Das Angler Sattelschwein

Seinen Namen trägt das Angler Sattelschwein nicht etwa, weil es als Reittier genutzt werden kann, sondern wegen der weißen sattelähnlichen Färbung, die von der Rückenmitte bis zu den Vorderbeinen reicht.

Zuchtgeschichte

Im schleswig-holsteinischen Angeln – einer Halbinsellandschaft zwischen der Flensburger Förde und der Schlei – gewann ab 1860 neben der Milchviehhaltung die Schweinehaltung an Bedeutung. Doch das damals verfügbare Marschschwein genügte nicht den Ansprüchen der Schweinemäster: Die Schweine wuchsen zu langsam heran, und die Muttertiere brachten nicht genug Ferkel je Wurf. Auf der Suche nach einer geeigneteren Rasse wurde eine kleine Gruppe engagierter Züchter aus der Gegend um Süderbrarup, einer Gemeinde in Angeln, auf das englische Wessex Saddleback-Schwein (Wessex Sattelschwein) aufmerksam. Dieses schwarz-weiße Schwein ähnelte im Erscheinungsbild und seinem Körperbau dem Marschschwein. Der Süderbraruper Landwirt Julius Carstensen brachte 1926 von seiner Englandreise eine tragende Sattelschweinsau und im Folgejahr zwei weitere Tiere mit nach Angeln und kreuzte sie erfolgreich mit dem Marschschwein. Daraufhin gründeten neun Landwirte in Süderbrarup 1929 den „Verein zur Zucht des Angler Sattelschweins“ und ließen die neue Rasse noch im gleichen Jahr ins Herdbuch eintragen. Im Jahre 1934 sprach der Reichsnährstand (RNST) ein Verbot der Rasse aus. Der RNST war eine Organisation, die in den Jahren 1933 bis 1945 alle Betriebe, Personen und Verbände der Ernährungswirtschaft zwangsweise zusammenfasste und sich vor allem auf die Lenkung der Produktion, des Vertriebs und der Preise von landwirtschaftlichen Erzeugnissen konzentrierte. Als Grund für das Verbot wird vermutet, dass die Tiere nicht „blond“ genug waren und zudem braune Augen hatten.1936 gab es trotzdem über 80.000 Tiere, davon rund 52.000 in der Ursprungsregion Angeln. 1937 wurde das Rasseverbot aufgehoben und das Angler Sattelschwein als eingeschränkt eigenständige Rasse anerkannt. Die Einschränkung bestand bis 1941 und beinhaltete, dass Sattelschweineber südlich des Nord-Ostseekanals nur Sauen ihrer Rasse decken durften.

Höhepunkt und schneller Niedergang der Rasse

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfuhr die Zucht des Angler Sattelschweins noch einmal einen rasanten Aufschwung. Es war anspruchslos in der Fütterung, setzte viel Speck an und erfreute sich als „Wurstschwein“ großer Beliebtheit. Zur Hoch-Zeit, im Jahre 1952, waren 15,6 Prozent der deutschen Herdbuchschweine Angler Sattelschweine. In Schleswig-Holstein betrug der Anteil über 60 Prozent und in Angeln sogar geschätzte 90 Prozent.

Mit Beginn der Wirtschaftswunderjahre zum Ende der 50er Jahre wuchs mit steigendem Wohlstand die Nachfrage nach magerem Fleisch. Für diese Nachfrage war das Angler Sattelschwein schlechter geeignet als die aufkommenden „modernen“ Schweinerassen, die bei Schweinehaltern zunehmend beliebt wurden. 1990 war die Zucht der einst so beliebten Schweine soweit zum Erliegen gekommen, dass das Angler Sattelschwein 1990 von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) zur „Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres“ erklärt wurde. Nach der Deutschen Wiedervereinigung erwarb eine Gruppe engagierter Züchter Tiere vom Tierzuchtgut Hirschfeld in Sachsen, die dort als genetische Reserve gehalten wurden. Unterstützt durch die Landesregierung von Schleswig-Holstein und den Schweinezuchtverband wurden 50 Sauen und vier Eber nach Schleswig-Holstein geholt. Seither bemühen sich die Arbeitsgemeinschaft der Sattelschweinzüchter und der „Förderverein Angler Sattelschwein e. V.“ um den Erhalt und die Verbreitung der Rasse. Die GEH führt das Angler Sattelschwein auf ihrer Liste Gefährdeter Haustierrassen derzeit in der Gefährdungskategorie I (extrem gefährdet).

Zurzeit gibt es in ganz Deutschland (vorwiegend in Schleswig-Holstein) 17 männliche und 54 weibliche Angler Sattelschweine. Weitere Restbestände befinden sich in Ungarn und Tschechien.


Steckbrief:

Das Angler Sattelschwein ist schlappohrig mit schwarz pigmentierter Haut, in der Körpermitte unterbrochen von einem weißen Gürtel bzw. „Sattel“ Die Schweine sind großrahmig (80 bis 95 Zentimeter) und robust und erreichen ein Gewicht von 300 Kilogramm (Sauen) beziehungsweise 350 Kilogramm (Eber). Die anspruchslosen, winterharten Tiere eignen sich als gute Futterverwerter außerordentlich gut für die (ökologische) Freilandhaltung wie etwa die Hütten- oder Weidehaltung. Selbst für tragende Sauen ist die Ernährung mit Gras ausreichend. Pro Wurf ziehen die Sauen im Durchschnitt neun bis zehn Ferkel auf. Aufgrund der hervorragenden Muttereigenschaften der Sau und der reichlich produzierten Milch erreichen die mit relativ geringem Gewicht geborenen Ferkel hohe tägliche Gewichtszunahmen.


Kathrin Kofent

Foto: © Oliver Giel