H5N8-Chronik des WAI zeigt: Entenindustrie biounsicher, Wildvögel und Freilandgeflügel biosicher

18.02.2015. Endlich gibt es eine solide erarbeitete „Chronik der Ausbreitung der Geflügelpest vom Subtyp H5N8 seit 2014 – so der Titel Chronik. Sie stammt vom Wissenschaftsforum Aviäre Influenza (WAI), umfasst das weltweite H5N8-Geschehen und wurde am 15. Februar 2015 auf der WAI-Homepage veröffentlicht. Im Gegensatz zu behördlichen Darstellungen ist die Chronik nicht von irreführender Panik geprägt, sondern von zielführender Nüchternheit. Das ist wohltuend.

Welche Erkenntnisse ergeben sich aus der Chronik? Das Geflügelpestgeschehen, verursacht durch das Vogelgrippe-Virus H5N8, begann im Januar 2014 in Südkorea und breitete sich zunächst nach Japan und  der Volksrepublik China aus. Vorläufer von H5N8 haben sich in China anscheinend aus dem „klassischen“ H5N1-Asia-Typ entwickelt und wurden schon 2010 und 2013 in China entdeckt, so dass dieses Land als Ursprungsland von H5N8 gelten muss. Im November 2014 schwappte H5N8 auf unabhängigen Wegen nach Europa und Nordamerika über.  

In der EU zeigten sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) erstaunt, dass die H5N8-Geflügelpest in Europa kurz nacheinander in deutschen, niederländischen, englischen und italienischen Betrieben der geschlossenen industriellen Geflügelhaltungen auftrat, nicht dagegen in Freilandhaltungen von Geflügel. Die Chronik kann diesen Befund erklären:

1) Das europäische H5N8-Virus stimmt außerordentlich gut mit dem südkoreanischen H5N8-Virus überein. Das weist auf einen engen zeitlichen Zusammenhang des H5N8-Geschehens in Südkorea und der EU hin.

2) Als sich Südkorea Anfang September 2014 offiziell als geflügelpestfrei erklärte, wurde umgehend der Geflügelhandel mit Südkorea wieder aufgenommen, auch in der EU. Wenig später trat die Geflügelpest in Südkorea jedoch wieder auf. Da war es zu spät, das südkoreanische H5N8-Virus von der EU fernzuhalten, es war schon angekommen in der industriellen Entenhaltung der EU. Das konnte unbemerkt geschehen, weil infizierte Enten noch tagelang gesund aussehen können. Solche Enten wurden in England und Deutschland über einige hundert Kilometern hinweg zum Schlachten gebracht, bevor H5N8 auf dem jeweiligen Herkunftsbetrieb entdeckt wurde. Vorher aber, auf den Transporten zum jeweiligen Schlachthof oder vom Schlachthof aus, konnte das Virus ins Freie gelangen. So hat sich vermutlich die Stockente mit H5N8 infiziert, die in Aken (Sachsen-Anhalt) gefunden wurde, in der Nähe des gigantischen Entenschlachthofs Grimme. Auf ähnliche Weise konnte H5N8 vermutlich auch in industrielle Puten- und Legehennen-Haltungen der EU gelangen.

Die europäischen Entenfarmer wissen vermutlich, wie H5N8 auf Entenbetriebe der EU kam. Anders sei laut der Chronik nicht zu erklären, warum bei festgestellter H5N8 auf deutschen und niederländischen Entenfarmen die Vogelart nicht genannt wurde in den H5N8-Meldungen an die OIE. Ein solches selektives Verschweigen ist unüblich und kann als Versuch der Verschleierung gelten. Die Chronik weist auf weitere Fälle des selektiven Verschweigens hin.

Eigenartig sind auch die Aktivitäten rund um die Krickente, die auf Rügen geschossen wurde und bei der zum ersten Mal (17. November 2014) in Deutschland H5N8 bei einem Wildvogel nachgewiesen wurde. An die OIE wurde die Krickente nur als unidentified Anatidae (unbestimmte Ente) gemeldet, obwohl sich Krickenten leicht und sicher bestimmen lassen. Der Grund für die ungenaue Meldung an die OIE könnte brisant sein: Krickenten kommen quer über den eurasischen Kontinent von Fernost bis Mitteleuropa vor. Im Norden dieses Gürtels brüten die Krickenten, im Süden des Gürtels überwintern sie. Der Herbstzug führt die Krickenten also nach Süden und nicht nach Westen. Dennoch musste die Krickente von Rügen als Zeugin für die Spekulation herhalten, dass Krickenten einen wesentlichen Anteil an der Übertragung von H5N8 von Südkorea bis in die EU gehabt haben könnten. Diese waghalsige und sachlich unbegründbare Wildvogel-Spekulation wird von hochrangigen deutschen und EU- Behörden mit Nachdruck vertreten. Möglicherweise, um diese Spekulation nicht zu sehr publik zu machen, wurde die Rügener Krickente nur als unidentified Anatidae an die OIE gemeldet. Als möglich muss auch gelten, dass die geschossene Ente gar keine Krickente war, sondern nur als solche deklariert wurde. Irgendetwas aber stimmt nicht am Umgang mit ihr.

Als Fazit der Chronik kann gelten: Wildvögel und freilaufendes Geflügel haben mit der Einschleppung von H5N8 aus Südkorea in die EU und mit der Ausbreitung von H5N8 innerhalb der EU nichts zu tun. Das geht alles auf das Konto der Enten-Industrie. Also müssen Wildvögel und freilaufendes Geflügel hinsichtlich der der Geflügelpest als biosicher gelten, die Geflügel-Industrie dagegen als biounsicher. Also ist das Aufstallungsgebot für freilaufendes Geflügel sachlich unsinnig. Vielleicht stellt es nichts anderes als eine unlautere Imagekampagne zu Gunsten der Geflügelindustrie dar. Für weitere Details zu H5N8 sei auf die Chronik hingewiesen, die auch viele Literaturquellen enthält.

Sievert Lorenzen

Foto: „Anas crecca 638“ von BS Thurner Hof - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anas_crecca_638.JPG#mediaviewer/File:Anas_crecca_638.JPG