Jute im Test - Nestbaumaterial für Sauen

23.09.2013: Die Instinkte der Wildschweine leben auch bei den „modernen“ Hochleistungs-Schweinen fort. Auch sie wollen ihre Umgebung ausgiebig nach Fress- und Kaubarem durchstöbern und dabei auch den Boden mit dem Rüssel durchwühlen. Steigen die Temperaturen auf über 20 ° C, würden sie sich gerne suhlen, um ihren Wärmehaushalt zu regulieren, denn sie können nicht schwitzen. Und kurz vor der Geburt ihrer Ferkel wollen Sauen gern ein Nest bauen, in dem die Kleinen die ersten Wochen nach der Geburt warm und bequem liegen.

Dieser Mutterinstinkt zeigte sich überraschend deutlich bei einer erstgebärenden Jungsau, die 2012 beim „Umstallen“ in den Abferkelstall ausbüxte, in den nächstgelegenen Wald rannte und dort ein Nest baute, in dem sie die Ferkel gebar und behütete (siehe PROVIEH-Magazin 4/2012).

In den konventionellen Abferkelställen bleibt den meisten Sauen das Ausleben des Mutterinstinkts verwehrt. Das Argument der Sauenhalter lautete: Organische Nestbaumaterialien wie Stroh können nicht angeboten werden, weil sie die Spalten der Spaltenböden verstopfen würden. Deshalb schreibt die EU-Richtlinie für Schweinehaltung (120/2008/EG) das Anbieten von Nestbaumaterial auch nur für den Fall vor, dass es mit dem Güllesystem kompatibel ist. Das ist in den normalen konventionellen Betrieben nicht der Fall, also werden Stroh oder andere naturnahe Materialien dort nicht angeboten.

Zur Abhilfe prüften holländische Wissenschaftler, ob Jutesäcke als Nestbaumaterial angenommen werden und mit Spaltenböden kompatibel sind. Die Tests fanden auf Versuchsgütern und in konventionellen Betrieben mit Spaltenböden statt und verliefen durchweg positiv (siehe PROVIEH-Magazin 4/12). So wurde die Ausnahmeregelung der EU-Richtlinie entkräftet. Deshalb stehen jetzt auch deutsche Sauenhalter unter Zugzwang, denn aus einem anderen Grund müssen sie sowieso mit Kontrollen der EU-Inspektoren rechnen: Seit dem 1. Januar 2013 ist die Gruppenhaltung tragender Sauen in der gesamten EU vorgeschrieben (in Großbritannien bereits seit 1999), aber nach aktuellen Angaben der EU- Kommission halten sich bisher nur 13 Mitgliedsstaaten an diese Vorschrift. Deshalb wurden schon im Februar 2013 Vertragsverletzungsverfahren gegen neun Länder eingeleitet, unter ihnen Deutschland, Belgien, Dänemark, Frankreich und Polen. Die EU-Inspektoren werden bei ihren Kontrollen sicherlich auch auf die Bereitstellung von Nestbaumaterial achten.

Einer der ersten in Deutschland, die auf die neuen Erkenntnisse positiv reagierten, ist Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes  (DBV) und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des DBV. Er hält 500 Sauen mit angeschlossener Ferkelaufzucht auf seinem Betrieb in Rethwisch bei Bad Oldesloe und erregte Anfang dieses Jahres Aufmerksamkeit durch eine gewagte Kommunikationsoffensive: Eine Kamera (Webcam) in seinem Abferkelstall sendet über das Internet alle 20 Sekunden reale Bilder von drei konventionell fixierten Sauen in ihrer Zeit vor, bei und nach der Geburt der Ferkel (siehe www.bauernverbandsh.de).

Mit diesen Bildern aus der modernen Landwirtschaft will Werner Schwarz den Menschen eine realistische Vorstellung von der heutigen Tierhaltung vermitteln und für Vertrauen in die Schweinehaltung werben. Diese Offensive ist nicht verwunderlich angesichts der vielen Medienberichte über Missstände in Schweine- und Hühnerställen, die zur Erregung der Öffentlichkeit geführt haben. Allerdings erntete Schwarz für seine Offensive zunächst herbe Kritik, die oft unter die Gürtellinie ging, wie er sagte. Aber er hielt durch; denn er will den Menschen vor Augen führen, dass sich die Standardware „Schweinefleisch“ durch die ewige Schnäppchenjagd und den Preisdruck heute eben nicht anders produzieren lässt. Wer mehr will, muss mehr bezahlen. Das ist seine Devise. Die hat ihn auch zu einer positiven Einstellung gegenüber dem von PROVIEH erdachten und mit dem „Initiativkreis für Tierwohl“ ausgearbeiteten Bonussystem (siehe Bericht in diesem Heft) geführt, und im Gespräch mit PROVIEH stimmte er sogleich der Idee zu, auf seinem Betrieb einen Pilotversuch mit Jute als Nestbaumaterial zu starten.

Ein erster Probedurchlauf mit zwei Jutesäcken vor laufender Webcam im Juni 2013 verlief noch nicht perfekt, weil die eine Sau die Jute aus der Befestigung riss. Denn in den Stunden vor der Geburt zerrten die Sauen zum Teil heftig an ihrem Jutesack und kauten und bissen auf ihm herum. Bei Beginn der Geburt wurde der Jutesack abgenommen und als Liegefläche auf das Ferkelnest gelegt (eine geheizte Bodenplatte etwas abseits der Sau). Die Ferkel nahmen die Jute gut an – wohl auch, weil sie nach dem Bekauen durch die Sau „nach Mama“ roch. Nun läuft auf dem Betrieb von Schwarz eine umfangreichere Prüfung auf Praxistauglichkeit und Umsetzbarkeit mit mehr Sauen und anderer Befestigungsmechanismen, weiterhin vor laufender Webcam. Sobald die beste Zuschnittgröße des von PROVIEH gelieferten Jutematerials und die beste Materialbefestigung ausgetüftelt sind, kann PROVIEH mit dem Versand von Nestbausets an deutsche Sauenhalter beginnen, um die Methode zu verbreiten.

Unser Wunsch und weitergehendes Ziel lautet: In Deutschland und hoffentlich in ganz Europa (wie heute schon in der Schweiz) möge die freie Abferkelung und Stroh als Nestbaumaterial eines Tages üblich sein. Bis dahin ist die Bereitstellung von Jute ein zwar kleiner, aber doch wichtiger Schritt, den Nestbauinstinkt der Sauen jedenfalls schon etwas zu befriedigen.

Sabine Ohm

Fotos: © PROVIEH