Was verbirgt sich hinter dem Bio-Siegel?

Seit Beginn des „ökologischen Landbaus“ (s. INFOBOX) in Deutschland im Jahre 1924 garantierten dieBIOSIEGEL nach und nach gegründeten ökologischen Landbauverbände die Einhaltung ihrer jeweiligen verbandseigenen Richtlinien selbst.


INFO: Der ökologische Landbau ist eine besonders umwelt- und ressourcenschonende Form der Landwirtschaft, die versucht, im Einklang mit der Natur zu wirtschaften. Berücksichtigt wird dabei das enge Zusammenspiel von Boden, Pflanzen, Tier und Mensch sowie eine schonende und naturbelassene Weiterverarbeitung der Lebensmittel. Für die Tierhaltung bedeutet dies: Bindung an die Fläche, tiergerechte Haltung mit Auslauf, ökologisch ausgerichtete Fütterung ohne Zusatz von Antibiotika und Leistungsförderern, Tiergesundheit vor allem durch natürliche Widerstandskraft.


Die seit 1991 geltende EG-Öko-Verordnung (EWG) Nr. 2092/91 zur Einhaltung gesetzlicher Mindeststandards für den ökologischen Pflanzenbau gilt seit 24.08.2000 auch für die ökologische Tierhaltung bzw. tierische Erzeugnisse. Das im September 2001 eingeführte staatliche Bio-Siegel garantiert die Einhaltung des EU-Mindeststandards bei der Erzeugung des jeweiligen, mit dem Siegel gekennzeichneten Produkts. Damit sind die Begriffe „Öko“ und „Bio“ geschützt.

„Bio“ darf nur das Produkt im Namen tragen, dass zu 95 % Zutaten aus ökologischem Anbau enthält. Alle ökologischen Lebensmittel können auch Bezeichnungen wie „biologisch“, „ökologisch“ sowie auch Wortkombinationen (z.B. biologisch-dynamisch) tragen. Zur gesetzlichen Absicherung des Bio-Siegels dient das Öko-Kennzeichengesetz vom 15.12.2001, das zum Schutz vor missbräuchlicher Verwendung des Bio-Siegels auch Straf- und Bußgeldvorschriften beinhaltet. Staatlich anerkannte private Öko-Kontrollstellen wachen über die Einhaltung der Kriterien und Kennzeichnung. In Deutschland erfolgt auf allen Öko-Lebensmitteln die Angabe des verantwortlichen Kontrollbetriebs, in der Regel in Form einer Codenummer: DE-099-Öko-Kontrollstelle. Mittlerweile kennzeichnen 742 Unternehmen (davon 7 % aus dem Ausland) 14.844 Produkte mit dem Bio-Siegel (zum Produktionsumfang s. Abbildung).

Entscheidend dabei ist der Begriff „Mindeststandard“. Denn die ökologischen Anbauverbände in Deutschland realisieren – entsprechend ihrer Verbandsrichtlinien - höhere Standards, als es die EU vorschreibt. Dies führt faktisch zu einer Zwei-Klassen-Einteilung für Bio-Produkte. Nach EU-Norm darf beispielsweise ein landwirtschaftlicher Betrieb teilweise konventionell und teilweise ökologisch erzeugen.
Die deutschen Anbauverbände verlangen aber die komplette Umstellung eines Hofes auf ökologische Produktionsweise. Weiter erlauben die EU-Vorschriften bis 2011 Ausnahmen von der Regelung, dass Säugetiere und Vögel Zugang zu Weide- oder Freigelände haben.
Das gleiche gilt für den Zugang für Wassergeflügel zu einem Gewässer. Die Hälfte der Bodenflächen darf Gitter- oder Spaltenkonstruktion sein. Schnabelstutzen und Gummiringe, die zum Absterben des Schwanzes führen, werden toleriert, so lange es sich nicht um „systematisch durchgeführte Maßnahmen“ handelt. Immerhin: Geflügel darf nicht in Käfigen gehalten werden. Antibiotika werden nicht mehr vorbeugend, sondern nur im Falle einer tatsächlich vorliegenden Krankheit eingesetzt. Schweine erhalten zusätzlich zur Tagesration Raufutter. Gentechnik und Embryotransfer - als Verfahren der künstlichen Vermehrung - sind verpönt. Leider hat es sich, seit der Einführung des staatlichen Bio-Siegels im September 2001, gezeigt, dass Verbraucherinnen und Verbraucher die Differenzierung zwischen dem Mindeststandard des Bio-Siegels und dem Standard der Siegel der deutschen Anbauverbände nicht immer nachvollziehen können. Die Preisunterschiede zwischen Produkten aus „nur“ staatlich anerkannter Bio-Produktion und den teureren Erzeugnissen der Anbau-Verbände sind schwer vermittelbar. Diese Entwicklung hatten nicht nur die ökologischen Anbauverbände bereits bei Einführung des staatlichen Biosiegels befürchtet. So argwöhnte zum Beispiel der Geschäftsführer des BUND, Gerhard Timm: „Die bislang hohe Qualität unserer Bioprodukte wird sich verschlechtern“ (Berliner Zeitung).

Verbraucherschutzministerin Renate Künast hoffte hingegen auf einen umgekehrten Trend: „Ich bin mir sicher, dass wir die EU-Standards in den nächsten Jahren weiter verbessern.“ Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hingegen urteilte: „Für eine Übergangsphase hilfreich“ (taz). Die überwiegenden kritischen Einschätzungen scheinen sich zu bestätigen. So bezeichnen Direktvermarkter Produkte des Bio-Siegels mittlerweile als „Billig-Bio“ (s. Kritischer Agrarbericht 2003).

PROVIEH - Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung e. V. empfiehlt den Verbraucherinnen und Verbrauchern: „Wer allerdings nicht möchte, dass der ruinöse Preiskampf auf dem Bio-Sektor zu Lasten der deutschen ökologischen Anbauverbände entschieden wird, dem darf das staatliche Bio-Siegel nicht genügen. Stattdessen sollte er auf die zusätzliche Kennzeichnung durch einen Anbauverband seiner Wahl achten“, so Sven Garber stellvertretender Vorsitzender des Vereins.

Weitere Informationen: http://www.bio-siegel.de, http://www.oekolandbau.de, Der kritische Agrarbericht 2003, Ökologischer Landbau, S. 105 - 144
Bezugsquellen von ökologischen Lebensmitteln: http://www.allesoeko.net