Das „Schweine-Mobil“ – Greenwashing-Versuch der Agrarlobby zum Scheitern verurteilt

11.09.2013: Betriebe mit „moderner Tierhaltung“ stehen mit dem Rücken an der Wand. Zu grauenhaft ist die gepriesene Tierhaltung vielerorts. Als Gegenreaktion verabschiedete der Deutsche Bauernverband e.V. (DBV) am 27. Juni 2013 sein „Leitbild Nutztierhaltung – Unser Blick, Unsere Verantwortung, Unsere Nutztierhaltung“. Ein traumhaftes Leitbild wird gezeichnet, das so gar nicht zur Wirklichkeit passen will.

Der Idealisierung der „modernen“ Landwirtschaft ist auch die „Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft e.V.“ (FNL) gewidmet, ein Lobbyverein der Agrarindustrie. Gehe es nach diesem Verein, ist zum Beispiel eine Verbesserung der Schweinehaltung nicht möglich, weil sie besser nicht sein könne.

Um dieses Idealbild attraktiv zur Schau stellen zu können, hat das die FNL das so genannte „Schweine-Mobil“ entwickelt. Es wurde erstmals auf der Internationalen Grünen Woche 2013 in Berlin vorgestellt und seither verschiedentlich in Deutschland gezeigt – so auch jüngst auf der Agrarmesse NORLA in Rendsburg. Das „Schweine-Mobil“ besteht aus einem „speziell konstruierten 3,5 Tonnen-Anhänger mit einer integrierten Mastläuferbucht inklusive funktionsfähiger Stalltechnik, … die einen Einblick in einen modernen Mästläufer-Stall gewährt“. Es könne „ab 2013 gegen Kaution und Nutzungsgebühr einsatzbereit an beliebigen Orten für eine objektive Information über die moderne, strohlose Schweinehaltung genutzt werden, also auf Ausstellungen, Hoffesten usw.“

Der Schaustall ist mit einem realitätsnahen, kahlen Vollspaltenboden und Plastikspielzeugen ausgestattet, Raufutter wird nicht angeboten – eintöniger geht’s also kaum. Zur Schau wird der Stall mit weniger Schweinen besetzt als eine gleich große Fläche eines Praxisbetriebs. Viel schlimmer ist allerdings die freche Lüge in der Informationsbroschüre, „die moderne Schweineproduktion“ erfülle die vom Tierschutz geforderten Fünf Freiheiten. Das krasse Gegenteil ist der Fall. Jede einzelne dieser Freiheiten wird verletzt:

  1. Freiheit von Hunger und Durst (Zugang zu frischem Trinkwasser und gesunder Nahrung): Jüngste Untersuchungen zeigten, dass in vielen Schweineställen nicht einmal sauberes Trinkwasser Realität ist, weil es zum Teil sehr hoch mit Keimen belastet ist. Absatzferkel können in den ersten Tagen nach der Trennung von der Muttersau die ungewohnten Nippeltränken im Flatdeck oft noch nicht bedienen und leiden deshalb unter Durst. Schweine bekommen zudem meist nur hochenergetische, proteinreiche Flüssig- oder Breifütterung, damit sie möglichst schnell zunehmen. Zu kauen kriegen sie nichts, auch kein Raufutter; deshalb können sie kaum ein Sättigungsgefühl entwickeln, und es kommt häufig zu Beißereien an Ohren oder Schwänzen von Buchtgenossen. Die überwiegende Mehrheit der Schlachtschweine weist laut Schlachthofbefunden auch Reizungen im Magen-Darmtrakt auf – kein Zeichen für gesunde Ernährung.
  2. Freiheit von Unbehagen (angemessenes Lebensumfeld mit Unterschlupf und bequemem Liegeplatz):

Im Freiland bauen sich Schweine (auch freigelassene Hybridschweine moderner Züchtungen!) täglich ein Schlafnest aus Gräsern und Zweigen und verbringen 70 Prozent ihrer Wachzeit mit der Erkundung ihrer Umgebung, hauptsächlich zur Futtersuche und –aufnahme. Das alles ist in einem kahlen Industrie-Stall wie dem des „Schweine-Mobils“ nicht möglich. In Großgruppenbuchten leben teilweise mehrere hundert Tiere, was seit einigen Jahren modern ist. Stabile Hierarchien können sich in diesem Gewühle nicht herausbilden (in der Natur zählen Schweinerotten selten über 30 Tiere). Von einem angemessenen Umfeld kann für die hochintelligenten und sensiblen Schweine in dieser reizlosen Umgebung mit ein paar künstlichen (und daher auf Dauer uninteressanten) Spielzeugen keine Rede sein.

  1. Freiheit von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten (Verhütung bzw. schnelle Behandlung):

Schweine werden – ähnlich wie Geflügel – in fast allen konventionellen Betrieben mehrmals im Leben mit Antibiotika behandelt, oft auch zur „Einstallungsprophylaxe“, wenn Tiere aus verschiedenen Buchten neu gemischt werden. Gesundes Leben sieht anders aus. Zu den häufigen Leiden gehören Liegebeulen und Gelenkentzündungen wegen harter Böden ohne Einstreu, Klauenverletzungen wegen schadhafter scharfer Kanten an den Spaltenböden, Lungenschäden wegen ammoniakhaltiger Luft, Magen-Darmreizungen durch einen Mangel an Raufutter sowie gegenseitige Aggressionen wegen Langeweile und Frustration.

  1. Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensweisen (ausreichendes Platzangebot, angemessene Funktionsbereiche und sozialer Kontakt zu Artgenossen):

Auf 0,75 Quadratmetern soll ein 100 Kilogramm schweres Mastschwein seine normalen Verhaltensweisen ausüben können? Mit erlaubten 12 Tieren in einer 3 x 3 Quadratmeter großen Bucht können die Tiere kaum einmal gleichzeitig in entspannter, natürlicher Seitenlage liegen oder sich natürlich bewegen, sie können sich bei Rangkämpfen nicht ausweichen und ihren Kot nicht mindestens drei Meter vom Futterplatz absetzen. Und von frischer Luft und Auslauf nach draußen können 99 Prozent der Schweine in Deutschland nur träumen.

Auch Kontakt zu natürlichem Licht und Tagesrhythmus haben längst nicht alle Schweine: Eine Ausnahmeregelung erlaubt in Altbauten die Haltung in „Dunkelställen“ ohne Fenster mit rein künstlichem Licht. Hunderttausende Schweine werden so von Agrarinvestoren in alten LPG-Ställen in den ostdeutschen Bundesländern gehalten.

Sauen werden über die Hälfte des Jahres in enge Metallkäfige gesperrt, in denen sie sich nicht einmal umdrehen können. Das gilt auch für die Zeit rund um die Geburt der Ferkel, so dass sie weder ihren Nestbau- noch ihren Bemutterungsinstinkt ausleben können. Sie bekommen oft mehr Ferkel, als sie funktionsfähige Zitzen haben, und werden durch die hohe Belastung so ausgelaugt, dass viele schon nach zwei bis drei Jahren geschlachtet werden müssen. Die Ferkel werden meist viel zu früh (nach nur drei Wochen Säugezeit) von der Mutter getrennt, bisweilen sogar systematisch ganz mutterlos mit einer „künstlichen Amme“ aufgezogen. Das kann neben Immunschwäche auch zu schweren Verhaltensstörungen führen, weil sie ihren Saugtrieb nicht oder nur unzureichend ausleben konnten.

  1. Freiheit von Angst und Leiden (Haltungsbedingungen und Behandlungen, die Leiden vermeiden):

Routinemäßig werden fast alle Ferkel im Alter von etwa drei bis vier Tagen in gleich mehrfacher Hinsicht verstümmelt: Der Ringelschwanz wird abgeschnitten, die Eckzähne werden abgeschliffen, und die männlichen Tiere werden kastriert – alles betäubungslos und ohne wirksame Schmerzausschaltung.

Die Luftkühlungsvorrichtungen, so überhaupt vorhanden, schaffen im Sommer meist keine ausreichende Temperatursenkung, um Hitzestress zu verhindern. Ab ca. 25 ° C beginnen die Schweine darunter zu leiden, dass sie sich nicht abkühlen können, weil es in den konventionellen Ställen keinerlei Suhlen gibt und sie von Natur aus nicht schwitzen können. In ihrer Verzweiflung wälzen sich die Tiere bei Hitze also dort, wo sie koten und urinieren, um ihre Haut abzukühlen, was sie aus ihrem natürlichen Reinlichkeitsinstinkt heraus eigentlich niemals täten.

Fazit: Die „moderne Schweinehaltung“ ist alles andere als ideal. Die Fünf Freiheiten (Grundbedürfnisse der Schweine) werden mitnichten erfüllt. In solchen kahlen Vollspaltenböden nur mit künstlichem Spielzeug und ohne Raufutter, wie sie das „Schweine-Mobil“ treffend zeigt, herrscht viel Tierleid. Viele Verbesserungen wären unverzüglich möglich, wenn den  Schweinehaltern der Mehraufwand vergütet würde. Zu dieser Einsicht gelangte die gesamte Branche. Auf Initiative von PROVIEH wurde inzwischen ein Bonitierungssystem für Schweinewohl entwickelt, das der Praxisreife immer näher kommt (wir berichteten). Ernsthaftes Bemühen zahlt sich aus, lügnerische Illusionen schaden. Deshalb ist der Greenwashing -Versuch der Agrarlobby zum Scheitern verurteilt.

Sievert Lorenzen, Vorsitzender von PROVIEH-VgtM e.V.

  • Hier können Sie sich den Werbeflyer anschauern, mit dem der FLN für das Schweinemobil wirbt.