Was ist „chronischer Botulismus“?

Schon wieder keine Antwort

22.06.2015: Schon zehntausend, zwanzigtausend oder vielleicht noch mehr Milchkühe erlagen in den vergangenen fünfzehn oder zwanzig Jahren einer qualvollen chronischen Krankheit. Genaue Zahlen gibt es nicht. Sie kann es nicht geben, weil die Krankheit weder als anzeigepflichtige Tierseuche noch als meldepflichtige Tierkrankheit anerkannt ist. Aber dass es diese Krankheit gibt, geben nach anfänglichem Leugnen auch die Behörden zu. Die Krankheit macht sich zunächst durch Leistungsabfall bemerkbar und führt zu fortschreitenden Lähmungen, Abmagerung, torkelndem unsicherem Gang, hochgekrümmtem Rücken, Schluckstörungen, beidseitiger Pupillenlähmung (gutes diagnostisches Merkmal) und schließlich Zum Festliegen und Tod. Wenn die Kuh vorher noch ein Kalb zur Welt bringt, ist es tot oder nicht überlebensfähig.

Was ist das für eine schreckliche Krankheit, die höchstens im Frühstadium therapiert werden kann, danach aber zum sicheren Tod führt? Wie lässt  sich diese Krankheit vermeiden? Das fragen sich schon über zweitausend Bauern, die die Krankheit auf dem eigenen Betrieb erleben mussten und zum Teil auch selbst erlitten haben. Und die übrigen Milchviehbauern wollen die Krankheit gar nicht erst auf ihrem Betrieb haben.

Das Versagen staatlich geförderter Forschung

Mittlerweile werden Gelder in Millionenhöhe zur Erforschung der Krankheit bereitgestellt. Doch das offiziell anerkannte Ergebnis lautet immer gleich: Die Krankheit sei ein „Geschehen mit unspezifischer Symptomatik“. An dieser Antwort änderte auch das  millionenschwere Forschungsprojekt „Bedeutung von Clostridium botulinum bei chronischem Krankheitsgeschehen“ nichts, das vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Mai 2014 lief und dessen Ergebnisse am 12. September 2014 auf dem Abschlusssymposium in Hannover vorgestellt wurden. Ist die Krankheit womöglich unerforschbar?

Natürlich nicht. Schon der Titel des Projekts verrät, dass der Fokus einseitig auf das Botulismus-Bakterium C. botulinum gerichtet war, nicht etwa auf die Erklärung des Krankheitsgeschehens. Der Grund für die Einseitigkeit ist eine wissenschaftliche Kontroverse. Die Göttinger Wissenschaftler Helge Böhnel, Frank Gessler und Mitarbeiter bezeichneten die Krankheit 2001 als chronischen oder viszeralen Botulismus, denn die Krankheit verläuft ähnlich wie der akute Botulismus, nur viel langsamer, eben chronisch, und mit mehr Komplikationen. Diese Sicht fand viel Anklang, stieß bei Behörden aber auf energischen Widerstand.

Der akute Botulismus wird durch C. botulinum verursacht, genauer: durch dessen äußerst starkes Nervengift, das auch als Leichengift bekannt ist und innerhalb von Tagen zum Tode führen kann. Für das Bakterium wiederum ist Sauerstoff ein starkes Gift, deshalb kann es sich nur in einem sauerstofflosen fauligen Milieu vermehren, vor allem in faulenden Leichen. Die Sporen des Bakteriums sind sehr widerstandsfähig, vertragen Sauerstoff und viele andere Widrigkeiten und können über Jahrzehnte auskeimfähig bleiben. Werden sie mit dem Futter aufgenommen und gelangen zum Beispiel in erkrankte oder verletzte Stellen im Darmtrakt, können sie dort bei Sauerstoffmangel zur aktiven Bakterienform auskeimen, sich vermehren und ihr Gift absondern zum Schaden des Wirts und zum Nutzen des Bakteriums. Doch das Leichengift kann längerfristig auch mit dem angebotenen Futter aufgenommen werden. Eine klare Trennlinie zwischen „chronischem“ und akuten Botulismus gibt es nicht.

In den sogenannten Biogasanlagen wird das brennbare Gas Methan durch Gärung erzeugt. Im Gärsubstrat gibt es also kaum Sauerstoff – ideal für das Gedeihen von C. botulinum in Tierresten, die in das Gärsubstrat gerieten und dort faulen. So entstehen neue Sporen. Werden sie mit den Gärresten auf die Felder ausgebracht, werden sie dort angereichert. Das ist ein chronischer Vorgang, der irgendwann die Schwelle zur Gefährlichkeit überschreiten kann.

Bekannt sind schließlich auch weitere Beobachtungen und Überlegungen, von denen hier nur einige angeführt seien:

1) Wenn Gras dicht über dem Boden abgemäht wird, können zu viele Leichen von Rehkitzen, Junghasen oder anderen Tieren in die Silage geraten und dort zu Brutstätten für C. botulinum werden, so dass in der Silage schon das Leichengift und Sporen gebildet werden können.

2) In Flussniederungen könnten sich im Boden noch Schwermetalle oder andere Gifte befinden, die früher, als Flüsse noch stark verunreinigt waren, bei Überschwemmung abgelagert wurden. Stammt gemähtes Gras von solchen Flächen, kann es schädlich für das Vieh sein.

3) Auf manchen Betrieben begann das Problem „chronischer Botulismus“ exakt mit der Verfütterung von verdorbener Grassilage, die wegen Fäulnis und Schimmel zur Qualitätsstufe IV gehörte, also ungeeignet für die Verfütterung war.

4) Die Krankheit tritt in Nordwestdeutschland stark gehäuft auf, im milchviehreichsten Bundesland Bayern aber kaum. In Bayern ist die dominante Milchkuh das Fleckvieh, in Norddeutschland das schwarzbunte Holstein-Friesian. Spielt dieser Rassenunterschied eine Rolle im Krankheitsgeschehen? Was ist in der bayerischen Milchviehwirtschaft anders als in  Norddeutschland?

5) Wegen Mangelhaftigkeit des Grobfutters wird oft mehr Kraftfutter verfüttert. Es enthält Glyphosat-belastetes Sojaschrot. Glyphosat schadet der Darmflora und begünstigt so die Vermehrung von C. botulinum.

6) Eine genehmigungspflichtige Impfung bietet Kühen einen guten Schutz vor C. botulinum.

Die angeführten Beobachtungen, Denkmöglichkeiten und Erkenntnisse bieten sicherlich genug Ansatzpunkte, sich der Erklärung des Krankheitsbildes „chronischen Botulismus“ zu nähern und Ratschläge zur wirkungsvollen Vermeidung von „chronischen Botulismus“ zu erteilen. Im Forschungsprojekt mit seinem Scheuklappenblick blieben diese Forschungsansätze weitgehend ungenutzt. Das ist zu rügen. Der Vollständigkeit sei hinzugefügt, dass außer C. botulinum noch weitere Clostridium-Arten gibt, zum Beispiel die Erreger von Rauschbrand und Wundstarrkrampf, die im Krankheitsgeschehen auch eine Rolle spielen könnten.

Im Tierschutzgesetz heißt es in Paragraf 1: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Im Fall des „chronischen Botulismus“ wäre es also Aufgabe der staatlich geförderten Forschung gewesen, dem zehntausendfachen Leiden der Kühe ein Ende zu setzen. Dieses Ziel wurde wieder verfehlt. So kommt es, dass Milch und Fleisch von erkrankten Kühen noch immer ganz legal dem menschlichen Verzehr zugeführt werden können.

Ratschläge an Milchbauern

Wichtige Ratschläge sind möglich: Die Milchkühe sollten mit möglichst hochwertigem Grobfutter gefüttert werden. Dann muss auch weniger Kraftfutter zugefüttert werden. Den Milchkühen sollten saubere und tiergerechte Liegeboxen angeboten werden, und wenn diese höher liegen als der Laufgang, sollten sie nicht mit Gummimatten ausgelegt werden, die leicht verschmutzen, sondern mit reichlich Stroh. Natürlich kosten solche Wohlfühl-Maßnahmen Geld, aber wenn mit ihnen das „chronische Krankheitsgeschehen“ vermieden werden kann, ist es gut angelegt. Dafür muss aber der Milchpreis stimmen. In diesem Punkt herrscht Einigkeit.

Sievert Lorenzen

Dieser Artikel ist im PROVIEH-Magazin 04-2014 erschienen, Seite 19.