und wie man Ringelschwänze intakt lassen kann, auch in konventionellen Vollspaltenställen.

Abzuwarten bleibt zudem, wie die Kriterien letztlich genau definiert und dann auch geprüft werden, wobei die Erfahrungen aus den letzten Jahren mit dem Tierschutzprogramm Beter Leven den Verdacht auf „mehr Schein als Sein“ aufkommen lassen.

In Deutschland arbeitet PROVIEH in einem Initiativkreis seit 2010 an einem Bonitierungssystem für mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit mit. Es handelt sich dabei um eine freiwillige Branchenlösung, die allen offen steht und von den Erzeugern schrittweise über einen längeren Zeitraum umsetzbar ist.

Die Verhandlungen mit Vertretern aus der Landwirtschaft, der Schlachtbranche und dem Lebensmitteleinzelhandel sowie aus Beratung und Wissenschaft über die endgültige Ausgestaltung streben ihrem Ende zu. Verschiedene Tierwohlmaßnahmen und ihre Ergebnisse sollen dabei vom Lebensmitteleinzelhandel bonitiert werden, wobei die Bauern aus einem eigens dafür eingerichteten Fonds Geld erhalten sollen (zum Beispiel für einen heilen, gesunden Ringelschwanz). Nur so können die Tierhalter die notwendigen Mittel für die Umsetzung der Tierwohlmaßnahmen bekommen. Das müssen die Verbraucher bezahlen; denn mehr Tierwohl ist nicht zum Nulltarif zu haben. Um die Verbraucher nicht zu täuschen, darf vorerst kein „Tierwohl“-Etikett draufstehen, wo (noch) kein Tierwohl drin ist – also mindestens so lange nicht, bis die Schweine mit unversehrtem Ringelschwanz am Schlachthof ankommen.

Sabine Ohm, Fachreferentin für Schweinehaltung

  • Eine ausführliche Würdigung der einzelnen Kriterien dieser Rahmenvereinbarung finden Sie hier als PDF zum download.

Weitere Informationen:

PROVIEH schlägt Bonitierungssystem für mehr Tierwohl vor (15.12.2012; siehe auch: PROVIEH-Magazin 4/2012)

Kein besseres Leben für deutsche Schweine durch Zollstock-Tierschutz zu erwarten (12.11.2012)